Frau Pohl, für wen ist die Schulpsychologische Beratungsstelle da?

Bei allen schulischen Problemen und auch akuten Krisensituationen beraten und unterstützen wir Schüler mit ihren Eltern, Lehrkräfte und Schulleitungen. Im Einzelfall gehen wir auch in die Schulen. Wir bilden Beratungslehrkräfte aus, leider haben noch nicht alle Schulen im Landkreis eine Beratungslehrkraft. Manchmal fragen die Schulen auch bei uns nach Fortbildungen an, zum Beispiel, wenn sie über die Unterstützung von Schülern mit Konzentrationsstörungen etwas erfahren wollen oder wir moderieren Supervisionsgruppen für Lehrer. Dort können sich Lehrkräfte in einem vertraulichen, geschützten Rahmen gegenseitig unterstützen, indem sie ihre Erfahrungen austauschen und so vielleicht neue Sichtweisen gewinnen. Grundsätzlich gilt, dass unsere Angebote alle auf freiwilliger Basis sind, niemand kann dazu verdonnert werden, zu uns zu kommen. Wir beraten neutral, ergebnisoffen und unterliegen der Schweigepflicht, nichts dringt nach außen.

Die Schulpsychologin Amrei Pohl (links) spricht mit unserer Mitarbeiterin Ursula Freudig über ihre Arbeit in der Schulpsychologischen Beratungsstelle in Waldshut.
Die Schulpsychologin Amrei Pohl (links) spricht mit unserer Mitarbeiterin Ursula Freudig über ihre Arbeit in der Schulpsychologischen Beratungsstelle in Waldshut. | Bild: Pohl/Freudig

Können Sie konkrete Beispiele für Anliegen und Probleme nennen, mit denen Sie es zu tun haben?

Wenn ein Kind unter Prüfungsangst oder Konzentrationsstörungen leidet, es jeden Morgen, bevor es in die Schule geht, Bauchweh hat, es trotz großer Anstrengungen keine Forstschritte in einem bestimmten Fach macht, sich allgemein in der Schule verweigert oder keinen Anschluss in der Klasse findet – das können Themen sein, mit denen man zu uns kommt. Ein Beispiel für eine akute Krisensituation, bei dem die Schulleitung unsere Unterstützung anfragen könnte, wäre zum Beispiel der Verkehrsunfall eines Schülers, den andere Schüler beobachtet haben. Wir überlegen dann gemeinsam mit dem Krisenteam der Schule, wie alle das Erlebte gut verarbeiten können und wer in der Schule jetzt welche Unterstützung braucht.

Der Hintergrund

Was steht bestenfalls am Ende einer Beratung?

Bei all unseren Beratungsangeboten ist grundsätzlich unser Ziel, mit allen an Schule Beteiligten zu erarbeiten, wie zum Wohle des Kindes ein nächster Schritt in Richtung einer guten Veränderung aussehen könnte. Da sind neben unseren Beratungslehrkräften natürlich auch die Schulsozialarbeiter für uns wichtige Ansprechpartner. Wir verweisen, wenn nötig, auch auf andere Stellen und machen Mut, sich gegebenenfalls auch dort Hilfe zu holen, zum Beispiel bei anderen Beratungsstellen des Landkreises, der Kinder- und Jugendpsychiatrie oder auch bei niedergelassenen Psychotherapeuten.

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Hatten Sie es schon einmal mit einem Amoklauf oder der Androhung eines Amoklaufs durch einen Schüler zu tun und was charakterisiert solche Schüler?

Nein, glücklicherweise noch nie. Schüler, die mit so extremer Gewalt drohen sind häufig extrem frustriert, sie fühlen sich ausgeschlossen, nicht gebraucht und nicht anerkannt. Die Schulen sind mittlerweile auf einem guten Weg genauer hinzuschauen, früher aktiv zu werden und den Schülern Hilfsangebote zu machen.

Derzeit stellt Corona das Schulleben auf den Kopf – hat dies und der damit verbundene Unterricht von Kindern zuhause den Beratungsbedarf erhöht?

Natürlich haben wir in diesem Zusammenhang ganz verschiedene Rückmeldungen von Eltern und Lehrkräften bekommen. Auch Familien, die sich sehr ins Zeug gelegt haben, sind teilweise an ihre Grenzen gekommen. Meiner Wahrnehmung nach, haben aber die meisten Lehrer, Eltern und Schüler bislang unter großen Bemühungen ihr Bestes gegeben, immer hat das aber nicht ausgereicht. Die Coronakrise überfordert alle, weil niemand sich darauf vorbereiten konnte. Merkmal einer Krise ist, dass alte Lösungen nicht mehr greifen, sondern neue Dinge erfunden werden müssen. Das beinhaltet auch Fehler. Es war und ist deshalb unrealistisch, sofort gute Lösungen zu erwarten.

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Hat Corona Ihrer Einschätzung nach Versäumnisse, zum Beispiel bei der Ausstattung der Schulen mit digitalen Medien, offenbart?

Digital gut ausgestattete Schulen waren besser dran. Die Krise zeigt, wie nötig hierfür entsprechende Mittel sind. Die Grundfrage ist aber, wie erreicht man alle Schüler. Die meisten Schulen, mit denen wir in dieser Zeit zu tun hatten, haben es meinem Eindruck nach geschafft, die Verbindung zu halten. Ich kenne Lehrer, die sogar selbst die Aufgaben in die Briefkästen der Schüler gesteckt haben. Auch ohne Videokonferenzen wurde dort die Verbindung gehalten, aber mit wäre es einfacher gewesen.

Digitale Medien helfen Schulen in der Krise, aber reichen sie auch?

Nein. Schulen sind soziale Orte. Man kann davon ausgehen, dass fast allen Schülern ihre Schule als sozialer Ort gefehlt hat. Ich weiß auch von vielen Lehrern, dass sie ihre Schüler vermisst haben und dass Schüler froh waren, als der Präsenzunterricht wieder begann. Natürlich auch, um ihre Freunde wiederzusehen. Die bekannte Hattie-Studie, in die viele Bildungsstudien eingeflossen sind, besagt, dass mit das Wichtigste für den Lernerfolg in der Schule die Beziehung zwischen Lehrkraft und Schüler ist. Ein Schüler lernt nicht nur, weil ein Stoff ihn interessiert, sondern weil ein Lehrer ihn vermittelt, der an ihn glaubt, sich mit ihm über Fortschritte freut und Fehler toleriert. Ich denke, durch Corona haben beide Seiten gespürt, dass es diese Beziehung, die man in der persönlichen Begegnung erleben muss, braucht.

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Glauben Sie, dass durch Corona Schüler den Anschluss verpassen werden?

Es besteht durchaus die Gefahr, dass benachteiligte Schüler noch mehr den Anschluss verlieren. Die Schulen müssen deshalb noch genauer schauen, wo jedes einzelne Kind steht und individuell fördern. Schon vor Corona war die Heterogenität unter den Schülern groß, sie ist jetzt vielleicht noch etwas größer geworden. Mein Eindruck ist, dass durch die aktuelle Situation das Problem der unterschiedlichen Wissensstände der Schüler noch deutlicher geworden ist. Ich traue den Schulen aber zu, dass sie den verloren gegangenen Stoff wieder aufholen und wenn es ihnen in Zusammenarbeit mit den Eltern gelingt, genau auf jedes einzelne Kind zu schauen, um zu erkennen, wo es Förderung braucht, kann es meiner Ansicht nach gelingen, die negativen Folgen von Corona für Schüler aufzufangen. Es hilft auf jeden Fall nichts, von einer verlorenen Generation zu reden oder zu sagen, die Schulen, die Lehrer, die Eltern sind schuld.

Sehen Sie in nächster Zeit gravierende Veränderungen?

Alle müssen sich weiterhin auf eine Durststrecke einstellen und Unsicherheit aushalten. Verschwörungstheoretiker können das nicht, deshalb müssen sie jemandem die Schuld geben. Eine Diskussion darüber, was man hätte anders machen können, oder was anders gelaufen wäre, wenn wir zum Beispiel mit der Digitalisierung weiter wären, ist weniger hilfreich. Es gibt aktuell keine einfache Lösung für die Corona-Krise, jeder Schritt muss täglich neu geprüft werden. Was heute noch gilt, kann morgen anders sein. Tritt zum Beispiel in einer Schule ein Corona-Fall auf, muss am nächsten Tag alles umgestellt werden.

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Haben Sie zum Abschluss noch einen Ratschlag für Eltern von Schülern, denen die Situation über den Kopf wächst?

Den Anspruch runter schrauben, Eltern müssen und können keine Hilfslehrer sein. Und das Gespräch suchen, gezielt Lehrer ansprechen und klar formulieren, was sie brauchen. Nur miteinander kann es gelingen, durch diese Krise zu kommen.

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