Rudelgucken – vornehmer: Public Viewing – wurde im Vorfeld der in Deutschland ausgetragenen Fußball-WM 2006 erfunden. Grund: Für deutsche Fußballfans gabs nicht genügend Eintrittskarten in die heimischen Stadien, weil in denen auch die angereisten Fans der Gästemannschaften untergebracht werden mussten. Weshalb die FIFA die kostenfreie Übertragung der Spiele auf Großleinwänden genehmigte. Hunderttausende machten daraus eine riesige Party, das sogenannte deutsche Sommermärchen.

Das könnte Sie auch interessieren

Lang ist es her, das Märchen wurde vom Alptraum Corona abgelöst. Und auch wenn das Schlimmste wohl überstanden ist, wird‘s von den Spielen der am Freitag beginnenden Fußball-EM wohl nirgendwo bei uns das klassische Public Viewing geben. Vielleicht zeigt da und dort in einer Gartenwirtschaft oder im Straßencafé ein TV-Gerät die Europameisterschaft, in die die deutsche Elf am 15. Juni in München gegen den Favoriten Frankreich einsteigen wird. Aber das wird es dann wohl auch schon sein.

Wobei solche Mini-Ausgaben des Public Viewing an dessen Ursprünge erinnern. Wie an die Szene, als am 29. Juni 1986 Waldshuter Fußballfans auf der Kaiserstraße vor der Glotze hockten. Es war ein Grüppchen von vielleicht zwölf Leuten, vor denen ein einziger Fernsehapparat im Schaufenster des damaligen TV-Geschäfts Siebler flimmerte.

Das könnte Sie auch interessieren

„Deutschland wird Weltmeister“, skandierten die jungen Leute, dabei stand es im Finale in Mexiko-Stadt bereits 2:0 für Argentinien. Doch der Optimismus hielt das mitfiebernde Dutzend auf den mitgebrachten Campingstühlen und einer aus einem Baustellenbrett improvisierten Sitzbank vor dem TV-Schaufenster. Und der Glaube der Fans schien belohnt zu werden, als Rummenigge in der 74. Minute und Rudi Völler in der 82. Minute das 2:2 schafften. Doch drei Minuten später stand es 3:2 durch Burruchaga, Argentinien war Weltmeister. Teamchef Beckenbauer musste sich bis zur nächsten WM in Italien gedulden. 1990 holte sich die deutsche Elf durch ein 1:0 gegen den erneuten Finalgegner Argentinien ihren dritten WM-Titel.

albbote.redaktion@suedkurier.de