So viele Pferde gab es in Gurtweil wohl noch nie. Auf den beiden Pferdehöfen am Fischersteg und im Gewann Weihermatte bewegen sich derzeit mehr als 50 Tiere. Wie kommt das? Wie leben die Tiere? Pferdetrainerin und Reitlehrerin Sandra Roloff gewährt einen Einblick in die Arbeit im Pferdezentrum Hochrhein.

Das Pferdezentrum Hochrhein im Vordergrund liegt südlich von Gurtweil (im Bildhintergrund). Vor genau einem Jahr hat Sandra Roloff den ...
Das Pferdezentrum Hochrhein im Vordergrund liegt südlich von Gurtweil (im Bildhintergrund). Vor genau einem Jahr hat Sandra Roloff den Weihermatthof in Pacht übernommen und betreibt ihn mit großer Leidenschaft. | Bild: Raymund Grägel

Zwischen früher und heute

Zwar gab es nach dem Zweiten Weltkrieg in dem damals noch landwirtschaftlich geprägten Dorf vereinzelt Pferde als Nutztiere. Inzwischen aber dienen die Vierbeiner fast ausschließlich der Freizeitgestaltung. Und jetzt entwickelt sich im Pferdezentrum Hochrhein ein professionell gestaltetes Angebot. Sandra Roloff, eine selbstständige Pferdetrainerin und Reitlehrerin (Altkalifornisches Westernreiten & Natural Horsemanship) hat den Pferdehof in der Weihermatte vor einem Jahr am 1. Mai 2021 als Pächterin übernommen.

30 Pferde verschiedenster Rassen

Auf den Hof- und Weideflächen mit einem sogenannten bewegungsanregenden Laufstall gibt es derzeit rund 30 Pferde verschiedenster Rassen und Nutzungszwecke. Zuchtstuten, Pensionstiere, Trainingspferde und Schulpferde leben zusammen in einem harmonischen Herdenverband.

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Möglichkeit zur sozialen Interaktion

Auch für die Deckhengste des Betriebes stehen helle Auslaufboxen mit Kontakt zum Nachbarhengst zur Verfügung, damit auch sie, wie jedes andere Pferd auch, die Möglichkeit zu sozialen Interaktion haben. „Nur wenn es der Psyche der Tiere gut geht, sind sie auch leistungsbereit“, erklärt Sandra Roloff.

Im Pferdezentrum kamen in diesem Frühjahr bereits sechs Fohlen auf die Welt. Und Anfang Mai durfte dieses vier Tage alte Fohlen erstmals ...
Im Pferdezentrum kamen in diesem Frühjahr bereits sechs Fohlen auf die Welt. Und Anfang Mai durfte dieses vier Tage alte Fohlen erstmals mit seiner Mama auf die Pferdekoppel. | Bild: Alfred Scheuble

Pferdezucht ist ihre Leidenschaft

Sie hat vor zwölf Jahren mit der Pferdezucht begonnen und sagt darüber: „Es wurde zur Leidenschaft.“ Bereits im Kleinkindalter hatte sie über ihre Familie viel mit Pferden zu tun. Die Ausbildung machte sie dann allerdings erst als Verwaltungsangestellte, denn ihr Vater meinte: „Du musst was Richtiges lernen.“

Ausbildung zur Trainerin auch in Südfrankreich

Schließlich aber ließ sie die Liebe zum Pferd nicht los und nach weiteren Jahren der Ausbildung zur Pferdetrainerin, unter anderem auch in Südfrankreich, machte sie sich 2008 selbstständig. Vor allem „die Sanftmütigkeit und die Reflexion ihres Gegenübers“, so Sandra Roloff, fasziniere sie uneingeschränkt. Und deshalb habe sie sich inzwischen mit dem Pferdehof eine kleine Insel, ein kleines Paradies, wie sie es nennt, geschaffen.

Arbeitspferde aus Amerika und Mexiko

Das Fundament des Betriebs, erzählt die Pferdeliebhaberin weiter, bilde die Zucht von sogenannten Quarter Horses und Azteca Horses. Beides sind Arbeitspferde aus Amerika und Mexiko. Dazu kommt die klassische Pferdepension mit den Schwerpunkten Füttern, Misten, Weiden, tierärztliche Versorgung und professionelle Betreuung der Tiere. Darüber hinaus zählt zum Angebot des Pferdezentrums der Reitunterricht für Kinder ab vier Jahren, für den seit Januar 2022 der Kinderreitlehrer Tim Wohlrab zuständig ist.

Reitunterricht auch für Erwachsene

Auch für Erwachsene vom Anfänger bis zum Fortgeschrittenen gibt es professionellen Reitunterricht. Zum Angebot auf dem Pferdehof gehört auch das Training und die Ausbildung von Fremdpferden sowie die Rehabilitation von Pferden mit körperlichen und psychischen Beeinträchtigungen. „Es kommen viele Leute zu mir und erzählen von ihrem Leidensweg und den Problemen mit ihrem Pferd“, berichtet die Trainerin.

Beziehung zum Menschen neu ausrichten

Problempferde, die beißen, sich nicht reiten lassen und sonstige Fehlverhalten zeigen, werden quasi resettet und in der Beziehung zum Menschen neu ausgerichtet. „Ich bin sozusagen eine Dolmetscherin zwischen Menschen und Pferden“, erklärt die Pferdeexpertin. Ihre Kundschaft kommt aus den umliegenden Orten, regional und überregional und vor allem aus der benachbarten Schweiz und aus Frankreich.

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Im Laufstall statt in Boxen

An ihrem neuen Standort in Gurtweil hat Sandra Roloff bereits einiges modernisiert. Sie ließ neue Weidezäune und eine Reitplatzumrandung errichten. Auch schuf sie die Möglichkeit zur Herdenhaltung im Laufstall statt in Boxen. Roloff will somit eine artgerechtere Pferdehaltung und eine entspannte Freizeitatmosphäre für Pferdemenschen ohne viel Schnickschnack bewirken.

Seit zwei Monaten läuft außerdem eine Zusammenarbeit mit den Caritaswerkstätten Hochrhein für zwei Mitarbeiter. Das sogenannte Projekt Tandem IV dient dazu, Menschen mit Behinderung sozial-integrativ im freien Arbeitsmarkt zu begleiten. Zurzeit macht zusätzlich die 14-jährige Realschülerin Lina-Marie Schäfer ein Praktikum. Sie sagt: „Ich mag Pferde“, und sie ergänzt: „Ich will vielleicht mal Tierärztin werden.“

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