Am westlichen Ortsrand von Tiengen nimmt das Großprojekt Am Kaltenbach des Freiburger Unternehmens Oekogeno für genossenschaftlichen Wohnbau Gestalt an. Seit März laufen die Hochbauarbeiten, an deren Beginn das Ausheben einer riesigen Baugrube für die Tiefgarage steht. Währenddessen sehen die Anwohner mit unverminderter Sorge den zu erwartenden Erschließungsbeiträgen entgegen.

Während in der Stadt seit Jahren knapp gewordenes Bauland und Mangel an Wohnungen ein Thema ist, entsteht in dem idyllischen Fleckchen zwischen der Ortsdurchfahrt und der Wutach eine neue Siedlung. Nach Angaben von Oekogeno sollen hier später einmal 150 bis 200 Menschen leben. Das Projekt umfasst unter anderem 56 Wohnungen. 32 davon sollen als Eigentumswohnungen verkauft werden, 24 sind als Teil eines inklusiven genossenschaftlichen Mehrgenerationen-Wohnprojekts vorgesehen. Hinzu kommen 12 Einfamilienhäuser.

Wie Oekogeno-Sprecher Thomas Bauer auf Anfrage berichtete, liegt das Projekt im bisher vorgesehenen Zeitplan. Demzufolge sollen im dritten Quartal 2021 die ersten Eigentumswohnungen fertiggestellt werden. Bauer: „Wir werden Ende des zweiten Quartals 2020 mit der Vermarktung der genossenschaftlichen Mietwohnungen und der Eigentumswohnungen beginnen.“

Laut Projektbeschreibung ist die neue Siedlung Am Kaltenbach als „nachhaltiges Modellquartier“ ausgelegt. Die Genossenschaft: „Dazu ist ein Mobilitätskonzept mit E-Car-Sharing und eine fahrradoptimierte Quartiersplanung ebenso geplant wie eine Nahwärmeversorgung und ein Mieterstrommodell mit Blockheizkraftwerk und Photovoltaik.“ Die Häuser sollen in Holzbauweise und mit hochenergieeffizientem Standard errichtet werden. Oekogeno: „Beim gesamten Quartier steht das Thema Gemeinschaft im Mittelpunkt, mit zahlreichen Gemeinschaftsflächen wie einem Quartiersplatz, Gemeinschaftsgärten, Grünflächen, Kinderspielzonen und einer Feuerstelle.“

Die 24 genossenschaftlichen Wohnungen werden vermietet durch eine separate Genossenschaft, die eigens für das Wohnprojekt in Tiengen gegründet wurde. Geplant ist ein Konzept mit Selbstverwaltung und Selbstorganisation. Wer eine der Wohnungen mieten möchte, muss Mitglied der Genossenschaft werden.

Anliegersorgen wegen Erschließung

Für Eigentümer von Häusern, die seit Jahrzehnten im Gebiet Am Kaltenbach in Tiengen stehen, bringt das neue Wohnquartier unerfreuliche Nebenwirkungen in Form von Erschließungsbeiträgen.

Betroffen sind unter anderem Eigentümer von vier Einfamilienhäusern, deren Abwässer bislang durch eigene Klärgruben entsorgt wurden. Sie müssen sich laut den gesetzlichen Vorgaben an das städtische Kanalnetz anschließen lassen, das die Stadt bis ans Oekogeno-Grundstück gelegt hat. Auch an den Kosten der neuen Straße müssen sie sich beteiligen. Nach bisherigen Schätzungen ist jeweils insgesamt mit mehreren 10.000 Euro zu rechnen. Die genauen Summen stehen erst nach Gesamtabrechnung der Maßnahme fest.

Weil sie bereits an den Kanal angeschlossen ist, muss Anliegerin Gerlinde Maibaum, Inhaberin eines zweigeschossigen Einfamilienhauses, zwar lediglich für die Straßenbauarbeiten bezahlen. Das stellt sie gleichwohl für Probleme. Denn nach ihren Informationen wird die Rechnung sich auf geschätzte 30.000 Euro belaufen. In Härtefällen kann die Stadt Beitragsschuldern einen Zahlungsaufschub gewähren, Stundung genannt. Nach Auskunft von Bürgermeister Joachim Baumert wird dabei monatlich ein Zinssatz von 0,5 Prozent berechnet. Bei einem Betrag von 30.000 Euro wären das 150 Euro. Nach welchem Zeitraum dann am Ende der Erschließungsbeitrag zu bezahlen ist, wird individuell festgelegt.

Gerlinde Maibaum erklärt, dass sie seit dem Tod ihres Mannes vor rund 40 Jahren von einer kleinen Witwenrente leben müsse und deswegen auch nichts habe ansparen können. Stundungs-Zinsen könne sie sich genausowenig leisten wie den eigentlichen Erschließungsbetrag. Die 75-Jährige sagt angesichts der bevorstehenden Rechnung: „Ich habe schlaflose Nächte.“ (ger)