Zwischen 9000 und 10000 Menschen begehen laut Deutscher Depressionshilfe jährlich Selbstmord in Deutschland. „Doch so muss und sollte der Weg mit einer psychischen Erkrankung nicht enden“, diese Botschaft wollen die Teilnehmer der Mut-Tour 2022 senden. Gemeinsam fahren sie mit dem Fahrrad 2450 Kilometer durch ganz Deutschland und machen in verschiedensten Städten halt, um auf die Häufigkeit und Ernsthaftigkeit von Depressionen aufmerksam zu machen.

Von Karlsruhe aus kommen die Radfahrer der Etappe, die am 15. August in Waldshut ankamen. Seit vergangener Woche seien sie unterwegs teilen die beiden Teilnehmer Marcel Schmitz und Thorsten Müller mit. Beide sind selbst von Depressionen betroffen und erzählen sehr offen über ihre Erkrankung und ihre Teilnahme an der Mut-Tour.

Betroffene teilen eigene Erfahrung

„Meine Diagnose kam 2020“, sagt Marcel Schmitz. Seine Depression habe ihn während der Hochphase der Corona-Pandemie übermannt: „Meine Frau ist Fotografin und war durch Corona natürlich erheblich beruflich eingeschränkt. Ich hatte das Gefühl ich muss unbedingt funktionieren als Mann, als Vater, als Arbeitnehmer, dieser Druck in Kombination mit der unruhigen Stimmung in der Gesellschaft und der sozialen Isolation brachten mich irgendwann an einen Punkt, wo ich einfach nicht mehr konnte.“

Marcel Schmitz (rechts) und Thorsten Müller (links) machen 2450 Kilometer langen Tour auf Depressionen aufmerksam. Der Smiley steht für ...
Marcel Schmitz (rechts) und Thorsten Müller (links) machen 2450 Kilometer langen Tour auf Depressionen aufmerksam. Der Smiley steht für alle Erkrankten, die unerkannt bleiben. | Bild: Jannic Hofmuth

Sein allgemeiner Rat an jeden, der sich ähnlich fühlt, ist den Hausarzt aufzusuchen: „Der Hausarzt ist immer eine professionelle Anlaufstelle. Bei mir wurden damals mehrere Untersuchungen durchgeführt, da ich bereits von meiner psychischen Erkrankung körperlich beeinträchtigt war.“

Thorsten Müller rät zum Austausch mit Bekannten: „Diese Angst, sich anderen mitzuteilen, stellt sich im Nachhinein meistens als unbegründet heraus. Als ich begann, mich meinem Umfeld zu öffnen, habe ich festgestellt, dass 75 Prozent Menschen irgendeine Erfahrung mit dem Thema psychische Erkrankung haben oder sogar selbst gerade eine depressive Episode durchleben.“

Das könnte Sie auch interessieren

Außer der positiven Erfahrung, sich mit anderen Menschen auszutauschen sieht der 41-Jährige einen noch größeren Vorteil im Gespräch mit Freunden: „In dem Moment, in dem man anderen von seiner Krankheit erzählt, gesteht man sie sich auch oft erst ein, dass man krank ist.“

Richtiger Umgang mit psychisch erkrankten Menschen

Marcel Schmitz erwähnt außerdem, dass es besonders für Angehörige wichtig sei, richtig mit dem Thema umzugehen. Oftmals seien nämlich gut gemeinte Taten und Worte gerade kontraproduktiv: „Oft wurde ich zum Beispiel in meinem Beruf in Watte gepackt und mir wurde nicht mehr viel zugetraut, was mir noch mehr geschadet hat. Denn ich wollte arbeiten, Depression hat nichts mit Faulheit zu tun. Mittlerweile kann ich wieder selbst entscheiden, wie viel ich mir zutraue und das hilft mir sehr. Auch im Privaten meinen es Angehörige oft gut, aber handeln genau falsch. In der Therapie gibt es den Spruch „Auch Ratschläge sind Schläge“, weil vermeintlich unterstützende Tipps oft noch mehr Druck auf depressive Menschen ausüben.“

Das könnte Sie auch interessieren

Die Frage, ob es konkrete Möglichkeiten gibt an sich selbst oder bei anderen festzustellen, ob sie möglicherweise an einer psychischen Erkrankung leiden, antwortet Thorsten Müller: „Einzelne Anzeichen gibt es auf jeden Fall. Starke Gewichtsschwankungen, Antriebslosigkeit oder ein gestörter Schlafrhythmus können erste Merkmale einer psychischen Krankheit sein, die man nicht ignorieren sollte. Wenn ich merke, dass mir Dinge, die mich immer begeistert haben, plötzlich keine Freude mehr machen, dann sollte ich mich fragen, was der Grund dafür ist.“ Das Wichtigste sei, seinem eigenen Gefühl zu vertrauen und ehrlich zu sich und anderen zu sein, sind sich die beiden MUT-Spender, wie Teilnehmer der Tour auch gerne genannt werden, einig.

Über die Erfahrung mit der Mut-Tour berichtet Thorsten Müller: „Es gibt wenig Komfort, wenn man durchgehend mit dem Fahrrad unterwegs ist und draußen campt. Auch mit fremden Menschen überhaupt so ein Abenteuer zu wagen, verlangt einem schon etwas ab, doch genau deswegen, wird diese Erfahrung mich nachhaltig bekräftigen.“

Als Schlusswort gibt Marcel Schmitz noch einen eindringlichen Appell mit: „Weniger über das Wetter reden und mehr über die Themen, die uns wirklich bedrücken!“