Herr Ebe, Sie sind seit über vier Jahren in Rente. Da möchte man doch morgens gerne etwas länger im Bett bleiben, statt in aller Frühe die Zeitung von Haus zu Haus zu tragen?

Das frühe Aufstehen bekommt mir gut. Es ist eine Mischung aus Disziplin und Gewohnheit. Manchmal überwiegt das eine, mal das andere. Wenn man das schon so lange macht, bedeutet es nicht die Last, die andere dahinter vermuten. Natürlich sind nicht alle Tage gleich, mein größter Gegenspieler ist das Wetter: Sturm, Kälte, Glatteis, Regen.

Dazu braucht man sicherlich einen eisernen Willen, denn im Winter ist es noch stockdunkel, Straßen und Hauseingänge können glatt sein.

Der Winter bringt natürlich zusätzliche Herausforderungen, aber ich stelle mich durch eine entsprechende Kleidung darauf ein. Schuhe mit Spikes, gute Handschuhe und Mütze. An manchen Tagen, wenn das Paket sehr schwer ist, teile ich die Tour in zwei Runden auf. Ich benutze kein Fahrzeug, ich mache alles aus eigener Kraft. Ich bekomme die Zeitungen direkt ans Haus geliefert, so dass ich mit meiner Runde direkt am Haus beginnen kann. Ich bin etwa eine Stunde unterwegs und lege dabei vier Kilometer zurück. Das hält fit.

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Morgenstund hat Gold im Mund. Sehen Sie das auch so?

Ja. Seit ich in der Rente bin, brauche ich eine feste Struktur für meinen Tagesablauf. Und das beginnt mit dieser Aufgabe, die mich schon am frühen Morgen fordert und mir einen guten Start in den Tag ermöglicht. Den Morgen zu erleben, wenn das Dorf langsam erwacht, das ist schon etwas Besonderes.

Als Wanderer sind Sie schon auf einigen Fernrouten unterwegs gewesen.

Ja. Den Anfang habe ich mit einer Alpenüberquerung auf dem E 5 (Anm. d. Red.: Europäischer Fernwanderweg) gemacht. Dann den GR 20 auf Korsika, eine recht anspruchsvolle Tour und vor zwei Jahren den lykischen Pfad im Süden der Türkei. Daneben habe ich auch Radtouren gemacht, allerdings weniger spektakuläre. Und einmal bin ich mit meinem Nachbarn per Wohnwagen zum Nordkap getourt.

Lief das immer problemlos?

Es gab immer wieder Pannen zu meistern, aber am Ende haben wir immer unser Ziel erreicht. In der Türkei wären wir fast vertrocknet, auf Korsika fast verhungert.

Welche Tour ist Ihnen in besonderer Erinnerung geblieben?

Jede Tour hatte ihren besonderen Reiz, eine Rangfolge zu erstellen, macht wohl keinen Sinn.

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Träumen Sie auch davon, einmal den Jakobsweg zu laufen?

Ja, ich habe oft davon geträumt, aber derzeit stehen für mich andere Aufgaben im Vordergrund. Im Moment träume ich vom Hotzenwald-Querweg, in Gesellschaft zu wandern, die Wiese, die Wehra, die Murg und die Alb zu durchqueren und von den Höhen das Rheintal und den Jura zu erblicken. Von Schopfheim in zwei Tagen nach Oberalpfen, ohne anstrengende Hin- und Rückreise, bei passendem Wetter. Es gibt auch bei uns viele schöne Ziele, man muss nicht immer in die Ferne schweifen.

Auch das Singen ist für Sie eine Leidenschaft.

Ich bin Mitglied des Männergesangvereins Oberalpfen und ich singe beim Projektchor in Waldkirch mit. Der besondere Klang, den man nur im Chor erfahren kann, empfinde ich als etwas Besonderes. Das gemeinsame Singen führt zu Kontakten, die man sonst nicht hätte. Früher habe ich im Musikverein gespielt, dort war der zeitliche Aufwand deutlich höher. So viel Zeit möchte ich heute nicht mehr investieren.

Eigentlich stand für dieses Jahr das hundertjährige Jubiläum des Männergesangvereins auf dem Programm.

Ja, das kann nun leider nicht stattfinden. Aber das holen wir nächstes Jahr nach, das lassen wir uns nicht nehmen.

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Thema Wald: Was ist an der Waldarbeit so reizvoll?

Das ist das Erlebnis der Natur. Es muss aber in passenden Portionen sein und darf nicht in Akkordarbeit ausarten. Ich schätze dabei das Gefühl, mit der Natur in Einklang zu sein.

Im Moment bieten unsere Wälder einen desolaten Anblick.

Das Waldsterben durch Dürre, Käfer und Sturm hat das Bild unserer Wälder grundlegend verändert. Wir stehen jetzt vor der Wahl, alles der Natur zu überlassen oder wir versuchen den teuren Boden mit Erfolg zu bewirtschaften.

Ist der Wald zu einem Zuschussbetrieb geworden?

Im Moment übersteigen die Kosten bei weitem die Erlöse oder es gibt nur Kosten. Man muss den Wald so beeinflussen, dass er überlebt und die aufgewendete Arbeit belohnt wird. Dazu ist eine neue Sichtweise auf den Wald notwendig, ihn weniger auszubeuten. Ob wir den richtigen Weg durch den Klimawandel finden, bleibt eine generationenübergreifende Aufgabe.

Sie haben schon einiges geleistet, um den Wald wieder auf die Beine zu helfen.

Ja, wir haben eine große Pflanzaktion gestartet und 2400 neue Bäume gepflanzt – eine Knochenarbeit, die Wochen in Anspruch genommen hat. Ziel ist, von den Monokulturen wegzukommen und neue, klimaresistente Mischkulturen aufzubauen. Wir müssen dabei auch an die Zukunft unserer Kinder denken, wir dürfen nicht resignieren. Manchmal fühle ich mich wie im Krieg. Bis in zehn Jahren werden wir sehen, ob wir ihn gewinnen können und ob es überhaupt noch einen Ausweg gibt. Jedenfalls ist ein grundlegendes Umdenken erforderlich.

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