Der Schnee in Waldshut ist fast meterhoch gelegen, da informierte eine Notiz im Alb-Bote vom 6. Februar 1952, die in Brasilien auf den Kaffeeplantagen lebenden Kinder legten den langen Weg zur Schule zu Pferd zurück. Wie aber kriegt man die Kurve vom schneelosen Brasilien zum froststarrenden Hochrhein? Die Notiz schaffte es mit dem nächsten Satz: Beim Waldshuter Gymnasium reiten nicht die Schüler, sondern ein Lehrer!

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Ja, tatsächlich, ein auf dem Pferd zum Unterricht kommender Lehrer, allerdings auch nur, wenn es so viel Schnee hatte, dass das Stahlross im Schuppen bleiben musste. „So zog am Montag früh“, so die Notiz weiter, „nach den vorausgegangenen heftigen Schneefällen Studienassessor Dr. Emil Müller auf dem Ettikoner Hof seine ,Gretel‘ aus dem Stall und trabte und galoppierte am rauschenden Lauffen vorbei und über die Bannschacher Brücke durch den schneeigen Wintermorgen dem Gymnasium zu. Fahrende Schüler gab es schon zu Zeiten des Meistersingers Hans Sachs und gibt‘s auch heute noch viele. Einen reitenden Lehrer aber gibt‘s nur am Gymnasium Waldshut.“

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Der spätere Oberstudienrat Dr. Emil Müller (1911 bis 1985) hatte in Freiburg sein Staatsexamen als Philologe abgelegt. Nach kurzem Schuldienst zur Wehrmacht eingezogen, geriet er zu Kriegsende in Gefangenschaft. Zurückgekehrt, bewirtschaftete er in der Nachfolge seines Vaters den Ettikoner Hof. Seit 1948, dem Jahr der Eheschließung, war die Schule wieder sein Arbeitsfeld, aber bis zum Ablauf der Pacht der Landwirtschaft 1952 musste er dem Doppelberuf als Lehrer und Bauer gerecht werden. Für die wachsende Familie – drei Töchter, ein Sohn – errichtete er in Ettikon das eigene Haus. 1971 ernannte ihn die Gemeinde Kadelburg zum Ehrenbürger, womit vor allem sein schriftstellerisches Schaffen und seine Mitarbeit im Geschichtsverein Hochrhein und im Küssaburgbund gewürdigt wurden. Seine lokal- und regionalhistorischen Arbeiten umfassten neben zahlreichen Artikeln in Zeitungen rund zwei Dutzend größere Werke.