Frau Betz, Sie absolvieren derzeit Ihr Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) beim Deutschen Roten Kreuz in Waldshut und wurden jüngst zu dem Badeunfall ins Albbrucker Freibad gerufen, bei dem ein sechsjähriger Junge leblos im Wasser trieb. Was ist Ihnen da durch den Kopf gegangen?

Wir waren gerade in der Waldshuter Schmittenau und wollten Feierabend nach einem Einsatz machen, als der Alarm kam. Wir haben dann den Einsatzort und das Einsatzbild bekommen und gesehen, dass es sich um ein Kind handelt, das möglicherweise reanimiert werden muss.

Da wird einem schon ganz anders, auch wenn ich sonst sehr hart im Nehmen bin. Glücklicherweise hatte der Schwimmmeister in dem Fall alles unter Kontrolle und als wir ankamen, war der Junge wach und der Kreislauf stabil.

Schwimmmeister Sebastian Gleichauf rettete im Freibad Albbruck einem sechsjährigen Jungen das Leben.
Schwimmmeister Sebastian Gleichauf rettete im Freibad Albbruck einem sechsjährigen Jungen das Leben. | Bild: Verena Wehrle

Aber solche Meldungen sind heftig, gerade wenn man daran denkt, dass man gleich ein Kind reanimieren muss.

Wie viele Einsätze gehen in der Regel gut aus?

Es gibt viele schlimme Einsätze, wie mit Verbrennungsopfern oder gerade auch tödliche Unfälle mit Kindern, aber Gott sei Dank ist das nicht oft der Fall. Die Situationen, bei denen man Menschen helfen kann, liegen bei über 90 Prozent. Natürlich gibt es die zehn Prozent, wo man nicht mehr helfen kann.

Aber der Retter lebt davon, einem Menschen aktiv zu helfen, Schmerzen zu lindern, lebenswichtige Funktionen wieder herzustellen. Das ist das, was uns Mitarbeitenden trägt. Und dann kommt ein Brieflein an. Oder eine Tafel Schokolade. Die Dankbarkeit ist sehr groß. Man gibt und bekommt etwas zurück.

Gibt es psychologische Unterstützung nach besonders schweren Einsätzen?

Ja, die gibt es und es wird jedem, der in den Rettungsdienst einsteigt, geraten: ‚Red über das Erlebte. Am besten mit den Leuten, mit denen man im Einsatz war.‘ Es können aber auch Freunde oder Familie sein. Es gibt auch psychologische Nachsorge für Einsatzkräfte von speziell geschulten Kollegen. Aber bei uns vor Ort hat jeder ein offenes Ohr.

Sie sind gerade 19 Jahre alt, haben 2021 ihr Abitur am Hochrhein-Gymnasium absolviert und absolvieren derzeit Ihr FSJ. Wollen Sie beim DRK bleiben?

Unbedingt. Ich bin hier am Anfang rein gekommen, total unwissend und verunsichert, hab mir das am Anfang auch alles gar nicht richtig zugetraut, aber ich wurde hier aufgenommen, als wäre ich schon ewig dabei. Da war für die Kollegen von vornherein klar, hey, wir waren auch mal an dem Punkt und deshalb haben mich alle unter ihre Fittiche genommen. Und es war schnell klar: Ich habe hier Freunde und Familie fürs Leben gefunden. Es ist toll, wenn man zwölf Stunden im Auto zusammen sitzt mit Leuten, die man wirklich gern hat, die einen unterstützen und fördern. Das hat mir so imponiert, dass für mich klar war: Ich bleibe hier. Und ab 2023 werde ich dann als hauptamtliche Rettungssanitäterin arbeiten.

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Was ändert sich dann genau für Sie?

Vom Arbeitsbereich verändert sich nach dem FSJ eigentlich nur eins, denn ich sollte als FSJlerin keine Verantwortung tragen. Zwar bin ich auf dem großen Rettungswagen der Fahrer, darf hinten aber keine Entscheidungen treffen. Ich transportiere nur und unterstütze. Auf den Krankentransportwagen ist es ebenso der Fall, dass ich nur als Fahrer eingeteilt bin. Als Rettungssanitäter ist man dann der Beifahrer und hat die Verantwortung. Allerdings bekommen wir bereits als FSJler in Waldshut ermöglicht, reale Einsätze mitzufahren. Das ist auch gut so, denn so bekommt man einen echten Einblick in die Arbeit und wird nicht plötzlich überrascht. Viele merken im FSJ dann schon, ob die Arbeit in der Rettung etwas für sie ist oder sie lieber im Krankentransport aktiv sein möchte, der etwas ruhiger ist.

Finden Sie als Fahrerin eigentlich immer alle Einsatzorte?

Wir haben sehr genaue Navis, die auch zeigen, wo Baustellen oder Umleitungen sind. Es kam auch schon mal vor, dass Koordinaten geschickt wurden, wenn sich jemand mitten auf dem Feld aufhält. Das findet das Navi auch. Bisher ist es bei mir noch nie vorgekommen, dass ich einen Einsatzort oder Patienten nicht gefunden habe.

Als Sie Ihr FSJ beim DRK begonnen haben, waren Sie ja noch voll in der Corona-Zeit dabei. Wie war da der Einstieg?

Na klar gab es da zum Beispiel noch die Maskenpflicht, aber die hatte ich in der Schule ja auch. Das Einzige, was sich wirklich für mich verändert hatte, war, dass ich direkten Kontakt zu Corona-Patienten hatte und manchmal wurde die Infektion noch nicht entdeckt, weshalb wir dann keine Schutzkleidung getragen haben. Da hat man sich dann schon Gedanken gemacht.

Hatten Sie Angst, sich selbst zu infizieren?

Ich habe Krankheitsfälle in der Familie, bei denen eine Corona-Infektion nicht so toll gewesen wäre, aber ich habe natürlich sehr darauf geachtet, mich nicht anzustecken.

Arbeiten hier beim DRK eigentlich viele Frauen?

Mittlerweile sehr viele. Das liegt wohl auch daran, dass früher viele Männer über den Zivildienst zum DRK gekommen sind. Jetzt sind fast mehrheitlich Frauen, vor allem im FSJ-Bereich. Es ist auch toll, mit einer gemischten Besatzung zu fahren, weil Frauen oft einen anderen Zugang zu Patienten finden.

Blicken wir mal zehn Jahre in die Zukunft. Sehen Sie sich dann noch beim DRK?

Auf jeden Fall, ich kann mir nichts anderes vorstellen, als in der Rettung zu arbeiten. Ich kann quasi sagen, mit meinem Schnupper-FSJ habe ich meinen Traumberuf und meinen Lebensinhalt gefunden.