Seit Ende April haben Einzelhandelsgeschäfte, Restaurants und Cafés nach dem Corona-Lockdown wieder geöffnet. Doch auch dreieinhalb Monate später leiden die Betreiber noch unter den Folgen der wochenlangen Schließung. „Hier am Hochrhein waren es extreme Einschnitte“, sagte Sabine Hartmann-Müller mit Blick auf die Grenzschließung zwischen Deutschland und der Schweiz.

Weil die CDU-Landtagsabgeordnete von den Gewerbetreibenden wissen wollte, wo der Schuh drückt, und welche Erwartungen diese an die Politik haben, lud sie einige Einzelhändler aus Waldshut-Tiengen und Lauchringen kürzlich zu einem Austausch mit dem Geschäftsführer des Handelsverbands Baden-Württemberg, Marius Haubrich, ein.

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Wichtig sei es während des Lockdowns gewesen, „nicht in Schockstarre zu verfallen“, erzählte Anette Wartner, die mit ihrem Mann mehrere Bekleidungsgeschäfte in der Waldshuter Innenstadt betreibt. Viele Gastronomen und Einzelhändler haben während der Zwangsschließung mit unterschiedlichen Aktionen – beispielsweise Essen zum Abholen, die Bestellung von Büchern, Kleidung oder Haushaltsartikel über die jeweiligen Internetseiten der Geschäfte oder per WhatsApp und Telefon – versucht, wenigstens einen Teil des normalen Umsatzes zu generieren. „Den großen Ideenreichtum habe ich wahrgenommen“, lobte Hartmann-Müller und fügte hinzu: „Es bedarf eines riesigem Engagements, viel Herzblut und geistige Arbeit“, um sein Geschäft in diesen Corona-Zeiten weiterzuführen.

Thomas Wartner schilderte die Probleme aus Sicht eines Modehändlers. Als der Lockdown kam, hätten die Gastronomen keine Ware mehr geordert und in dieser Hinsicht keine Ausgaben gehabt. „Wir hatten unsere Ware aber längst gekauft“, so der stellvertretende Vorsitzende des Werbe- und Förderkreises Waldshut.

Derk Ischen, der mit seiner Frau das Modehaus Banholzer in Lauchringen führt, berichtete: „März und April sind unsere umsatzstärksten Monate. Die konnten wir dieses Jahr vergessen.“ Nina Ischen macht sich Sorgen wegen eines möglichen zweiten Lockdowns im Herbst. „Unter Umständen kommt da wieder etwas auf uns zu. Wenn die Grenze wieder zugeht, trifft es uns wieder hart“, sagte sie.

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„Sommertops sind nicht das Problem“, fügte Nina Ischen hinzu. Doch falls ihr Geschäft im Herbst wieder schließen muss, bleiben die Geschäftsfrau und ihr Mann auf den im Vergleich zur Sommermode höherpreisigen Jacken und Mänteln sitzen. „Die Ware kann nicht zurückgegeben werden“, so die Modehändlerin.

Der Waldshut-Tiengener Oberbürgermeister Philipp Frank gab der Abgeordneten mit auf den Weg nach Stuttgart: „Die Überbrückungshilfe muss optimiert werden.“ Sabine Hartmann-Müller sagte, dass es ein wichtigstes Ziel der Politik sei, den Mittelstand und die Familienbetriebe zu stärken. Sie selbst sei im Handel aufgewachsen. „Meine Eltern hatten mehrere Filialen eines Schuhgeschäfts in meiner Heimatstadt in Memmingen im Allgäu.“

Einig waren sich die Teilnehmer der Gesprächsrunde, dass es ohne Geschäfte und Gastronomie keine lebendigen Innenstädte gibt. „Eine Stadt ohne Handel findet nicht statt“, sagte Marius Haubrich. Philipp Frank ergänzte: „Der stationäre Handel muss sich durch Einkaufserlebnisse vom Online-Handel absetzen.“

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Thomas Muschenich von May Fashion in Tiengen betonte, dass es in Baden-Württemberg kaum eine andere Stadt gebe, in der das ehrenamtliche Engagement der Einzelhändler und Gastronomen so groß ist wie in Waldshut-Tiengen. Thomas Wartner bestätigte: Durch Corona sei der Austausch zwischen dem Werbe- und Förderungskreis Waldshut, der Aktionsgemeinschaft Tiengen und der Interessengemeinschaft Schmittenau noch intensiver geworden.

In diesem Zusammenhang sprachen Muschenich und Wartner eine mögliche Stelle für einen hauptamtlichen Wirtschaftsförderer im Rathaus an. „Der Wunsch ist legitim“, sagte der Oberbürgermeister. Allerdings sei ein solcher Posten aufgrund der angespannten Haushaltslage im Budget der Stadt derzeit nicht drin. Frank gab außerdem zu Bedenken: „Vor ein paar Jahren hatten wir einen Citymanager, der kein einziges Projekt umgesetzt hat.“

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