Es gibt Künstler, denen ein Zimmer als Atelier genügt. Oder die sich, wenn es mehr sein soll, in einer Halle ausbreiten. Behrouz Varghaiyan (64) hingegen hat es vorgezogen, in die Höhe zu streben. Sein Atelier befindet sich in einem 33 Meter hohen Turm auf dem Gelände eines ehemaligen Zementwerks im schweizerischen Rekingen östlich von Bad Zurzach. Dort oder auf dem Außengelände entwickelt und erstellt der aus dem Iran stammende Künstler seit 20 Jahren Skulpturen von teilweise eindrücklichen Dimensionen.

Das könnte Sie auch interessieren

Zum Beispiel „Ewiger Kubus“, die größte Skulptur in der noch bis Oktober 2021 zu besichtigenden Ausstellung „Aufatmen im Park“ im Schlosspark in Bad Zurzach. Das drei Tonnen schwere geometrische Werk aus Stahl fügt sich trotz seiner Kantigkeit mühelos in die Grünanlage ein, lässt sich sogar durchblicken. Wie viele von Varghaiyans Skulpturen entwickelt „Ewiger Kubus“ mit der Zeit des Betrachtens und Nachdenkens eine mystische Komponente. Es geht aber auch einfacher. „Der Kubus kann ein Fragment sein, das durchs All fliegt“, sagt der Künstler mit einem Lächeln.

Behrouz Varghaiyan an der mit einem Schwertransporter beförderten Skulptur „Ewiger Kubus“ in Bad Zurzach.
Behrouz Varghaiyan an der mit einem Schwertransporter beförderten Skulptur „Ewiger Kubus“ in Bad Zurzach. | Bild: Peter Schütz

Behrouz Varghaiyans Atelier im Probenahmeturm des Zementwerks – unten war das Labor zur Untersuchung von Gestein und Erde, oben Brecher und Sieb – erstreckt sich über sechs Stockwerke. Das Erdgeschoss gleicht einer Schlosserei: Maschinen, Werkzeuge, ein mächtiger Laufkran an der Decke, auf dem Boden unterschiedliche Werkstoffe in Arbeit oder an Lager. Auch Bilder befinden sich dort, denn das Erdgeschoss, der einzig beheizbare Raum in Turm, dient im Winter als Malatelier. In der wärmeren Jahreszeit ist der Maler Varghaiyan im zweiten Stockwerk tätig. Das auch als Raum für Modellbauten dient. Die darüber liegenden Stockwerke sind Ausstellungsräume. Aber warum ausgerechnet ein Turm als – möglicherweise höchstes – Atelier der Schweiz?

Der 33 Meter hohe Turm, der Behrouz Varghaiyan als Atelier dient.
Der 33 Meter hohe Turm, der Behrouz Varghaiyan als Atelier dient. | Bild: Peter Schütz

Früher habe er 15 Jahre lang in der alten Kalkfabrik in Rekingen gearbeitet, berichtet Varghaiyan. Diese befand sich jedoch in einem zunehmend prekären Zustand. „Ich wollte das Atelier wechseln“, blickt er zurück, „aber ein Atelier von mir wechseln, ist schwierig“. Als er hörte, dass das seit 1975 von Holcim (heute LafargeHolcim) betriebene Zementwerk aufgegeben wird, wollte er die Schließung dokumentieren – nicht im Auftrag, sondern aus privatem Interesse. Die Fabrik stellte den Betrieb 1995 ein, das Gelände ging in den Besitz von Indermühle AG über. „Am Anfang war vorgesehen, alles abzureißen“, so Varghaiyan. Aber dann teilten ihm die neuen Besitzer mit, er könne den Probenahmeturm mieten und nach seinen Vorstellungen renovieren. Was er dann auch gemacht hat, indem er eine Etage entfernt und das Erdgeschoss somit höher gemacht hat. Den Laufkran – er kann zehn Tonnen verschieben – hat er ebenfalls selbst eingebaut. „Das war ein Traum von mir“, sagt Varghaiyan zu dem ungewöhnlichen Arbeitsplatz, „und ich habe ihn realisiert“.

Arbeiten mit Corten-Stahl

Auch wenn es den Anschein macht: Behrouz Varghaiyan ist kein Schlosser, sondern ein ausgebildeter Kunstmaler. Er hat in seiner Heimat und an der Academie des Beaux Arts in Paris Malerei studiert, aber, so Varghaiyan: „Es war nur eine Frage der Zeit, bis ich mich der Dreidimensionalität zugewandt habe.“ Das Arbeiten mit hartem Werkstoff – Varghaiyan zieht Corten-Stahl vor – hat er sich selbst beigebracht. „Ich habe gerne Herausforderungen“, beschreibt er sich selbst, „und ich habe gerne Schwierigkeiten“. Lösungen zu finden gehört für ihn fast zum Alltag, denn die Umsetzung seiner Ideen bringt oft technische Probleme mit sich.

Wie die neueste Arbeit für eine Familiengrabstätte in Gilsa (Hessen) auf einem seltenen, denkmalgeschützten Privatfriedhof, wo Varghaiyan eine Reihe von älteren Grabplatten mit einer liegenden, teilweise gebogenen Skulptur abgeschlossen hat. Die Biegung war das der schwierigste Teil des Objektes, aber wie er sie hingekriegt hat, bleibt sein Geheimnis.

Behrouz Varghaiyans neueste Arbeit (vorne) auf einem denkmalgeschützten Privatfriedhof in Gilsa.
Behrouz Varghaiyans neueste Arbeit (vorne) auf einem denkmalgeschützten Privatfriedhof in Gilsa. | Bild: privat

Klar ist: Behrouz Varghaiyan ist ein Perfektionist, einer, der stets 100 Prozent will. Die Technik sei für ihn nicht relevant, sagt er. Relevant sei hingegen, was am Ende jedes Prozesses erreichbar ist: Seele. „Keine Skulptur verlässt das Atelier, die keine Seele hat“, lautet Varghaiyans Credo. Das auch auf seine Malerei zutrifft. Egal, ob Porträts, Asphaltbilder, Landschaften – „es ist ein Schaffen, das immer wieder zum Ursprung und zu den Wurzeln zurückkehrt“, schreibt Frieda Vogt-Baumann, „das mit jedem Werk neu beginnt, Materialien erkundet, auslotet, prüft und auch wieder verwirft“. Und: „Das Werk von Behrouz Varghaiyan überrascht enorm, macht Staunen in seiner Experimentierfreudigkeit und seiner kühnen Frische“, so Vogt-Baumann.

Unser bestes Angebot ist wieder da: die Digitale Zeitung + das neuste iPad für 0 €