Ein herzlicher Gedankenaustausch zwischen Vorgarten und Balkon: Wem kämen bei diesem Szenario nicht Romeo und Julia in den Sinn? Aber die Szene am „Haus am Seidenhof“ in Tiengen spielte sich nicht zwischen Liebenden aus zwei verfeindeten Familien ab. Vielmehr waren die Akteure Kinder und Senioren, die gerne wieder Geselligkeit miteinander pflegen würden, derzeit wegen Corona aber nur mit Abstand Umgang haben dürfen.

Vor etwa zwei Jahren entstand durch die Zusammenarbeit zwischen dem DRK-Schülerhort und der Seniorenwohnanlage „Haus am Seidenhof“ in Tiengen das Projekt „Singen mit Senioren“ (SMS). Hort und Wohnanlage werden vom Kreisverband Waldshut des Deutschen Roten Kreuz (DRK) betrieben. Den beiden Leiterinnen Ingeborg Bergmann („Haus am Seidenhof“) und Sabine Maier-Jaerke (Schülerhort) gelang es, Senioren und Hortkinder für das Projekt zu begeistern, und so zog einmal im Monat eine Gruppe Jungen und Mädchen vom Hort mit Sabine Maier-Jaerke zum „Haus am Seidenhof“, wo im Begegnungsraum eine große Kaffeetafel gedeckt war. Gestärkt mit Kuchen und Getränken, wurde gemeinsam gesungen, an der Gitarre begleitet von Hortleiterin Maier-Jaerke.

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Doch dann kam die schwere Zeit der Corona-Beschränkungen, und aus war es mit den gemeinsamen musikalischen Nachmittagen. Sabine Maier-Jaerke und die Hortkinder fanden Wege, trotz der vielen Verbote den Senioren zu zeigen, dass sie nicht vergessen sind: Kleine Weihnachtsgeschenke wurden im „Haus am Seidenhof“ abgegeben, Frühlingsgedichte abgeschrieben und in die Briefkästen der Seniorenwohnanlage verteilt.

Zu Ostern haben die Hortkinder Schmetterlinge gebastelt und mit kleinen Schoko-Leckereien zur Wohnanlage gebracht. Dort löste der Besuch vom Hort große Freude aus. Die Kinder wurden mit Getränken empfangen, was die „Corona“-Maßnahmen allerdings nur draußen vor der Tür erlaubten. Da der Besuch vorher angekündigt worden war, füllten sich aber schnell die Balkone des mehrstöckigen Hauses. Auf Distanz wurden freundliche Worte gewechselt und gewinkt.

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An einem anderen Tag kamen Sabine Maier-Jaerke und die Kinder mit einem großen bunten Fallschirm vor das Haus, mit dem sie eine Darbietung einstudiert hatten. Das Publikum auf den Balkonen der Senioren-Wohnanlage dankte den Kindern mit begeistertem Beifall für die farbenfrohe und beschwingte Vorführung.

Das jüngste Projekt, das die Senioren auf die Balkone lockte, war nun der Besuch einer kleinen Abordnung vom Hort, die jedem „Seidenhof“-Bewohner einen bemalten Brief in den Briefkasten steckte, der zur Brieffreundschaft mit Hortkindern einlädt. Als Kunstwerk von Format wurde ein Plakat mit Werbung für das Projekt in der Vorhalle der Wohnanlage angebracht. Dieses Plakat hatten die Kinder besonders kunstvoll gestaltet mit aufgeklebten Papierfliegern und mit selbst gebastelten und bemalten Mini-Briefumschlägen.

Mit dem derzeit vorgeschriebenen Abstand gab es bei diesem kleinen Projektstart den anfangs erwähnten angeregten Gedankenaustausch zwischen Balkonen und Parterre, der schon erahnen lässt, dass die Senioren für die Kinder sehr interessante Brieffreunde sein können. So gibt es im „Haus am Seidenhof“ einen Bewohner, der früher als Schäfer riesige Schafherden durch den Süden Baden-Württembergs geführt hat, ein anderer blickt auf jahrzehntelange Erfahrung als aktiver Schachspieler zurück.

Was natürlich gleich Ideen für ein gemeinsames Schachprojekt von Schülerhort und Senioren-Wohnanlage entstehen ließ – wenn es dereinst wieder erlaubt sein wird. In der Zwischenzeit erhalten Distanzprojekte die Freundschaft und lassen Herzen höher schlagen.