Drehaufnahmen im Oberen Tor! Und zwar hoch über den Dächern von Waldshut, im 6. Stock des Turms, in der früheren Türmerwohnung, die heute von der Narro-Zunft benutzt wird. Hier singt und spielt an diesem Morgen der bekannte Liedermacher und Autor Roland Kroell aus Laufenburg. Der gebürtige Tiengener (66) trägt mit seiner Gitarre ein ungewöhnlich rebellisches Weihnachtslied vor: „Heilige Nacht“ von Hermann Jeckel. Es stammt im Jahr 1903 und „ist ein Lied der Ausgesperrten“, berichtet Roland Kroell.

Das Lied entstand während des Textilarbeiterstreiks in Krinitschau im damaligen Königreich Sachsen. „Wir kämpfen für Freiheit und Glück“, heißt es da, oder „Der Mann der Arbeit ist jetzt aufgewacht“. Kroell widmet es an diesem Morgen allen Ausgesperrten und erinnert damit etwa an die Salpeterer, an den Waldshuter Balthasar Hubmaier während des Bauernaufstands oder an Friedrich Hecker und die andern Helden der Badischen Revolution von 1848. Gefilmt wird er dabei vom Kameramann Kevin Meier von der HVT (Hochrheinveranstaltungstechnik).

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Was hat dieser Auftritt an ungewöhnlichem Ort zu bedeuten? Er gehört zu einem neuen, fast spontan entstandenen Kulturprojekt der Stadt, einem Online-Adventskalender: Ab 1. Dezember blinken nicht nur am Waldshuter Rathaus die geschmückten Fenster. Zusätzlich öffnet das Kulturamt auf der städtischen Homepage und auf seinen Social-Media-Kanälen Instagram und Facebook täglich ein Türchen und hofft, die Internetnutzer mit folgenden Beiträgen zu überraschen: 24 Kunst- und Kulturschaffende aus Waldshut-Tiengen werden dort täglich jeweils in kurzen Videos eine weihnachtliche oder winterliche Überraschung darbieten.

Zu hören und zu sehen sind etwa Weihnachtslieder, Gedichte, Geschichten oder sogar kleine Kunstwerke. Einzige Auflage für die Künstler: Die Präsentation darf nicht länger als drei Minuten dauern, einschließlich einer kurzen Erklärung und der Zeile eines Gedichtes, die abschließend ein gemeinsames Ganzes ergibt.

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Kerstin Simon, Kulturamtsleiterin der Stadt, freut sich: „Alle Kulturschaffenden, die wir ansprachen, haben spontan zugesagt. Wir bespielen mit diesem Projekt die derzeit so verwaisten Bühnen der Stadt. Wenn wir schon durch Corona in unserem Kulturprogramm gebremst sind, holen wir die Kunst einfach online. In Kooperation mit den Kirchen, der Musikschule und vielen Einzelnen konnte dieses Projekt gelingen.“

Mehr verrät sie nicht – wer wo und wann auftritt, soll eine Überraschung bleiben. Aber schon jetzt verspricht der Adventskalender viel: Glitzer, Poesie, Lichterglanz, Zimtsternenduft und mehr. Denn er hat einen augenzwinkernd zungenbrechenden Titel: der „poesiglitzererbaulichterglanzimtsternendufte Adventskalender“. Dazu Kerstin Simon: „Er ist von Künstlern von hier, an Orten von hier und für Menschen von hier.“

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