Seit 2019 kümmert sich die Nachbarschaftshilfe Waldshut-Tiengen um Menschen, die Unterstützung im Alltag benötigen. Wie wichtig ein solches Angebot ist, hat sich vor allem während der Corona-Pandemie gezeigt. Der Verein möchte sich daher verstärkt um weitere Hilfesuchenden kümmern. „Wir haben mehr Anfragen als Möglichkeiten“, erklärt Anette Weiß, die die Einsätze der ehrenamtlichen Helfer koordiniert. Deshalb sucht der Verein, der ein Büro in der Tiengener Südstadt unterhält, nun zusätzliche Helfer.

Auf die Frage, warum die Nachbarschaftshilfe ursprünglich gegründet wurde, zitiert Anette Weiß einen Satz, der Johann Wolfgang von Goethe zugeschrieben wird: „Willst Du glücklich sein im Leben, trage bei zu anderer Glück. Denn die Freude, die wir geben, kehrt ins eigene Herz zurück.“

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Genau jenes Gefühl beschreibt das Verhältnis zwischen Helferin Irmgard Vogler und ihren beiden Schützlingen. „Ich betreue zwei Damen im Alter von 77 und 82 Jahren“, berichtet die Waldshuterin im Gespräch mit dieser Zeitung. Eine der beiden Betreuten sei stark sehbehindert, weshalb Vogler ihr beim Einkaufen die Etiketten auf den Waren vorlese. Der anderen Frau, die körperlich eingeschränkt ist, helfe sie beim Tragen der Einkäufe.

Zeitungsinterview hat den Anstoß gegeben

Irmgard Vogler erzählt von einer Rückmeldung, die sie von einer der beiden Frauen bekommen habe: „Sie freut sich jedes Mal auf den Einkaufstag. Von diesem Worten fühle ich mich so reich beschenkt.“ Seit März 2020 engagiert sich Vogler bei der Nachbarschaftshilfe. Auf den Verein aufmerksam geworden sei sie durch ein Interview in dieser Zeitung mit der Mitinitiatorin Monika König. Sie habe daraufhin beschlossen: „Da melde ich mich.“

Auch Hermann Mayer aus Tiengen ist einer von derzeit etwa 35 Betreuern der Nachbarschaftshilfe. „Mir geht es persönlich sehr gut, und ich kann ein Stück weitergeben“, sagt er über seine Motivation, sich zu engagieren. Als Pensionär habe er Zeit dazu, fügt er hinzu.

Hermann Mayer betreut eine 91-jährige Frau, die im Matthias-Claudius-Heim in Waldshut lebt. „Ich gehe einmal in der Woche nachmittags zu ihr, um mich mit ihr zu unterhalten oder sie im Rollstuhl durch die Fußgängerzone zu schieben. Das macht mir Spaß“, erzählt er. „Ich sehe, dass er der Dame gut geht, und dann geht es mir auch gut“, fügt er hinzu.

Angehörige wohnen oftmals weit entfernt

„Unsere Klienten sind hauptsächlich ältere Menschen, deren Angehörige weit entfernt wohnen, oder die alleinstehend sind“, berichtet Anette Weiß. Die Helfer übernehmen Fahrdienste, begleiten beim Einkauf, bei Arztbesuchen oder beim Gang zum Physiotherapeuten, sie unterstützen im Haushalt, gehen mit den Klienten spazieren oder entlasten pflegende Angehörige. „Aber sie übernehmen keine pflegerischen Tätigkeiten“, betont Weiß.

Die Chemie muss stimmen

Bei der Nachbarschaftshilfe, deren Angebot in Stadtgebiet von Waldshut-Tiengen und in den Ortsteilen in Anspruch genommen werden kann, kümmert sich ein Helfer in der Regel immer um den gleichen Klienten. „Frau Weiß hat ein sehr gutes Gespür und eine gute Menschenkenntnis, wer gut miteinander harmoniert“, lobt Irmgard Vogler. Hermann Mayer bestätigt dies: „Meine Klientin war Lehrerin genau wie ich.“

Anette Weiß befindet knapp: „Die Chemie muss stimmen.“ So wie bei einem Helfer, der sogar Weihnachten bei seiner Klientin verbringe, da er selbst alleinstehend sei. „Das passt super mit den beiden“, freut sich die Einsatzleiterin.

Auch während der Phase der Corona-Pandemie mit Kontaktbeschränkungen und Lockdown seien die Einsätze des Vereins unter Einhaltung von Hygienemaßnahmen weitestgehend fortgesetzt worden. „Die meisten Klienten wollten nicht darauf verzichten“, erinnert sich Anette Weiß. Auch Hermann Mayer nimmt es in gerne Kauf, dass er sich für jeden Besuch bei der von ihm betreuten Frau im Pflegeheim testen lassen muss.

Finanziert wird die Arbeit der Nachbarschaftshilfe durch Mitgliedsbeiträge, Spenden und Zuschüsse. Da sie als gemeinnütziger Verein anerkannt ist, bekommen die Helfer laut Anette Weiß eine Aufwandsentschädigung, ähnlich wie Übungsleiter bei Sportvereinen. Die Dienstleistungen der Nachbarschaftshilfe sind kostenpflichtig. „Jeder, der einen Pflegegrad hat, hat Anrecht auf einen sogenannten Entlastungsbetrag von den Pflegekassen. Dieser kann für unsere Arbeit verwendet werden“, erklärt die Einsatzleiterin.

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