Frau Faller, wie ist aktuell die Situation im Kinderhaus St. Marien?

Durch die Corona-Verordnung hat sich unser Alltag sehr verändert. Die Einschränkungen haben uns stark getroffen, wir hatten aber nie ganz zu, sondern von Anfang an Familien, die in sogenannten systemrelevanten Berufen tätig sind und für ihre Kinder die Notfallbetreuung in Anspruch nehmen durften. Zuerst waren es nur zwei Kinder, aber dann hat sich die Nachfrage nach Notfallbetreuungsplätzen immer mehr gesteigert. Aktuell betreuen wir 28 Kindergarten-Kinder und 10 Krippen-Kinder in der Notfallbetreuung. Grundsätzlich lassen die Richtlinien aktuell nur eine Auslastung von 50 Prozent der Kinder zu. Zusätzlich bieten wir den restlichen Kindern Besuchstage an.

Was heißt Besuchstage konkret und in welchem Ausmaß werden sie genutzt?

Alle Kinder, die nicht in der Notbetreuung sind, können an einem festen Tag in der Woche den Kindergarten für sechs Stunden am Tag besuchen. Die rund 60 Kinder wurden in fünf Kleingruppen eingeteilt, so dass auch diese Gruppen sich nicht mischen. Für jede Gruppe musste ich eine eigene Erzieherin einsetzen.

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Weniger Kinder heißt auch weniger benötigte Mitarbeiter, oder? Wie haben Sie die Arbeit aufgeteilt?

In der Anfangszeit wurden möglichst viele Mitarbeiter ins Homeoffice geschickt. Unserer Geschäftsführung war es sehr wichtig, dass Mitarbeiter die Möglichkeit hatten, im Homeoffice zu arbeiten. Zuhause konnten Entwicklungsdokumentationen geschrieben und am Qualitätsmanagement gearbeitet werden. Gleichzeitig wurde dadurch erreicht, dass sich immer nur eine begrenzte Anzahl von Erziehern gleichzeitig im Haus aufgehalten hat. Nach den ersten Lockerungen durften die Mitarbeiter im „Schichtsystem“ wieder vor Ort sein und mittlerweile sind die meisten wieder im Kinderhaus tätig. Nur diejenigen, die einer Risikogruppe angehören, dürfen noch nicht in die Kita kommen. Das Instrument der Kurzarbeit musste nicht bei uns angewendet werden.

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Was war und ist in dieser schwierigen Zeit für Sie als Kindergartenleiterin die größte Herausforderung?

An dieser Stelle muss ich meinen Mitarbeitern ein großes Lob aussprechen. Ich konnte mich jederzeit auf die Erzieher verlassen. Nicht nur mich, uns alle hat die ungewöhnliche Situation vor große Herausforderungen gestellt, besonders was die Flexibilität angeht. Was heute geplant wurde, war morgen bereits nicht mehr aktuell. Dem mit 38 Mitarbeitern gerecht zu werden, war aus organisatorischer Sicht die größte Herausforderung. Aber wir waren nicht alleine. Eine große Unterstützung, nicht nur in der Corona-Zeit, ist unser Geschäftsführer Mario Isele von der Verrechnungsstelle Stühlingen. Als Leitung war ich immer gut informiert und habe hier viel Rückhalt erfahren. Gemeinsam haben wir die Konzepte für die Corona-Zeit geschrieben und umgesetzt und dies oftmals zu ungewöhnlichen Arbeitszeiten.

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Wie lief und läuft in dieser für alle ungewohnten Situation die Kommunikation mit den Eltern?

Mit den Familien haben wir über unsere Kita-App Kontakt gehalten. Regelmäßige Informationen, sowie Fotos aus dem neuen Alltag haben wir weitergeleitet. Auch durch individuelle Telefonate waren wir mit den Eltern in Verbindung. Bei den meisten Familien hatten wir den Eindruck, dass diese Ausnahmesituation eine große Umstellung ist. Herausgehört habe ich aber meist, dass die Schulaufgaben der großen Geschwister die Familien ganz besonders beschäftigt.

Wie wirkt sich die Corona-Zwangspause vom Kindergarten auf die Kinder aus?

Unsere Befürchtung, dass die Kinder große Probleme mit dem Neustart hätten, hat sich zum Glück nicht be-wahrheitet. Gerade die Kleinsten brauchen ja viel Geborgenheit. Wir sind überrascht wie toll die Kinder mit der langen Pause umgehen. Viele Kinder freuen sich auf das Kinderhaus, die Erzieher und ihre Freunde.

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Verstehen die Kinder überhaupt die Situation und wie gehen sie mit ihr um?

Natürlich verstehen die Krippen-Kinder die Situation noch nicht. Hier hilft der liebevolle Arm einer Erzieherin. Die älteren Kinder wissen bereits sehr gut über das Coronavirus Bescheid und wir staunen immer wieder, wie rücksichtsvoll Kinder mit den Veränderungen umgehen.

Demnächst dürfen Kindergärten wieder unter Auflagen zum Normalbetrieb zurückkehren – was für Veränderungen kommen auf das Kinderhaus zu?

Ab dem 29. Juni können wieder alle Kinder in den Kindergarten kommen. Die Auflagen sind jedoch sehr hoch, was in unserem großen Haus zu vielen Veränderungen für uns Mitarbeiter und auch für die Kinder führt. Bisher haben wir nach dem offenen Konzept gearbeitet. Es ist uns wichtig, dass die Kinder selbst bestimmen können, ob sie ihre Zeit zum Beispiel im Atelier oder im Mathe-Bereich verbringen. Unsere Auffassung war es immer, dass Kinder Selbstständigkeit dann erlernen können, wenn sie über sich selbst, den Spielort und den Partner eigenständig entscheiden dürfen. Dieses offene Konzept mit Fachräumen ist vorerst im „alten Umfang“ nicht mehr möglich. Die Kinder müssen einer festen Gruppe zugeteilt werden. Diese Gruppen dürfen sich im Alltag nicht begegnen, um eine mögliche Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern. Dies ist eine enorme Umstellung für die Kollegen und die Kinder. Zurück in das geschlossene Konzept, wie früher, macht etwas mit dem Personal. Auch das Frühstücksbuffet im Bistro darf zur Zeit nicht mehr angeboten werden.

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Wie sieht es bei Aktivitäten mit den Kindern außer Haus aus?

Unsere Kooperationen werden bis auf weiteres nicht stattfinden können. Besonders der freitägliche Besuch im Haberer-Haus fehlt. Die Kinder hatten immer viel Freude, wenn sie mit den älteren Menschen gemeinsam singen durften. Dieses Risiko können wir aber vorerst nicht eingehen. Auch die Besuche in der Stadtbücherei und im Stoll-Vita-Garten werden wir wohl erst nach den Sommerferien wieder starten können.

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Gibt es Eltern, die aus Angst vor einer Ansteckung mit dem Virus Bedenken haben, ihre Kinder wieder in den Kindergarten zu geben?

Es sind wenige Familien, die diese Rückmeldung geben. Ich kann die Angst jedoch nachvollziehen. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen besteht ein Risiko einer Ansteckung. Ich kann den Familien aber versichern, dass unser Team alles unternimmt, um die Gefahr einzudämmen. In unserem Hygienekonzept haben wir hohe Standards für unsere Einrichtung festgelegt, um eventuelle Ansteckungsgefahren möglichst zu vermeiden. Wenn sich alle Beteiligten an diese Standards halten und entsprechend handeln, besteht eigentlich kein Grund, Bedenken oder gar Angst zu haben.

Wie würden Sie allgemein die Stimmung im Kinderhaus St. Marien beschreiben?

Die Erzieher freuen sich auf die Kinder und Familien. Die Stimmung steigt daher umso mehr, je näher es auf die Öffnung zugeht. Auch als Leitung sehne ich die Normalität herbei und freue mich, wenn wieder etwas mehr Alltag einkehrt. Ein Kinderhaus lebt doch von den Kindern und es ist ein komisches Gefühl, wenn das Kinderlachen fehlt.

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Ziehen Sie persönlich auch Positives aus der momentanen schwierigen Lage?

Die Krise zeigt mir, was für ein tolles Team wir sind und dass wir uns auch in Krisenzeiten aufeinander verlassen können und große Herausforderungen meistern können. Mit dem Rückhalt der Geschäftsführung haben wir das „Schiff„ bislang gut durch die Krise geschaukelt.