Herr Kaiser, sich für die jüdische Geschichte vor Ort zu interessieren ist nicht das Nächstliegende, wie kam es zu diesem ehrenamtlichen Engagement?

2012 hat der Freundeskreis nachgefragt, ob in den Gewerblichen Schulen Waldshut, die ich zu der Zeit leitete, der Zeitzeuge Paul Niedermann sprechen könne. Zusammen mit der Stadt haben wir daraufhin Schüler des ganzen Schulzentrums Waldshut – es waren rund 500 – in der Stadthalle versammelt – und ich hatte das Gefühl, dass Niedermann die Schüler wirklich erreicht und beeindruckt hat. Nach meiner Pensionierung 2015 habe ich mich dann dem Freundeskreis angeschlossen. Während meiner Schulzeit am Hochrhein-Gymnasium in den 1960er Jahren wurde die lokale jüdische Geschichte nie thematisiert, sie schien ein Tabu zu sein. Dies machte mich im Nachhinein betroffen. Richard von Weizsäcker sagte 1985 in seiner berühmten Rede zum 40. Jahres-tag der Beendigung des zweiten Weltkriegs, dass die Jungen nicht verantwortlich für das sind, was damals geschah, aber dass sie dafür verantwortlich sind, was in der Geschichte daraus wird. Das beschreibt auch gut meine Motivation, die mich zum Freundeskreis Jüdisches Leben geführt hat – ich will dazu beitragen, dass wir aus der Geschichte lernen.

Was sind die Hauptanliegen des Freundeskreises Jüdisches Leben?

Wir wollen die jüdische Geschichte Tiengens und Waldshuts ins Bewusstsein rufen und wach halten. Es gibt besonders in Tiengen so viele Spuren jüdischen Lebens und so viele verborgene Schicksale, über die es viel zu erzählen gibt. Das, was im Nationalsozialismus auch bei uns geschehen ist und teils noch immer in der Gesell-schaft schlummert, darf sich nicht wiederholen. Wir müssen Lehren aus diesem dunkelsten Thema der deut-schen Geschichte ziehen. Dem entsprechend sind unsere Arbeitsschwerpunkte Forschung, Publikation, Erinnerung und Versöhnung.

Wie entstand der Freundeskreis?

Besonders fünf Personen haben sich mit der Aufarbeitung der jüdischen Geschichte Tiengens Verdienste erworben. Dieter Petri und der kürzlich verstorbene Manfred Emmerich haben viel geforscht und dokumentiert. Petri hat auch ein Buch herausgebracht. Christoph Söffge hat mit Jungkolping erreicht, dass in den 90er Jahren die in der Mauer des Seilerbergwegs verarbeiteten jüdischen Grabsteine auf den jüdischen Friedhof zurückgeführt wurden und dort zu einem Mahnmal verbaut wurden. 2005 haben dann Magdalena Bucher und ihre Tochter, Martina Bucher-Nezirovic, den Freundeskreis gegründet, mit den bereits genannten Zielen. Wir sind aktuell 13 feste Mitglieder, die sich vierteljährlich treffen, gelegentlich stoßen weitere bei bestimmten Projekten hinzu. Wir finanzieren uns über Spenden und sind seit 2017 eine Untergruppe der Bürgerzunft Tiengen. Dafür sind wir sehr dankbar, weil dies uns die Arbeit erleichtert.

Was hat der Freundeskreis schon alles auf die Beine gestellt?

Ein großes, noch nicht abgeschlossenes Projekt sind die Stolpersteine vor den ehemaligen Wohnsitzen von NS-Opfern. Nächstes Jahr planen wir, weitere zu verlegen. In den 15 Jahren hat der Freundeskreis drei Kulturwochen zu jüdischen Themen durchgeführt. Wir organisieren Gedenkfeiern wie zur Reichspogromnacht, haben das Jüdische Zimmer im Heimatmuseum im Schloss eingerichtet und bieten Führungen durch das jüdische Tiengen an, für Schulklassen sind sie kostenlos. Die Informationstafeln auf dem jüdischen Friedhof sind von uns. Wir arbeiten außerdem beim Jüdischen Kulturweg grenzüberschreitend mit der Schweiz zusammen. Wichtig ist uns auch die Herausgabe von Flyern und Broschüren. Diese informieren über die hinter den Stolpersteinen verborgenen Schicksale, den jüdischen Friedhof oder über jüdische Geschäfte und jüdisches Gewerbe in Waldshut-Tiengen bis 1940. Alle Broschüren sind in der Tourist-Info Waldshut und beim Bürgerbüro Tiengen kostenlos erhältlich.

Der Freundeskreis hat jetzt auch eine eigene Homepage, haben Sie sie erstellt?

Ja, sie ist noch ganz neu. Sie ist in der Zeit entstanden, als auch wir wegen Corona unsere Aktivitäten fast komplett zurückfahren mussten. Unsere Treffen und auch unser diesjährige Ausflug mussten ausfallen. Unter der Adresse (www.fjl-juden-in-waldshut-tiengen.de) erfährt man das Wichtigste über uns und über die jüdische Geschichte unserer Stadt.

Sie erwähnten vorhin die grenzüberschreitende Zusammenarbeit – die Schweizer können ganz anders mit dem Judentum umgehen als wir, oder?

Ja, im Vergleich zu uns, haben sie ein relativ unkompliziertes, wenig belastetes Verhältnis zum Judentum. Bei Führungen kann man in alle Gebäude hineingehen, in die Synagoge, in die jüdische Schule, ins jüdische Frauenbad, es ist alles noch da. Im Gegensatz zu hier, sind die Juden nicht vertrieben und deportiert worden. Hier bei uns müssen wir bei Führungen sagen, hier war einmal die Synagoge, hier die jüdische Schule wenn man sich vorstellt, dass dies alles noch da wäre, wird einem bewusst, dass dies zu einem lebendigen Waldshut-Tiengen beitragen würde und eine kulturelle Bereicherung wäre.

Was waren für Sie bislang ganz besondere Momente beim Freundeskreis?

Die Begegnung mit Nachkommen von einst hier lebenden Juden waren für mich immer sehr bewegende Ereignisse. Wie zum Beispiel als Henry Levi, sein Sohn und seine Enkelin im Herbst 2019 Tiengen besucht haben. Seine Familie hat hier bis 1936 gelebt und hat in Rhodesien (heute Simbabwe) überlebt. Es war für mich eindrücklich, dass trotz allem, was passiert ist, eine große Offenheit da war, keine nachtragenden Worte gefallen sind und die Familie dankbar war, dass wir vor Ort diese Vergangenheit aufarbeiten.

Warum ist Ihrer Ansicht nach die Erinnerung an den Nationalsozialismus noch immer so schwierig?

Der Holocaust ist ein so unvorstellbarer Ausdruck menschlicher Bosheit, dass er nahezu alle anderen geschichtlichen Ereignisse in den Schatten stellt. Die Erinnerung daran ist mit Scham und Entsetzen verbunden, deshalb ist sie schwierig.

Spürt der Freundeskreis bei seiner Arbeit auch Vorbehalte?

Wir bemerken manchmal in bestimmten Momenten eine gewisse Zurückhaltung. Es gab und gibt zum Beispiel vereinzelt Menschen, die Bedenken haben, wenn vor ihrem Haus ein Stolperstein verlegt werden soll oder an ihrem Haus eine Geschichtstafel angebracht werden soll. Vielleicht befürchten sie, dass dadurch die Geschehnisse von damals mit ihnen assoziiert werden könnten. 2018 haben wir im Mitteilungsblatt der Stadt dazu aufgerufen, uns eventuell noch vorhandene Fotos und Dokumente zur jüdischen Geschichte in Waldshut-Tiengen zur Verfügung zu stellen, es kam keine einzige Rückmeldung. Das lässt meines Erachtens auf Ängste und Zurückhaltung schließen.

Corona wird von Verschwörungstheorien begleitet, einige sehen auch die Juden als verantwortlich oder mitverantwortlich für die Pandemie an – warum sind immer wieder Juden Zielscheibe?

Ich denke, dass viele Menschen in unserer komplexen Welt einfache Lösungen suchen und die einfachste Lösung ist immer ein Sündenbock, auf den man Frust und Ängste abladen kann. Einmal waren dies zum Beispiel die Gastarbeiter, dann kamen die Flüchtlinge und über die Jahrhunderte hinweg, waren es immer wieder die Juden. Blickt man in die Geschichte, sieht man, dass der Judenhass im Mittelalter von den Mächtigen und auch von der Kirche geschürt wurde, deshalb ist er so tief in der Gesellschaft verwurzelt.

Was erhoffen und wünschen Sie sich mit Blick auf die Zukunft für den Freundeskreis Jüdisches Leben?

Wir würden uns freuen, wenn mehr Schulklassen als bisher, unsere Führungen in Anspruch nehmen würden. Dieses Angebot wird bislang nur vereinzelt genutzt. Wenn Schülern bewusst wird, dass sich das, was im Dritten Reich geschah, nicht nur weit weg, sondern sich auch vor Ort abgespielt hat, fördert das nach unserer Erfahrung ihr Interesse an diesem Thema. Es steht vermutlich nicht auf dem Lehrplan, sich mit Tiengens jüdischer Vergangenheit zu beschäftigen, aber es ist meiner Ansicht nach, Raum dafür da. Es hängt von der persönlichen Einstellung und Motivation der Lehrer ab. Damit verbunden ist unsere Hoffnung, dass sich mehr Jugendliche für unsere Arbeit interessieren und bei uns mitmachen. Über allem steht unsere Hoffnung, dass wir es fertig bringen, aus der Geschichte zu lernen.

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