Entgegen einer Aussage von Bürgermeister Joachim Baumert haben Anwohner der Breitenfelder Straße in Tiengen und die Stadtverwaltung bislang keinen gemeinsamen Nenner für das dort geplante Wohngebiet gefunden.

Nach der jüngsten Informationsveranstaltung hatte Baumert gegenüber dieser Zeitung mitgeteilt, dass „die Planer auf die nachbarschaftlichen Belange so weit als möglich Rücksicht genommen haben“.

Dem widersprechen Rolf Hofmuth und Karl-Heinz Reinger im Namen einer Nachbarschaftsgemeinschaft, die sich nach Bekanntwerden der Pläne für das derzeit als Gewerbefläche genutzte Areal in der Gemeinderatssitzung vom November 2019 gebildet hatte. Die Anlieger kritisieren die Art der Bebauung, gegen die sie mehr als 100 Unterschriften gesammelt haben.

„Wir sind überhaupt nicht gegen eine Bebauung“, betont Karl-Heinz Reinger gleich zu Beginn des Gesprächs mit dieser Zeitung. Sein Nachbar Rolf Hofmuth ergänzt: „Die Optik der Bebauung ist das, was uns stört.“

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Die beiden Männer stehen im Garten von Reingers Wohnhaus in der Kapellenstraße in Tiengen. Hofmuths Haus befindet sich in Sichtweite an der Breitenfelder Straße. Anstoßend an ihre Grundstücksgrenzen soll auf dem derzeit noch von dem Dachdeckerunternehmen Kohl als Firmengelände genutztem Areal ein Wohngebiet mit mehreren Mehrfamilienhäusern gebaut werden.

Die Pläne des Investors beinhalten unter anderem drei- und viergeschossige Gebäude mit Flachdächern in einer bislang vorgesehenen Höhe zwischen elf und 14 Metern. Zu hoch, wie Rolf Hofmuth findet: „Das wäre wie eine Gefängnismauer vor dem Fenster“, sagt der Bilanzbuchhalter, der schätzt, dass der Giebel seines Daches mit der Kante des gegenüber geplanten Wohnhauses abschließen würde, auf dem als zusätzliches Stockwerk ein sogenanntes Attika-Geschoss geplant ist.

Reinger und Hofmuth stören sich laut ihrer Aussage nicht nur an der Höhe der vorgesehenen Gebäude, sondern neben den Flachdächern, die mehr Schatten als Satteldächer werfen und sich nicht „harmonisch in die umgebende Bebauung“ einfügen würden, auch an dem in ihren Augen zu geringen Abstand zu ihren Grundstücken. „Hier soll ein Block in drei Metern Abstand zum Haus meiner Tochter entstehen. Das wäre erdrückend“, sagt Reinger, der das Nachbarhaus in der Kapellenstraße für seine Tochter und deren Familie gekauft hat.

„Ich habe nichts gegen Wohnblöcke, aber in diese gewachsene Siedlung passen sie nicht hinein“, fügt der selbstständige Umwelttechniker hinzu. Bei den Bestandsgebäuden rund um das geplante Wohngebiet handelt es sich überwiegend um Ein- und Zweifamilienhäuser mit Satteldächern.

Blick auf das Betriebsgelände des Dachdeckerunternehmens Kohl, das in ein Gewerbegebiet umsiedeln wird.
Blick auf das Betriebsgelände des Dachdeckerunternehmens Kohl, das in ein Gewerbegebiet umsiedeln wird. | Bild: Juliane Schlichter

Gegenüber dieser Zeitung sagen die beiden Tiengener, dass sie sich eine Anwohnerbeteiligung im Vorfeld der Gemeinderatssitzung im November 2019, bei der die Pläne erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt wurden, gewünscht hätten. „Es wäre schön gewesen, wenn man uns davor mit ins Boot genommen hätte“, sagt Rolf Hofmuth.

In der öffentlichen Sitzung billigte der Gemeinderat einstimmig den Entwurf des Bebauungsplans mit den örtlichen Bauvorschriften für das rund 6000 Quadratmeter große Areal an der Breitenfelder Straße, mit der Maßgabe, dass die Fassaden der vorgesehenen Gebäude mit Holz verkleidet werden. Zudem entschied das Gremium, die Bürger am Planungsprozess in einem sogenannten Offenlagenverfahren zu beteiligen.

Anwalt vertritt sechs Familien

„Im Anschluss an die Sitzung haben wir beschlossen, einen Anwalt einzuschalten“, erzählt Hofmuth. Sechs Familien aus der Breitenfelder Straße und der Kapellenstraße, darunter die Ehepaare Hofmuth und Reinger, betrauten daraufhin einen Rechtsanwalt damit, ihre Einwendungen gegen den Bebauungsplanentwurf gegenüber der Verwaltung vorzubringen.

In dem Schreiben an das Baurechtsamt heißt es unter anderem: „Der Entwurf des Bebauungsplans würdigt nicht in gebotener Weise nachbarschützende Belange.“ Vorstellen könnten sich die Anwohner als Kompromiss eine Wohnbebauung, die „beginnend mit zwei Geschossen angrenzend an die jeweiligen Nachbargrundstücke auf vier Geschosse hin zur Breitenfelder Straße ansteigen“.

Im Rahmen von zwei Informationsveranstaltungen – die eine fand im Februar, die andere im Mai statt – stellten Planer, Architekt, Investor und Vertreter der Stadtverwaltung die Pläne vor und gingen laut Bürgermeister Joachim Baumert auf die Belange der Anwohner ein.

Nach dem jüngsten Austausch teilte der Erste Beigeordnete auf Anfrage unter anderem mit, dass „die Gebäudehöhen reduziert wurden und eine Abstaffelung der Gebäudehöhen zu den Nachbarn hin erfolgte“. „Aus meiner Sicht hat sich zwischen der ersten und zweiten Präsentation nichts geändert“, sagt Rolf Hofmuth gegenüber dieser Zeitung. Überprüfen könne er dies jedoch nicht, da ihm die in der zweiten Veranstaltung vorgestellten Entwürfe nicht vorliegen würden.

Auf dem Gelände des Dachdeckerbetriebs Kohl, der in ein Gewerbegebiet umzieht, sollen in der Breitenfelder Straße Tiengen Wohnungen entstehen.
Auf dem Gelände des Dachdeckerbetriebs Kohl, der in ein Gewerbegebiet umzieht, sollen in der Breitenfelder Straße Tiengen Wohnungen entstehen. | Bild: Juliane Schlichter

Auf die Frage, wodurch sich die beiden Entwürfe unterscheiden, sagt Bürgermeister Baumert gegenüber dieser Zeitung: „Im Nachgang zur ersten Bürgerinformation wurden vom Büro Stadtplanung Fahle die Höhenbezüge zu den benachbarten Gebäuden untersucht und dazu ergänzende Schnitte und Verschattungssimulationen gefertigt.“ Im Rahmen der weiteren Vorhabenplanung seien anschließend die Attika-Geschosse im Norden der rückwärtigen Gebäude von der Grundstücksgrenze zurückgesetzt worden. Auf der Grundlage dieser Vorhabenplanung wurden laut Baumert „die vorhandenen Spielräume im Bebauungsplan deutlich minimiert“.

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Der Bürgermeister weiter: „Im Interesse der Nachbarn konnten die zulässigen Höhen um 0,8 bis 1,3 Meter – im Norden sogar um 3,8 Meter – reduziert werden.“ Die festgesetzten Gebäudehöhen würden sich damit maßgeblich vom früheren Planungsstand unterscheiden.

Bürgermeister Joachim Baumert bestätigt, dass bei der Stadtverwaltung am 20. März eine E-Mail mit einer Unterschriftenliste einging, nachdem ein Besprechungstermin mit den Anwohnern aufgrund der Corona-Pandemie abgesagt werden musste. Laut Rolf Hofmuth und Karl-Heinz Reinger hatten mehr als 100 Bürger unterzeichnet.

Der Bebauungsplan Breitenfelder Straße wird in der kommenden Sitzung des Bau- und Umweltausschusses am Montag, 22. Juni, in der Stadthalle Tiengen vorberaten. Anschließend will der Gemeinderat die eingegangenen Stellungnahmen abwägen und einen Satzungsbeschluss fassen.

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