Vier Jahrzehnte lang hat Gerhard Vollmer als Stadtrat die Entwicklung von Waldshut-Tiengen maßgeblich mitgestaltet und geprägt. Sein Blick war in dieser Zeit immer auch auf die sozial schwächeren, auf die benachteiligten Menschen gerichtet. Aus gesundheitlichen Gründen musste er sich im vergangenen Jahr vorzeitig aus dem Gemeinderat zurückziehen. Die Sitzung des Gremiums am Montagabend bildete den fast schon natürlichen, vor allem aber den würdigen Rahmen, „dem Kümmerer“ Danke zu sagen, sein überdurchschnittliches Engagement für die Stadt und ihre Bürger zu würdigen und ihm zwei Medaillen und einen Ehrenbrief zu überreichen.

Mit Geschenk: Oberbürgermeister Philipp Frank (links) verabschiedete den langjährigen SPD-Fraktionssprecher Gerhard Vollmer offiziell aus den Reihen des Gemeinderats und überreichte im große goldene Medaille der Stadt.
Mit Geschenk: Oberbürgermeister Philipp Frank (links) verabschiedete den langjährigen SPD-Fraktionssprecher Gerhard Vollmer offiziell aus den Reihen des Gemeinderats und überreichte im große goldene Medaille der Stadt. | Bild: Jacqueline Scheuch

Welch‘ hohes Ansehen der frühere Lehrer an der Hans-Thoma-Schule in Tiengen in der Gesamtstadt und darüber hinaus genießt, spiegelte sich nicht nur im stehenden Applaus wieder, den Stadträte, Besucher und Vertreter der Verwaltung dem früheren SPD-Fraktionschef spendeten, sondern auch beim Blick auf die Gäste des Abends. Allen voran war die SPD-Bundestagsabgeordnete und Parlamentarische Staatssekretärin, Rita Schwarzelühr-Sutter, gekommen, um ihrem Parteifreund zu würdigen. Auf den Weg in die Waldshuter Stadthalle hatten sich zudem die Landtagsabgeordneten Sabine Hartmann-Müller (CDU, Rheinfelden) und Niklas Nüssle (Grüne, Wutöschingen) gemacht, ebenso der frühere SPD-Fraktionssprecher Günter Heinrich.

In seiner Rede rief Oberbürgermeister Philipp Frank das kommunalpolitische und bürgerschaftliche Wirken des 75-Jährigen zurück ins Gedächtnis. Gerhard Vollmer gehörte dem Gemeinderat Waldshut-Tiengen von 1980 bis 2004 (von Beginn an als stellvertretender Vorsitzender der SPD-Fraktion) und von 2009 bis 2020 als Fraktionssprecher an. Frank: „Für mich warst Du immer ein Stadtrat, der sich ganz stark um Verbesserungen im Lebensalltag der Menschen und hier vor allem um das Wohl der sozial Schwächeren bemüht hast.“ Grundsätzlich hätte Vollmer vor allem die Bildungs- und Familienpolitik am Herzen gelegen, so auch sein „unermüdliches Werben für die Abschaffung von Kita-Gebühren“.

Mit Applaus: Die Stadträte aller Fraktionen, Besucher und Vertreter der Verwaltung spendeten Gerhard Vollmer stehend Beifall für sein 40-jähriges Engagement im Gemeinderat.
Mit Applaus: Die Stadträte aller Fraktionen, Besucher und Vertreter der Verwaltung spendeten Gerhard Vollmer stehend Beifall für sein 40-jähriges Engagement im Gemeinderat. | Bild: Jacqueline Scheuch

Aber auch außerhalb des Gemeinderats habe sich Vollmer bemerkbar gemacht. So war er 40 Jahre Vorsitzender des SPD-Ortsvereins Tiengen (1979 – 2019). Der OB: „In dieser Funktion hast Du Dich auch noch sozial engagiert, etwa für zwei ältere Mitglieder, die sich selbst nicht mehr um alles kümmern konnten.“ Vollmers Kümmern hat indes noch mehr Facetten. 2007 hat er gemeinsam mit dem damaligen Rektor der Carl-Heinrich-Rösch-Schule, Edgar Porstner, den Förderverein Special Olympics Hochrhein gegründet. Dazu gesellen sich unter anderem sein Engagement in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und im Förderverein der Hans-Thoma-Schule. Philipp Frank: „So viel bürgerschaftliches Engagement findet man heute nicht mehr allzu oft.“ Als Dank und Anerkennung überreicht er Gerhard Vollmer die große goldene Medaille der Stadt, namens Ministerpräsident Kretschmann die Staufermedaille des Landes sowie persönlich einen knallroten Liegestuhl (zum Ausruhen) und einen farblich passenden Schirm (zum Schutz).

„Du hattest stets ein offenes Ohr für die Anlieben der Bürger und hast deren Rechte gegebenenfalls erstritten.“
Rita Schwarzelühr-Sutter, SPD-Bundestagsabgeordnete
Rita Schwarzelühr-Sutter
Rita Schwarzelühr-Sutter | Bild: Charlotte Fröse

Staatssekretärin Rita Schwarzelühr-Sutter hob besonders Vollmers über Jahrzehnte andauernden Einsatz für die Demokratie hervor: „Die Menschen spüren sehr wohl, wenn Kommunalpolitiker und Abgeordnete sich für die Bürger einsetzen.“ Vollmer habe stets ein offenes Ohr für die Anliegen der Bürger gehabt und „deren Rechte gegebenenfalls auch erstritten“. Vollmer, so die SPD-Politikerin weiter, habe sich immer gekümmert und sich um den Zusammenhalt in der Gesellschaft gesorgt.

Aus Berlin hatte die Lauchringer Abgeordnete den Ehrenbrief der SPD, unterschrieben unter anderem von den Parteivorsitzenden, mit nach Waldshut gebracht und dankte ihrem Parteifreund, der Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität gelebt habe mit den Worten: „Lieber Gerhard, Du hast viel geleistet.“ SPD-Sprecherin Claudia Hecht würdigte Gerhard Vollmer als „sehr geschätzten Fraktionschef“ und als „großes Vorbild für uns“.

Mit Respekt: Harald Würtenberger (l.) dankte Gerhard Vollmer namens des Gemeinderats für das stets gute Miteinander.
Mit Respekt: Harald Würtenberger (l.) dankte Gerhard Vollmer namens des Gemeinderats für das stets gute Miteinander. | Bild: Jacqueline Scheuch

Dass Vollmer über Parteigrenzen hinweg jede Menge Wertschätzung genießt, zeigte sich Harald Würtenberger, Sprecher der Freien Wähler im Gemeinderat, der sagte, dass es ihm „ein großes Anliegen war, die Rede halten zu dürfen“. Würtenberger, der seinen Blick zunächst auf wichtige Ereignisse der 1980er Jahre schweifen ließ, also jenem Jahr, als Gerhard Vollmer das erste Mal in den Gemeinderat gewählt worden war, sagte: „Es verbinden mich sehr viele persönliche Erinnerungen mit Gerhard Vollmer im Gemeinderat“, und fügte augenzwinkernd an: „Auch bei den Nachsitzungen.“ Am Geehrten habe er seine „sachliche, geradlinige Art“ geschätzt. Auch wenn Vollmer oft Schlichter gewesen sei, sei er stets bereit gewesen, auch unangenehme Dinge geradeaus zu sagen. Zudem habe Vollmer junge Kollegen auch mal zur Seite genommen und „uns angeleitet und gezeigt, wie das hier funktioniert“.

Der Geehrte selbst, der mit seiner Frau Doris in die Waldshuter Stadthalle gekommen war, fühlte sich „erschlagen von den vielen anerkennenden und lobenden Worten“. Und weiter: „Ich habe mich selbst so nicht eingeschätzt, dass ich so viel gemacht habe.“ Mit Blick auf seine zunehmende Genesung sagte Vollmer, „dass ich vielleicht hin und wieder zu Sitzungen des Gemeinderats komme“. Schließlich interessiere es ihn, zu sehen, was zu ende gebracht werde, „was wir angefangen haben.