Weihnachten ist vorbei und somit auch die Karriere der allermeisten Christbäume. Was vor Kurzem noch im Mittelpunkt der Besinnlichkeit stand, steht nun düster und nadelnd im Weg und erinnert an das gefühlt längst vergangene Vorjahr. In der Regel werden die meisten der Bäume kurz nach Dreikönig aus dem Haus verbannt. Schon bald werden sie aber über vier Stationen ins Wohnzimmer zurückkehren – und zwar als Wärme und Strom.

Station 1: Sammelstelle

Der Baum muss weg. Aber wohin? Während im französischen Nachbarland jeder bis zum Schluss für den eigenen Baum und vor allem seine Entsorgung verantwortlich ist, wird es einem hierzulande geradezu leicht gemacht. In Tiengen kümmert sich seit Jahren die Kolpingfamilie um die Entsorgung der Bäume.

Gegenüber des Tiengener Bahnhofs werden die ehemaligen Christbäume von den Tiengenern an einer Sammelstelle abgeladen. Hier werden die Bäume entastet und für den Weitertransport vorbereitet. Hier: Dean Bennek aus Tiengen.
Gegenüber des Tiengener Bahnhofs werden die ehemaligen Christbäume von den Tiengenern an einer Sammelstelle abgeladen. Hier werden die Bäume entastet und für den Weitertransport vorbereitet. Hier: Dean Bennek aus Tiengen. | Bild: Peter Rosa

An sieben Sammelstellen können die Bäume abgeladen werden. Am Tag der Abholung – diese wird vorher angekündigt – entasten Mitglieder der Kolpingfamilie die Bäume mit Gertel und Kettensäge, um sie besser transportieren zu können. „Es ist eigentlich immer lustig“ sagt Anna Kaiser. Sie ist schon seit Jahren an der Aktion beteiligt. Und auch heute sind wieder die Jüngsten mit dabei, wie der sechsjährige Hennes Giebels und sein achtjähriger Bruder Theo, gemeinsam mit Vater Bernd.

Schon die jüngsten helfen mit, wie hier der sechsjährige Hennes Giebels.
Schon die jüngsten helfen mit, wie hier der sechsjährige Hennes Giebels. | Bild: Peter Rosa

„Kolping ist ein Generationenübergreifender Verband“, sagt Waldemar Herz, Vorsitzender des Kolpingwerks Tiengen, der gekommen ist, um nach dem Rechten zu sehen. Mehr als zerkleinern müssen die Ehrenamtlichen hier übrigens nur selten: „An sich sind die Bäume sauber“, lobt Waldemar Herz die ehemaligen Tiengener Weihnachtsbaumbesitzer. Hin und wieder werde etwas Lametta entfernt. Viel öfter werde aber, wie auch heute, der ein oder andere Snack, Kaffee und kleine Geldspenden von den Bewohnern des Städtle vorbeigebracht.

Waldemar Herz, Vorsitzender des Kolpingwerks Tiengen.
Waldemar Herz, Vorsitzender des Kolpingwerks Tiengen. | Bild: Peter Rosa

Station 2: Anhänger von Herbert Siebold

Während die Jüngsten zerkleinern, sorgt der älteste für den Weitertransport. Der 82-jährige Herbert Siebold fährt die einzelnen Sammelstellen ab und lädt Stämme und Zweige der ehemaligen Christbäume mit dem Greifarm auf den Hänger. Mehrere hundert Bäume kommen so jährlich zusammen. In diesem Jahr sind es rund 350, die von rund 50 Ehrenamtlichen versorgt werden.

Mithilfe von Greifarm und Anhänger verfrachtet Landwirt Herbert Siebold die ehemaligen Christbäume zum Wertstoffhof Kadelburg.
Mithilfe von Greifarm und Anhänger verfrachtet Landwirt Herbert Siebold die ehemaligen Christbäume zum Wertstoffhof Kadelburg. | Bild: Peter Rosa

Zange um Zange lädt Siebold die Grüne Ladung auf den Hänger und drückt sie mit dem pneumatischen Greifarm nach unten. „Das ist für mich eine ehrenamtliche Sache und das gehört sich so“, antwortet der Landwirt auf die Frage, warum er sich bis heute für die Aktion einsetzt, als wäre es das Selbstverständlichste. Das es ihm bis heute Spaß macht, ist klar: „Ohne Arbeit könnt ich nicht sein“, fügt er an.

Station 3: Wertstoffhof Kadelburg

Ein riesiger grüner Berg zeugt im Wertstoffhof Kadelburg von der vergangenen Weihnacht. Alleine heute wurden rund 300 Kubikmeter des Grünabfalls aus der Doppelstadt angeliefert, so auch von Herbert Siebold. Innerhalb von zwei Stunden werden diese hier von einem riesigen Schredder zu 150 Kubikmetern an sogenanntem energetisch verwertbarem Material verarbeitet. „Das ist ein wertvoller und günstiger Rohstoff“, erklärt Wertstoffhofleiter Christian Hoch. Im Jahr 2018 wurden hier davon rund 8000 Kubikmeter hergestellt. Rund 1000 stammen von Christbäumen aus dem Landkreis.

Per Schaufellader wird das Material dem Schredder zugeführt, der es in fingergroße Schnipsel verwandelt.
Per Schaufellader wird das Material dem Schredder zugeführt, der es in fingergroße Schnipsel verwandelt. | Bild: Peter Rosa

Station 4: Heizkraftwerk

Die ehemaligen Christbäume werden anschließend in fingergroßen Stücken auf Lastwagen je 80 Kubikmeter verladen. Zwei Drittel von ihnen gehen an Kraftwerke des Fernwärmenetzes Basel, ein Drittel an das Kraftwerk Bodelshausen zwischen Balingen und Tübingen.

Das Endprodukt heißt energetisch verwertbares Material. Es wird an Heizwerke geliefert, wo es in Strom und Wärme umgewandelt wird.
Das Endprodukt heißt energetisch verwertbares Material. Es wird an Heizwerke geliefert, wo es in Strom und Wärme umgewandelt wird. | Bild: Peter Rosa

„Aus jedem Christbaum wird Wärme und Strom“ resümiert Christian Hoch. Und so schließt sich der Kreis, wenn der Christbaum – zumindest auf gewisse Weise – als Energie ins Wohnzimmer zurückgekehrt ist, wenn auch in kein Tiengener Der nächste Baum für die kommende Weihnacht steht derweil schon heute auf einer Plantage bereit.

Wohin mit den Weihnachtsbäumen?

  • Tiengen: Die Weihnachtsbaumsammelaktion der Kolpinggemeinschaft Tiengen gibt es bereits seit über 30 Jahren. „Die Aktion ist ein Beitrag für die Gemeinschaft und stärkt den Zusammenhalt generationenübergreifend“ erklärt Waldemar Herz, Vorsitzender des Kolpingwerks Tiengen. Die Zahl der gesammelten Bäume hält sich seit Jahren konstant bei etwa 300 bis 350 Stück. Auch die Baumhöhe habe sich – trotz steigender Meterpreise – nicht verändert und reiche von hüfthohen kleineren Exemplaren, über den Standardbaum mit 1,80 Metern Höhe, bis hin zu Fünf-Meter-Riesen. „Diese mussten wir auseinandersägen, um sie auf den Hänger zu bekommen“, sagt Herz. In diesem Zusammenhang wurde auch das Entasten der Bäume irgendwann eingeführt, statt sie lediglich aufzuladen. Auf diese Weise passt mehr auf den Anhänger und es müssen weniger Fahrten unternommen werden.
  • Waldshut: In Waldshut steht die Entsorgung der ehemaligen Christbäume noch bevor. Sie wird am 23. Januar durch ein von der Stadt beauftragtes Unternehmen durchgeführt. Sammelstellen sind der Chilbiplatz, die Bloisstraße, die Mozartstraße gegenüber der Theodor-Heuss-Schule sowie der Parkplatz des Waldshuter Schwimmbads.
Peter Rosa