Im März 2015 soll der heute 20-Jährige, der aus einem Stadtteil Waldshuts kommt, in dem vor allem Familien leben, nach Syrien gereist sein.

Doch wer war der junge Mann, der sein Leben im beschaulichen Waldshut eintauschte, um in den Krieg zu ziehen? Die Spurensuche in der Heimat des jungen Mannes ist schwierig. Viele Menschen aus seinem Umfeld schweigen, wollen ihren Namen nicht in der Zeitung lesen. Auch, weil sie eigentlich nicht viel über Sami W. wissen. In sozialen Netzwerken ist er nicht zu finden, lediglich auf Xing, einer Plattform für Geschäftsnetzwerke, gibt es einen Eintrag mit seinem Namen. Fotos im Internet – Fehlanzeige. Auch auf Klassenfotos aus der Realschulzeit ist er nicht abgebildet. Fest steht: Er war ein extremer Einzelgänger – ohne Freunde. Nur als Kind habe er sich ab und zu mit Nachbarskindern getroffen, um zu spielen.

Sami W. ist Sohn einer marokkanischen Mutter und eines deutschen Vaters, der zum Islam konvertierte. Zusammen mit seinen Eltern und seiner Schwester lebte der Dunkelhaarige in einem idyllischen Stadtteil Waldshuts in einem Einfamilienhaus mit prächtigem Garten – kein sozialer Brennpunkt, keine prekäre Umgebung. Sein Vater hat einen Universitätsabschluss und arbeitet in der Schweiz. Man spricht hochdeutsch zu Hause. Sami W. ist in Waldshut aufgewachsen und besuchte nach der Grundschule die Robert-Schuman-Realschule, die er 2013 nach seinem Abschluss verließ, um dann aufs Technische Gymnasium zu wechseln. Dort fiel er allerdings durch das Abitur.

Bis zur Pubertät soll sich der Waldshuter eher unauffällig verhalten haben. Dann der Wechsel: Er hätte sich kaum an Regeln gehalten, sei öfter zu spät zum Unterricht erschienen und sei vor allem Lehrern gegenüber aufmüpfig gewesen.

Auf der anderen Seite sei er in der Klasse gemobbt worden, vor allem von Mädchen. Eine Ursache dafür mag seine seiner Größe von 1.60 Meter gewesen sein oder die Tatsache, dass er eben ein Einzelgänger war. Er habe alles in sich hineingefressen, nicht auf Beleidigungen reagiert. „Er war ein Weichei“, sagt eine Bekannte spitz. In Schul-kreisen und in der Nachbarschaft wurde gemunkelt, Sami W. habe zu Hause diverse Probleme, auch aufgrund seiner schwierigen Persönlichkeit.

Einige Mädchen gaben gar an, sich „geekelt“ zu haben, weil er sich einen längeren Bart unter dem Kinn hat wachsen lassen, über den er immer wieder gestrichen hat. „Im Nachhinein war es eigentlich ein typischer Bart, den Islamisten tragen“, sagen Bekannte.

Auch in psychologischer Behandlung soll sich Sami W. befunden haben. In Stuttgart wurde dem psychiatrischen Gutachter eine Medikamentenliste überreicht. Unter anderem soll W. am Asperger Syndrom leiden, einer schwächeren Form von Autismus. Die Schuld für alles habe er in der Gesellschaft gesucht, sagen die Mitschüler, letztendlich aber nie bei sich selbst. Mit zunehmendem Alter sei er immer weiter in die islamistische Ecke gerückt, soll sich mit islamistischem Gedankengut befasst haben. Dass er sich aber einer Terrororganisation anschließt, damit hätte kaum jemand gerechnet. Andere hingegen sagen: „Wenn sich jemand dem IS anschließt, dann Sami.“

"Asperger ziehen sich eher zurück"

Karsten Böhm, psychologischer Psycho-und Trauma-therapeut an der Privatklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik in Friedenweiler, spricht über das Asperger Syndrom.

Herr Böhm, woran erkennt man, ob eine Person am Asperger Syndrom leidet?

Das Asperger Syndrom ist eine schwächere Form des Autismus und eine frühkindliche Störung. Das heißt, jemand hat es seit der Geburt. Ob man es gleich erkennt, ist eine andere Frage. Das Kind zeichnet sich dadurch aus, dass es weniger Kontakte nach außen hat, diese auch häufig nicht haben möchte. Der Betroffene hat meist Schwierigkeiten, sich in andere Menschen hinzuversetzen. Das nennt man dann eine mangelnde Empathie-Fähigkeit.

Können Asperger lernen, sich in der Gesellschaft unauffällig zu verhalten?

Viele Asperger können ihre Krankheit mit Lernen überspielen. Ein Beispiel: Bringt mir der Kellner etwas zu essen, dann sagen wir Danke. Asperger fühlen eventuell nicht, dass das ein sozialer Umgang ist, der alles auch ein bisschen netter macht. Sie können es aber lernen, wie man sich in bestimmten Situationen verhält, auch wenn er es nicht fühlt. Was aber nicht heißt, dass ein Asperger nicht fühlt.

Wie kann man sich die Gefühlswelt eines Asperger Patienten vorstellen?

Die Gefühle bleiben in einem Raum. Die Umwelt ist hinter einer Mauer, die aber Fenster hat und nicht so dick ist wie bei Menschen mit einem klassischen Autismus. Bei Autisten ist diese Mauer wesentlich dicker. Bei einem besonders schweren Fall hat der Patient gar keinen Kontakt nach außen. Asperger kommen normalerweise in der Welt ganz gut zurecht. Sie können sich weitgehend nach außen normal verhalten. Meistens merkt man es eher an den Sozialkontakten. Die Betroffenen haben eventuell nicht so ein gutes Gefühl für soziale Dinge wie Ordnung oder soziale Abläufe und Umgangsformen. Aber auch das ist nicht bei jedem so.

Haben Asperger wie Autisten eine besondere Begabung?

Ja, in bestimmten Bereichen ist dies möglich, beispielsweise kann es sein, dass sie besonders gut zählen können, ähnlich wie ein autistisches Kind. Aber dies ist nicht bei jedem Menschen mit Asperger anzutreffen. Es kann aber schon sehr faszinierend sein, welches Bereichswissen, beispielsweise über die Geschichte alter Kulturen, Menschen mit einem Asperger-Syndrom haben können. Die Betroffenen haben somit nicht nur Defizite gegenüber Altersgenossen, sondern durchaus auch Vorteile und glücklich machende Interessen.

Fragen: Susann Klatt-D‘Souza