„Wir haben nicht gesucht – wir sind gefunden worden“, sagt Dieter Heise. Der 69-jährige Heizungs- und Lüftungsbau-Meister hat sein Heizungsbau-Unternehmen in Tiengen Anfang 2019 an den Installateur- und Heizungsbau-Meister Georg Zanotti übergeben. Damit hat sich für Dieter Heise ein Problem gelöst, vor das am Hochrhein viele Unternehmer stehen und künftig stehen werden: die Suche nach einem geeigneten Nachfolger für den eigenen Betrieb.

Zahlreiche Betriebe suchen Nachfolger

In den kommenden Jahren steht bei mehr als 150 Betrieben am Hochrhein, ohne Berücksichtigung der Freiberuflichen, das Thema Nachfolgersuche an. Aktuell sind 17 Handwerksbetriebe im Kreis Waldshut als suchend bei der Handwerkskammer Konstanz gemeldet.

Eine ähnliche Lage zeigt sich bei der Industrie- und Handelskammer Hochrhein-Bodensee (IHK): Sie betreut im gesamten Kammergebiet derzeit rund 50 Unternehmen in Sachen Nachfolge und schätzt, dass allein im Landkreis Waldshut in den kommenden Jahren 50 bis 60 Nachfolgen anstehen. Über verschiedene Plattformen, unter anderem direkt bei IHK und Handwerkskammer, können Unternehmer sich anonym möglichen Nachfolgern vorstellen, die sich bei Interesse direkt melden können.

Eine Anzeige im Internet oder einer Fachpublikation war in Dieter Heises Fall nicht nötig. 2015 begann der Vater zweier Töchter sich erstmals Gedanken um das Thema Nachfolge zu machen, wie er sagt. Ein glücklicher Zufall führte dazu, dass Georg Zanotti und Dieter Heise Anfang 2018 in Kontakt kamen. „Ich benötigte ein bestimmtes Teil für eine Heizung und fragte bei Herrn Heise danach“, erinnert sich Zanotti. Dieter Heise hatte das Teil und sprach außerdem eine Einladung zum Gespräch aus.

„Schon bei den ersten Kontakten stellte sich heraus, dass Herr Zanotti sehr zielorientiert und ehrgeizig an die Sache heranging“, erinnert sich Dieter Heise. Eine Entschlossenheit, die bei dem heute 69-Jährigen für Erleichterung sorgte. „Auch ich habe schnell gemerkt, dass das mit uns richtig gut passt“, sagt Zanotti. Für beide Seiten waren es vor allem die Werte, auf die sie sich sehr schnell verständigen konnten, die den Ausschlag gaben: „Es war uns wichtig, dass der Nachfolger ähnliche Werte und Prinzipien mitbringt und ‚menschlich‘ zu unseren Kunden passt.“ Darüber hinaus erwies sich Georg Zanotti aufgrund seiner Ausbildung, dem Meistertitel und seiner Berufserfahrung als geeignet, den Betrieb zu übernehmen.

Verschiedene Aufgaben als Unternehmer

Aus Sicht des Experten seien dies gute Voraussetzungen für eine erfolgreiche Übernahme. „Man darf den ganzen buchhalterischen Bereich nicht unterschätzen“, bestätigt Dennis Schäuble von der Handwerkskammer. Er ergänzt: „In der Werkstatt wird gearbeitet, aber das Geld wird im Büro verdient.“ Vielschichtig seien die Aufgaben, mit denen Selbstständige konfrontiert seien. Auch in Georg Zanottis Arbeitstag spiele die Büroarbeit mittlerweile eine viel größere Rolle. „Es ist wichtig, hier Verantwortung zu übernehmen“, sagt der 32-Jährige.

Den Entschluss sich selbstständig zu machen, fällte Zanotti bereits nach seiner Berufsausbildung: „Ich erkannte, dass unser Berufsbild Anlagenmechaniker sehr großes Potenzial hat, an der Energiewende mitzuwirken. Und ich habe mich ständig auf dem Gebiet der erneuerbaren Energien weitergebildet.“ Ursprünglich habe er ein eigenes Unternehmen gründen wollen, doch dann kam die Gelegenheit, die Firma von Dieter Heise zu übernehmen.

Neue Ideen

„Ich habe viele Ideen und nun ist es mir möglich, sie umzusetzen“, sagt Zanotti. Erneuerbare Energien sind, neben klassischen Anlagen, ein Schwerpunktthema des Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik. „Mit dem eigenen Unternehmen habe ich die Chance, das Thema auch in der Bevölkerung weiter voranzubringen und die Aspekte neuer Möglichkeiten bekannter zu machen“, sagt Zanotti. Was man sich unter solchen Möglichkeiten vorstellen kann? Beispielsweise Brennstoffzellen, die sowohl Wärme als auch Strom erzeugen, statt Öl- oder Gasheizung. Oder den Einsatz von Photovoltaik.

Ein weiterer ausschlaggebender Punkt für den 32-Jährigen: „Ich habe die Chance, ein guter Arbeitgeber zu sein.“ Dies auch vor dem Hintergrund, dass es eine große Herausforderung im Handwerk sei, Nachwuchs zu gewinnen. Es gebe immer weniger Auszubildende und die Generierung von Fachkräften sei schwierig. Die Nähe zur Schweiz verschärfe die Situation außerdem. Das Arbeitsklima im Unternehmen und das Thema fachliche Weiterbildung sind Zanotti wichtig, ebenso wie es Heise war: „Auch hier passen wir gut zusammen.“

Erst Angestellter, dann Chef

Die Übergabe selbst erfolgte dann nach einem bewährten Muster: Georg Zanotti arbeitete zunächst als Angestellter im Betrieb von Dieter Heise. Zum 1. Januar dieses Jahres tauschten beide ihre Rollen: Zanotti wurde Inhaber, Dieter Heise ist bei ihm angestellt. „Das ist eine beliebte Regelung bei einer Firmenübergabe. Der neue Chef kann den Betrieb kennen lernen und der bisherige ist nach wie vor mit im Boot, damit auch Kunden die Umstellung leichter fällt“, sagt Dennis Schäuble von der Handwerkskammer. Von der Kammer in Konstanz haben sich Zanotti und Heise gut beraten gefühlt. „Die Bewertung des Unternehmens hat die Kammer übernommen“, erklärt Dieter Heise. Darüber hinaus gab es ein zweites Gutachten und dann stand fest: Georg Zanotti übernimmt das Geschäft von Dieter Heise.

Grundsätzlich empfehlen kann Zanotti den Schritt in die Selbstständigkeit nicht: „Man muss schon der Typ dafür sein.“ Das bestätigt auch Dieter Heise, der das Tiengener Unternehmen, das damals noch unter Stefan Flum firmierte, 1986 selbst als externer Nachfolger übernahm. Zanotti habe der Fragebogen der Handwerkskammer sehr geholfen: In einer Art Selbsttest werden 40 Faktoren aufgeführt, die man beachten muss, ehe man die Entscheidung für eine Betriebsübernahme treffen sollte. Der 32-Jährige erklärt: „Bei mir hatte alles gepasst.“

Damit die Übergabe eines Unternehmens auch tatsächlich funktioniert, müssen beide Parteien an einem Strang ziehen. „Bei uns sind die Rollen ganz klar verteilt. Seit 1. Januar bin ich der Chef“, sagt Zanotti. Ob das Dieter Heise manchmal nicht doch schwerfällt? „Nein, ich habe es ja genauso gewollt und ich bin sehr zufrieden, wie Herr Zanotti das Geschäft führt. Was soll ich mich denn da noch einmischen?“

Hintergründe zur Nachfolgersuche

Der Unternehmer hat keine Verwandten, die den Betrieb fortführen werden und sucht einem externen Nachfolger: Ein Szenario, das mittlerweile recht häufig vorkommt, hier sind sich Handwerkskammer und Industrie- und Handelskammer (IHK) einig.

  • Handwerkskammer: Entlastend wirke sich hier die Neuregelungen bei der Meisterpflicht aus. Mittlerweile sind nicht mehr alle Gewerke meisterpflichtig, so dass das Fortführen eines Betriebes auch schon mit Gesellenstatus möglich ist. 41 Gewerke gilt nach wie vor die Meisterpflicht, so beispielsweise bei Elektrikern, Friseuren oder Bäckern. Dennis Schäuble, Experte bei der Handwerkskammer Konstanz sagt über Firmenübernahmen: „Es kann lukrativer sein, einen bestehenden Betrieb zu übernehmen, als neu zu gründen. Zwar sind die Kosten anfangs höher, aber man kennt das Unternehmen, das meist am Markt etabliert ist.“
  • IHK: „Auch im IHK-Bezirk Hochrhein-Bodensee nähern sich immer mehr Chefs der Altersgrenze und müssen eine Nachfolgeregelung treffen, um ihr Lebenswerk zu sichern“, sagt IHK-Gründungs- und Nachfolgeexperte Alexander Vatovac. Hinsichtlich der Besonderheiten der Branchen sagt er: „Im Hotel- und Gastgewerbe ist es aufgrund eines oft vorhandenen Investitionsstaus schwierig, einen Nachfolger zu finden. Das betrifft auch den nicht spezialisierten kleinen Einzelhandel. Besser ist es bei gut aufgestellten Industriebetrieben.“

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