Herr Wieland, Surianer sein ist für Sie etwas ganz Besonderes?

Ja, das ist es. Wir haben eine große Kameradschaft und ein gutes Miteinander. Wir haben junge Bürger, aber auch ältere, die sich soweit sie können, noch aktiv beteiligen oder uns mit Rat und Tat zur Seite stehen. Der Zusammenhalt zwischen den Generationen ist groß. Als ich Horst Heimpel zum Ehrenbürger ernennen durfte, war das mein bisher schönstes Erlebnis als Bürgermeister. Unsere Altgedienten haben zwar keine Pflichten mehr, gehören aber fest dazu und werden gern gehört. Es gibt bei uns keinen Grund, auszutreten.

Was machen die Surianer eigentlich genau?

Wir haben zwei Schwerpunkte: Die Pflege der Traditionen und des Brauchtums der Tiengener Fasnacht und kulturelle Aktivitäten wie die Organisation der Reihe Jazz im Schlosshof und die Mithilfe beim Tiengener Sommer, hinter Beidem steht maßgeblich unser Mitglied Kurt Reckermann. Wir sind also kein reiner Fasnachtsverein, sondern ganzjährig aktiv. Auch intern: Wir treffen uns regelmäßig und pflegen die Geselligkeit. Wir machen jedes Jahr eine Skiausfahrt, einen Vatertagsausflug und eine mehrtägige Städtereise. Außerdem organisieren wir eine Rallye samt Helferfest für unsere Freunde, Gönner und Sponsoren, die uns übers Jahr bei den Veranstaltungen geholfen haben.

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Sie sind Bürgermeister, was haben die anderen denn für Ämter?

Wir sind eine Gemeinde mit einem Gemeinderat, der sich aus einem Bürgermeister, Vize, Schryber, Rechner, Bolisei, Diplomat, Pressesprecher und Narrenzeitungschef zusammensetzt. Aber auch jeder andere Bürger hat ein Amt. Einer ist zum Beispiel Finanzaufsicht, ein anderer Baumeister, Archivar oder sogar "Hebamme", die dem Bürger, dessen Frau ein Kind bekommen hat, behilflich sein soll, der das Baumstellen und ein Geschenk organisiert.

Erzählen Sie uns noch ein wenig von den Fasnachts-Aktivitäten der Surianer.

Neben vielen Narrentreffen und Umzügen, an denen wir teilnehmen, liegt der Fokus auf der heimischen Fasnacht. Wir beginnen jedes Jahr mit dem Aufstellen des Surianer Hansele in der Tiengener Innenstadt. Wir organisieren das Fasnachts-Auswerfen, das am kommenden Samstag stattfindet und Auftakt der Tiengener Fasnacht ist. Alle Kinder aus Tiengen und Umgebung sind herzlich eingeladen, für jeden Narrenspruch den sie aufsagen bekommen sie Obst und Süßigkeiten. Wir sind Alleinveranstalter des Hansele-Zelts auf dem Marktplatz, was immer mit einem großen Arbeitseinsatz verbunden ist. Dabei investieren wir viel in die Sicherheit und Versorgung der Gäste, was sich auszahlt. Es gab bislang weder Ausschreitungen noch größere Unfälle. Und zum Abschluss der Fasnacht verbrennen wir den Bög mitsamt der Bahre, die wir für ihn bauen, einschließlich traditioneller Trauerrede und Feuerwerk.

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Der Hansele ist die Figur oder das Häs der Surianer?

Ja, das Surianer-Häs oder Hansele besteht aus rund 2000 farbigen Bläzele, eine Besonderheit ist unsere Stoffmaske. Weitere Requisiten sind stumpfe Scheren, mit denen wir die Hüte vom Kopf der Menschen holen. Außerdem Saubloddere, das sind Schweinsblasen von Tiengener Metzgern, mit denen wir auf den Kopf der Menschen schlagen, das soll ihnen Glück bringen. Besondere Beachtung finden auch unsere großen Hansele, die auf Stelzen beim Umzug mitlaufen.

Ist die Narrenzeitung nicht auch von den Surianern?

Doch. Ab dem Auswerfen wird sie verkauft. Unser Chefredakteur Christian Nägele, der mit Herzblut an dem Blatt arbeitet, hat wieder ganze Arbeit geleistet. Die Titelstory ist sicher ein Höhepunkt und kein Lokalpolitiker wird verschont bleiben, beleidigt wird aber niemand. Neu in diesem Jahr ist Suridamus, der mit seiner Kristallkugel auf 2025 schaut. Die Narrenzeitung ist unser besonderes Juwel. Wir sind stolz darauf, dass wir bereits den 118. Jahrgang herausbringen dürfen.

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Wie wird man eigentlich Surianer?

Wer sich für uns interessiert, sollte am besten einen Surianer direkt ansprechen, um mehr voneinander zu erfahren. Meist folgt ein Gespräch mit dem Bürgermeister, danach kann der Betreffende sich schriftlich bewerben und die Gemeinde entscheidet dann, ob er eingeladen wird. Bewerben können sich alle jungen, unbescholtenen und unverheirateten Männer gleich welcher Herkunft oder welchen Standes. Sie sollten in Tiengen wohnen oder eine Beziehung zu Tiengen haben. Man wird zunächst Aspirant, das heißt man muss sich erst beweisen und sollte eine Fasnacht komplett mitgemacht haben.

Irgendwie erinnert mich das an die Waldshuter Junggesellen.

Ja, einiges ist ähnlich. Wir singen auch ähnliche und gleiche Lieder und haben Kontakt zueinander. Beispielsweise empfangen wir sie, wenn sie auf ihrer Bockreise nach Tiengen kommen. Ein grundlegender Unterscheid ist aber, dass bei uns niemand ausscheidet, wenn er heiratet. Es gibt bei uns keine ehemaligen Surianer, alle sind ein fester Bestandteil, das macht uns einzigartig.

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Gleich ist auch, dass nur Männer dabei sind.

Ja, bei uns Surianern entspricht das der Tradition. Unsere Keimzelle liegt im sogenannten Stromerclub Mahentsia, einer Art Junggesellen- oder Burschenschaft zum Zwecke der Geselligkeit und der Pflege des fasnächtlichen Brauchtums. Das älteste Dokument, das auf uns verweist, stammt aus dem Jahr 1897. 1901 wurden wir erstmals Surianer Gemeinde genannt, was der Name genau bedeutet, ist nicht bekannt.