Dass die 500. Waldshuter Chilbi ein Riesenfest würde, war den Einheimischen lange vorher klar. Dass sich zum Heimatfest 1968 allerdings der Kanzler der Bundesrepublik Deutschland ansagen würde, hätten sich die Waldstädter wohl nicht träumen lassen. Erst Monate später wussten alle, warum die große Bundespolitik am Hochrhein Station machte.

Herren im dunklen Anzug mischen sich unter Trachtenträger

Nicht nur Heimattrachten bestimmten das Bild: Der 90-jährige Altstadtrat Hans Studinger, als CDU-Ortsvorsitzender damals in einer Gastgeberrolle für Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger, erinnert sich heute an viele "unauffällige Herrn im dunklen Anzug" rings um die Festgäste, unter denen der deutsche Regierungschef auch wegen seiner stattlichen Körperlänge herausragte. Allenfalls ausgebeulte Taschen und gelegentliche diskrete Einsätze von Funkgeräten deuteten auf die wichtige Aufgabe der Anzugträger hin.

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500 Jahre nach dem Waldshuter Frieden zwischen Eidgenossen und Österreich, dem glimpflichen Ende der Belagerung, hatte sich die Innenstadt in Schale geworfen. Blumen und Fahnen brachten Farbe ins Bild. Der Umzug am Sonntag vor geschätzt 15 000 Zuschauern bestand aus 80 Abteilungen. Auf der Ehrentribüne vor dem Rathaus winkte neben anderen Würdenträgern auch der dritte Kanzler der Bundesrepublik Deutschland den Teilnehmern und Chilbibock Otto zu. Der hohe Gast war am Samstagabend mit einem Hubschrauber vom Militärflughafen Bremgarten angereist und auf dem Sportplatz in der Schmittenau gelandet.

Nach der Landtagswahl im Jahr 2001 steht Hans Studinger neben dem Waldshuter Landtagspräsidenten Peter Straub (CDU).
Nach der Landtagswahl im Jahr 2001 steht Hans Studinger neben dem Waldshuter Landtagspräsidenten Peter Straub (CDU). | Bild: privat

Erster Pflichtanlass war der Heimatabend, wo der Schwabe die damals blühende Partnerschaft der Stadt mit dem französischen Blois als wertvollen Mosaikstein der Freundschaft würdigte. Überhaupt blieb der Kanzler staatsmännisch. Auch als am Chilbisonntag nach dem Gottesdienst die CDU-Granden vom Hochrhein hinter verschlossenen Türen ihre irdischen Fürbitten loswurden, ließ sich der begabte Redner – nicht auf Versprechen ein.

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Nach dem Umzug stärkten sich Prominenz und Tross im Kolpinghaus, als der CDU-Ortsvorsitzende den hohen Gast ans Telefon holen musste. Am anderen Ende Kiesingers persönlicher Referent. Im ruhigen Nebenraum wurde Hans Studinger unfreiwillig zum Geheimnisträger: Hans Neusel informierte den Kanzler über die Truppenbewegungen des Warschauer Paktes in Richtung Tschechoslowakei. Drei Tage später rollten die Panzer bekanntlich in Prag ein. Der "Prager Frühling" war am 21. August 1968 zu Ende. Der deutsche Kanzler entschwebte am Sonntagabend wieder in Richtung Bonn.

Das Geheimnis hinter dem Chilbi-Besuch

Der Schleier des Geheimnisses fiel noch im Herbst. Der Regierungschef ohne Bundestagsmandat kandidierte im Wahlkreis Waldshut für das Bonner Parlament. Es hatte sich so ergeben: Der altgediente Abgeordnete Anton Hilbert aus Eggingen trat 1969 nicht mehr an, andererseits suchte der Kanzler einen Wahlbezirk für ein Direktmandat. Die Urheberrechte auf die Idee, den Kanzler nach Waldshut zu "holen", teilt sich Studinger heute mit Anton Hilbert.

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An der Chilbi wusste erst ein kleiner Kreis von Christdemokraten, warum der Regierungschef dem Heimatfest die Ehre gab: Es war ein vorgezogenes Wahlkampf-Solo in volkstümlich-heiterer Verpackung. CDU-Bundestagskandidat Kurt Georg Kiesinger gewann 1969 zwar das Mandat am Hochrhein und auch die Wahlen im Bund, war danach aber nicht mehr Kanzler, weil nun die SPD mit der FDP regierte.

 

Wahrheit und Legenden

  • Erbe: Einen Bundeskanzler hatten die Waldshuter nie als Bundestagsabgeordneten, wie oft überliefert wird. Wohl aber wählten sie einen Kanzler zu ihrem Volksvertreter: Kurt Georg Kiesinger, den die CDU 1966 vom Ministerpräsidentenamt in Stuttgart nach Bonn geholt hatte, "erbte" den Wahlkreis Waldshut 1969 vom altgedienten Abgeordneten Anton Hilbert. Die Kandidatur am Hochrhein hatten lokale CDU-Größen dem Kanzler in Bonn mit einer Art Bittprozession angetragen. Kiesinger nahm gern an, holte auch eine satte Mehrheit der Erststimmen, doch der Kanzler hieß nach der Wahl Willy Brandt. Kiesinger blieb noch acht Jahre der Direktkandidat des Wahlkreises 188 – als Oppositionspolitiker.
  • Ohrfeige: Prominente Widersacherin Kiesingers war die Journalistin und Nazijägerin Beate Klarsfeld. Sie kandidierte demonstrativ im Wahlkreis des Bundeskanzlers für die AdF (Aktion demokratischer Fortschritt). Legende ist die oft gehörte Darstellung, sie habe dem Bundeskanzler, dessen nationalsozialistische Vergangenheit sie anprangerte, ihre spektakuläre Ohrfeige in Waldshut verpasst. Tatort war Berlin, anlässlich eines CDU-Parteitags am 3. November 1968. Dass sie nach eigenem Bekunden schon seit Mai auf eine Gelegenheit für die Backpfeife wartete, ahnte der Chilbifestbesucher Kiesinger im August wohl nicht.
  • Starthilfe: Für Rainer Offergeld, einen 30 Jahre jungen Rechtsanwalt aus Jestetten, war die Kiesinger-Kandidatur am Hochrhein eine willkommene Starthilfe. Die Genossen schoben den SPD-Gegenkandidaten auf der Landesliste so weit nach vorne, dass auch er im Bundestag saß. Mit 38,3 Prozent Erststimmen der gelungene Auftakt einer glanzvollen Karriere als Staatssekretär, Bundesminister und schließlich Oberbürgermeister von Lörrach. Der einstige Stargast Kurt Georg Kiesinger dagegen war Geschichte.