Herr Steinegger, wie viele Mitarbeiter zählen die Caritas-Sozialstationen am Hochrhein und was ist deren Hauptaufgabe?

In den Sozialstationen im Landkreis Waldshut haben wir rund 750 Mitarbeiter, davon sind 150 in der Sozialstation St. Verena Waldshut-Tiengen tätig. Ihre Hauptaufgabe ist die ambulante pflegerische und hauswirtschaftliche Versorgung für kranke, alte und pflegebedürftige Personen im Landkreis Waldshut und in Rheinfelden. Die Sozialstationen verfügen selbst oder in enger Zusammenarbeit mit dem Caritasverband über weitere Angebote wie Essen auf Rädern, Hausnotruf, Tagespflegen für Senioren, Beratungsstellen und vieles mehr, was für die häusliche Versorgung von Bedeutung ist.

Wie viele Menschen besuchen die Mitarbeiter der Caritas-Sozialstationen täglich?

Im Landkreis Waldshut und in Rheinfelden leisten sie zwischen 75 und 100 Prozent aller Hausbesuche in der ambulanten Pflege und Versorgung. Pro Tag sind es rund 2700 Hausbesuche. Die Sozialstation St. Verena Waldshut-Tiengen macht in Waldshut-Tiengen, Weilheim und Lauchringen täglich rund 550 Hausbesuche an 365 Tagen im Jahr. Das Durchschnittsalter der Patienten liegt bei knapp 85 Jahren.

Was hat sich bei der Arbeit im Zuge des Corona-Virus verändert?

Alle bekannten und üblichen Telefonnummern der Sozialstationen sind weiterhin offen und werden von kompetenten Ansprechpartnern bedient. Wie schon vor der Corona-Krise setzen wir die aktuell gültigen Hygienestandards weiter um. Sie sind selbstverständlicher und gewohnter Teil der Arbeit der Pflegemitarbei-terinnen, die generell mit Infektionskrankheiten wie zum Beispiel multiresistenten Keimen professionell umgehen. Unsere Leute verfügen über entsprechende Schutzausrüstungen wie Handschuhe, Schutzbrillen, Desinfektionsmittel, verschiedene Mundschutzmasken und Schutzkleidung. Damit schützen sie auch unsere Patienten vor der Übertragung von Keimen. Aber obwohl wir mit diesen Schutzausrüstungen sparsam und mit Blick auf die jeweilige Einzelsituation angemessen umgehen, werden sie bald zu Neige gehen.

Haben Sie Sorge, was den Nachschub an Schutzausrüstung betrifft?

Große Sorge. Es ist bei den Lieferanten nichts mehr zu bekommen. Wir sind auf die zentrale Beschaffung des Landes Baden-Württemberg und auf die zentrale Verteilung durch das Landratsamt angewiesen. Wir haben die Bedarfe gemeldet, jedoch noch nichts erhalten. Wir hoffen, dass das schnell gehen wird.

Wie gehen die Mitarbeiter der Sozialstationen und deren Patienten mit dem Corona-Risiko um?

Bis auf ganz wenige Einzelfälle haben unsere Pflegekräfte keine Bedenken, ihre Arbeit weiter zu machen. Sie arbeiten engagiert, professionell und sind ihren Patienten sehr verbunden. Natürlich sind Patienten und besonders auch die Angehörigen, besorgt. Ältere Menschen gehören ja zur Risikogruppe. Gleichzeitig erleben wir aber auch eine große Gelassenheit bei den älteren Menschen, die oft schon vieles in ihrem Leben durchgemacht und bewältigt haben. Diese Erfahrungen sind jetzt sicher hilfreich.

Sagen Kunden und Patienten auch Dienste der Caritas ab, um Kontakte nach außen zu reduzieren?

Wir haben besonders in hauswirtschaftlichen Bereichen Absagen für unsere Dienste. Allerdings sind derzeit auch viele Angehörige im Home-Office und können sich selber kümmern. Gleichzeitig gibt es aber auch normale neue Anfragen. Neu ist, dass osteuropäische Pflegehelfer teilweise über Nacht in ihre Heimat zurückreisen und dadurch Anfragen auf uns zukommen, die wir sonst nicht haben. Sollte das in einem größeren Stil stattfinden, könnte es eng werden.

Wie ist die Situation bei den sieben Tagespflegen des Caritasverbandes Hochrhein?

Auf Weisung des Sozialministeriums mussten wir alle Tagespflegen schließen. Wir haben mit jedem Tagesgast oder Angehörigen telefonisch die Situation besprochen und andere ambulante Lösungen wie häusliche Betreuung oder Essen auf Rädern angeboten. Das hat gut funktioniert. Die Tagespflegen wurden grundgereinigt und sind zunächst bis zum 15. Juni geschlossen. Das frei gewordene Personal wurde anderweitig bei uns eingesetzt. Die Sozialstation Klettgau-Rheintal und die Caritas-Tagespflege Habererhaus in Waldshut haben eine Notgruppe in ihren Tagespflegen eingerichtet für Personen, deren Versorgung ohne Tagespflege nicht organisiert werden kann oder deren Angehörige in systemrelevanten Berufen wie Pfleger und Ärzte arbeiten.

Und wie ist es bei Essen auf Rädern?

Essen auf Rädern boomt im Moment. Wir sind aber voll leistungsfähig und können mit Hilfe des frei gewordenen Personals aus der Tagespflege die vermehrten Anfragen gut bedienen. Bei der Übergabe des Essens werden persönliche Kontakte so gut es geht vermieden. Wir bringen das Essen zur Tür, klingeln und treten zwei Meter zurück und haben so Sicht- und Sprechkontakt zu den Essensteilnehmern. Das funktioniert in der Regel gut. Wenn Essensteilnehmer die Tür nicht selbst aufmachen können, öffnen sie unsere Mitarbeiter mit einem eigenen Schlüssel und Tragen beim Hereintragen des Essens einen Mundschutz als Infektionsschutz. Das Essen auf Rädern der Caritas verknüpft die Versorgung mit Essen mit Sicherheit, weil unsere geschulten Fahrer sehen, wie es dem Essensteilnehmer geht und im Bedarfsfall weitere Schritte einleiten können. Deswegen ist der Sichtkontakt und die Ansprache mit Abstand wichtig.

Fühlt sich der Caritasverband insgesamt gut auf die Krise eingestellt?

Ja, Stand heute fühlen wir uns gut auf sie eingestellt. Wir haben mehrere Krisenstäbe eingerichtet und führen täglich mit unseren Einrichtungen vor Ort mindestens Telefonkonferenzen durch, um die konkrete Lage zu besprechen und die notwendigen Maßnahmen abzuleiten. Unsere Organisation hat sich in der Krise bewährt und unsere Mitarbeiter machen einen tollen Job, egal, ob im Home Office oder direkt vor Ort bei den Menschen. Wir sind sehr stolz auf sie.

Fragen: Ursula Freudig