Zum Abschluss des Abends ließ er das Licht dimmen, spielte am Klavier Beethovens Ode an die Freude und ließ das Publikum andächtig mitsummen. "Gänsehaut pur", so Matthias Ningels Kommentar. Aber da hatte der Musikkabarettist seine Zuhörer längst verzaubert. Vorausgegangen war ein ungewöhnlicher Abend im Rahmen des 15. Kabarett-Herbstes: Mehr als zwei Stunden lang hat Ningel sein Publikum in Atem gehalten, hatte geflüstert und geschrien, geplaudert und gesungen. Vor allem aber schien er mit seinem Klavier verwachsen. Dieses Instrument beherrschte er virtuos.

Matthias Ningel ist erst 29 Jahre alt, aber ein Senkrechtstarter (in diesem Jahr wurde er bereits deutscher Kabarettmeister 2016). Im Ali-Theater in Tiengen trat er jetzt mit seinem zweiten Soloprogramm "Jugenddämmerung" auf. Er selbst sieht unglaublich jung aus mit Wuschelkopf, aufgerissenen Augen und einem harmlosen Kindergesicht. Doch das täuscht: Mit viel Witz, Ironie, Satire und leisen Untertönen zappt er sich durch die Welt, glossiert seine Loslösung vom Hotel Mama ("meine Super-App sind meine Eltern") und Jugendserien wie "Big Bang Theory" oder "Als die Tiere den Wald verließen": "Das Trauma einer ganzen Generation!" Er träumt von seiner Jugendliebe Ilona, leidet noch immer unter seinem Rivalen Rolf und wütet mit großer Geste gegen den Klamottenkaufrausch und unsere Wegwerfgesellschaft: "Ich bin ganz alte Schule!"

Er ist ein scharfer Beobachter, streift mal eben ein Thema, um im nächsten Augenblick eine Persiflage auf seinen Yogakurs zu singen oder von seiner Sehnsucht nach dem Landleben zu schwärmen – "so wie hier in Tiengen". Oder eine Liebeserklärung an seinen alten Pullover zu besingen: "Ob ich nicht mal einen Neuen bräuchte?" Die Politik bleibt außen vor, dafür viel leise Zeitkritik. Das Publikum geht mit und genießt.