Frau Steffen, bei Ihnen im Garten stehen zwei 3,60 Meter hohe Stücke der Berliner Mauer. Wie kam es dazu?

Ich habe ein paar Jahre – von 1979 bis 1983/1984 – in Berlin gelebt und habe dort auch meinen Mann kennengelernt. Wir sind immer an der Mauer entlang gelaufen und mein Mann hat immer gesagt, wenn die Mauer einmal fällt, dann möchte er einen Teil davon mit nach Hause – nach Tiengen – nehmen.

Und warum?

Weil er es als Mahnmal gesehen hat und auch als ein Stück Freiheit. Er hat mal gesagt: „Die Berliner Mauer war während meiner Studienzeit stets in meiner Nachbarschaft. Sie war für mich einerseits ein Ort schlechter Gefühle und stetiger Hoffnung und andererseits ein Symbol dafür, dass sich der Freiheitsdrang eines Volkes auf Dauer nicht aufhalten lässt.“

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Wann hat Ihr Mann denn die Mauerstücke gekauft?

Das war gleich Anfang 1990 zu meinem Geburtstag. Wir waren damals zu Besuch in Berlin, und mein Mann war auf einmal den ganzen Tag lang weg. Ich dachte damals, wo bleibt er denn und warum kommt er nicht, um mit mir und den Kindern zu feiern. Als er dann ins Hotel kam, hat er mich aufgeklärt und gesagt, dass er gerade zwei Mauerstücke gekauft hat, die er mir zum Geburtstag schenkt. Er hat sich für zwei Teile entschieden, die der Künstler Thierry Noir bemalt hat.

Und wie haben Sie dann ihr Geburtstagsgeschenk nach Tiengen bekommen?

Mit einem Tieflader. Das war schon spektakulär. Die Teile standen dann zunächst bei meinen Schwiegereltern im Garten, und dann haben wir das Café Steffen meiner Schwiegereltern umgebaut und 1990 auch übernommen. Dort wurden dann die Mauerteile integriert und Stück für Stück hat sich das Café dann auch als Kunstcafé entwickelt. Es kamen beispielsweise immer wieder Schulklassen, und mein Mann hat dann sogar Vorträge über den Mauerfall gehalten. Ihm war es wichtig, auch den Menschen in der Region zu zeigen, wie groß die Mauer wirklich war und wie schlimm das alles eigentlich gewesen ist. Und für uns persönlich war es auch ein Stück Erinnerung an unsere Berliner Zeit. Mein Mann hat dann auch noch einen Trabi gekauft, den er auch noch ins Café stellen wollte. Aber dafür war dann kein Platz mehr (lacht).

Mit einem Tieflader wurden die beiden 3,60 Meter hohen und 5,4 Tonnen schweren Teile der Berliner Mauer vom Café Steffen in den Tiengener Garten von Ursula Steffen transportiert.
Mit einem Tieflader wurden die beiden 3,60 Meter hohen und 5,4 Tonnen schweren Teile der Berliner Mauer vom Café Steffen in den Tiengener Garten von Ursula Steffen transportiert. | Bild: privat

Seit zwei Jahren steht nun ein Teil der Berliner Mauer in Ihrem Garten in Tiengen. Was sagen Ihre Nachbarn dazu?

Ach, das ist eigentlich eine ganz lustige Geschichte, denn unser Nachbar kommt aus Ostberlin. Und als wir die Mauer dann aufgestellt haben, hat er gesagt: „Jetzt bin ich extra von Berlin nach Tiengen gekommen, bin da abgehauen, um den ganzen Mist nicht mehr sehen zu müssen und jetzt schau ich direkt wieder auf die Mauer.“ Wir standen dann da, haben uns alle angeschaut, gelacht und nur zu ihm gesagt: „Jetzt kannst du wenigstens drum herum laufen.“ Es gibt aber auch immer wieder Freunde und Bekannte, die sich die Mauer anschauen wollen.

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Als Sie in Berlin gelebt haben, waren Sie damals auch mal auf der anderen Seite?

Ja, ein Mal. Das war einfach nur schrecklich. Ich war froh, als wir wieder zurück im Westen waren. Ich habe auch immer Angst gehabt, wenn ich mit dem Zug die Transit-Strecke nach Hause gefahren bin oder auch mit dem Auto. Da gab es immer irgend eine Gängelei. Irgendwann bin ich dann nur noch geflogen.

Wie haben Sie den Mauerfall erlebt?

Das war einfach nur krass. Wir haben damals noch über der Bäckerei gewohnt und haben dort dann das Geschehen am Fernseher miterlebt. Ich habe echt geweint, konnte es gar nicht fassen, weil ich damit nicht gerechnet hatte.

Haben Sie vor, die Mauer für immer in Ihrem Garten stehen zu lassen?

Das weiß ich noch nicht. Wir haben natürlich schon einmal dran gedacht, die Mauerteile einem Museum zur Verfügung zu stellen. Mein Sohn und unser Berliner Nachbar haben zwar ein Dach darüber gebaut, trotzdem sind sie natürlich der Witterung ausgesetzt. Und das ist eigentlich sehr schade, denn weil die Mauerteile bis vor zwei Jahren in den Räumlichkeiten des Cafés standen, sind sie noch sehr gut erhalten. Aber es wäre schön, wenn die Teile in der Region bleiben würden.

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