Frau Roosmann, sind 140 Jahre ein stolzes Alter für einen Kirchenchor und haben Sie schon gefeiert?

140 Jahre stehen für eine lange Tradition, aber ich kenne Kirchenchöre, die noch älter sind. Der Kirchenchor Tien­gen zum Beispiel oder mein damaliger Chor in Lünen. Gefeiert haben wir bereits mit einem Jubiläumsgottesdienst mit anschließendem Grillfest auf dem Kirchplatz. Hier wird übrigens viel mehr gefeiert als an meiner vorherigen Stelle in Lünen.

Der Kirchenchor feiert auch gerne?

Oh ja, oft auch spontan, wenn jemand Geburtstag hat, gibt es zum Beispiel nach der Chorprobe oft noch einen Sektumtrunk. Wir haben eine gute Gemeinschaft und machen auch über das Singen hinaus viel. Dem Vorstand ist nichts zu viel. Wir haben schon zum zweiten Mal mit einem Tisch beim närrischen Flohmarkt in Waldshut mitgemacht, feiern jährlich ein Nikolausfest und im Sommer ein Grillfest.

Und Proben und Singen tun Sie auch noch.

Das ist ja das Schöne, der Kirchenchor ist beim Singen genauso motiviert wie beim Feiern. Alle arbeiten konzentriert mit und wenn ich Zusatzproben anbiete, kommen sie. Wir wollen hochwertige Kirchenmusik machen und einem hohen künstlerischen Anspruch gerecht werden. Dies ist auch Voraussetzung, dass wir Gastsänger bekommen.

Wie viele Mitglieder haben Sie denn und wie alt sind sie?

Wir sind 45, 34 Frauen und elf Männer, das ist eine gute Zahl. Wir freuen uns, dass wir in den letzten Jahren einige neue Sängerinnen und Sänger begrüßen konnten. Altersmäßig sind wir Mitte 20 bis Mitte 80. Wie jeder Chor, müssen wir zukünftig viel tun, um neue Mitglieder zu gewinnen. Sehr schön ist es, dass immer wieder Gastsänger, die bei größeren Projekten mitwirken und von allen immer sehr freundlich aufgenommen werden, danach auch bleiben.

Ihr Mann leitet die Singschule Doremi der Kantorei, kommt von dort kein Nachwuchs?

Nein, der Kirchenchor profitiert nicht unmittelbar von der Singschule. Nach der Schule gehen viele Doremi Mitglieder ins Studium. Ziel der Singschule ist es, den Samen für die Freude am Singen zu legen. Dann können die jungen Leute hinaus in die Welt gehen, wo sie dann letztendlich singen, ist zweitrangig. Natürlich freuen wir uns sehr, wenn sie im Kirchenchor Liebfrauen singen, aber Hauptsache ist, sie singen überhaupt. Musik ist wesentlich für die Entwicklung von Kindern, sie lässt sie sozial und emotional reifen und gibt ihnen unglaubliche Gemeinschaftserfahrungen, auch mit ausländischen Chören. Vor Kurzem war mein Mann mit dem Doremi-Jugendchor bei einem Chortreffen in Barcelona.

Sie sagen, Singen verändert Menschen positiv. Beobachten Sie das auch beim Kirchenchor?

Ja, ich erlebe, dass die Sängerinnen und Sänger nach Proben und Konzerten oft viel kräftiger und fröhlicher wirken als vorher. Ihr Gesichtsausdruck und ihre Körperhaltung sind anders. Sie wirken gelöster, weil man gemeinsam ein Ziel erreicht hat. Das Singen bringt den Chor und jeden Einzelnen in eine andere Schwingung. Es gibt Freude und Kraft.

Gilt das Ihrer Ansicht nach speziell für geistliches Liedgut?

Nein, das empfindet jeder anders. Aber bei mir ist es so. Für mich gehen geistliche Lieder tiefer als zum Beispiel ein Schlager. Ein Psalm hat Inhalt, er öffnet andere Quellen und wirkt nachhaltiger. Mir ist es schon passiert, dass mir in einer bestimmen Situation oder auch beim Wandern plötzlich ein Psalm in den Sinn gekommen ist.

Muss man religiös sein, um in einem Kirchenchor zu singen?

Nein, man muss nicht spezifisch religiös oder regelmäßiger Kirchgänger sein, um diese Musik zu mögen. Viele finden es einfach schön, große kirchliche Werke aufzuführen. Wer aber gar keine Beziehung zur Kirche hat, wird sicher nicht Mitglied.

Was antworten Sie Leuten, die sagen, sie könnten nicht singen?

Jeder, der Lust hat zu singen, kann auch singen. Er sollte es einfach versuchen und etwas Geduld mitbringen. Auch Noten lesen zu können, ist nicht Voraussetzung. Die, die es nicht können, haben aber oft ein gutes Gehör. Außerdem proben wir es ja und Chormitglieder, die schon sehr lange und sehr gut singen, tragen die Neuen mit. Wir proben immer donnerstags von 19.45 bis 21.30 Uhr im katholischen Gemeindehaus Waldshut.

Arbeiten die Kirchenchöre in der neuen großen Seelsorgeeinheit enger zusammen als vorher?

Es ist ein wachsendes Miteinander. Alle Kirchenchöre, also Waldshut, Dogern, Tiengen, Lauchringen und Krenkingen, haben zum Beispiel schon einen Gottesdienst in Tiengen gemeinsam gestaltet. Ich denke, die Kirchenmusik leistet große Dienste beim Zusammenwachsen der Seelsorgeeinheit und auch der Konfessionen. Matthias Flierl, Kantor an der evangelischen Versöhnungskirche, ist ein toller Kollege. Er hat zum Beispiel an Weihnachten ganz unkompliziert an unserer Orgel ausgeholfen und war bei unserer Jubiläumsfeier mit einer Abteilung der Kantorei mit dabei.

Was ist Ihr Wunsch für die Zukunft?

Dass wir doppelt so groß werden wie wir jetzt sind und den vielen Platz auf der Empore füllen. Vor allem über junge Stimmen freuen wir uns und über Sänger. Gerade aus Waldshut haben wir kaum Männer. Je mehr wir sind, desto mehr können wir machen.

Wann hat der Kirchenchor Liebfrauen seinen nächsten großen Auftritt?

Am 19. August beim großen Chilbi-Festgottesdienst. Wir musizieren Mozarts „Krönungsmesse“ zusammen mit Solisten und einem größeren Orchester. Und am 20. Oktober singen wir im Konzert die „Cäcilienmesse“ von Charles Gounod und die Hymne „Hör mein Bitten“ von Felix Mendelssohn-Bartholdy.