Köstliche Szenen spielten sich auf der Bühne im vollbesetzten Tiengener Schlosskeller ab: Unter der Regie von Rita Maier aus Schmitzingen präsentierte das "Fatale Seniorentheater", in Anlehnung an eine Kalendergeschichte von Bertolt Brecht, das Stück "Die unwürdige Seniorin". Daraus hat die Gruppe in eigener Regie ein Theaterstück kreiert, den Inhalt und das Vokabular aktualisiert und das Stück mit abwechslungsreichen und humorvollen Passagen in Szene gesetzt. Regisseurin Rita Maier freute sich, ein volles Haus begrüßen zu können. Aber das habe ihr Team auch verdient, "denn wir haben ein ganzes Jahr an diesem Stück gearbeitet, und den ursprünglichen Titel, die unwürdige Greisin, ins Moderne übersetzt". Sie interpretierte das Stück so: "Der Inhalt läuft auf die Erkenntnis raus, dass das Alter auch eine Chance bietet, seinem Leben eine neue Richtung zu geben". Für das Publikum jedenfalls gab es viel zu lachen und zu schmunzeln, aber dazwischen gab es auch Passagen, die nachdenklich stimmten. Die erste Szene: Die acht Akteure, Mitglieder einer Familie, haben sich versammelt, um zu beraten. Die Erzählerin (Irmgard Deichl) tritt nach vorne, um das Publikum in die Familiensituation einzuweihen: Den größten Teil ihres Lebens erfüllt die "unwürdige Seniorin" (Gerlinde König) ihre Rolle als Frau, Ehefrau und Mutter und wird dabei den gesellschaftlichen Erwartungen vorbildlich gerecht. Erst in ihrem dritten Lebensabschnitt besinnt sie sich neu auf ihre eigenen Bedürfnisse und Wünsche, kostet das Leben aus, treibt sich in "unwürdigen" Kreisen herum, lernt die Welt kennen, gibt Geld aus – und verursacht damit in ihrem Umfeld einen riesigen Eklat. Verständnis zeigt lediglich ihre Enkeltochter (Bärbel Ziess). Doch eine Szene passt nicht so richtig in die moderne Zeit: Die Seniorin kehrt mit 72 Jahren in ihr vertrautes Heim zurück und schläft am Ende auf ihrem Stuhl am geliebten Fensterplatz friedlich ein: Welche Seniorin würde heute, mit 72, schon ans Sterben denken? Zum Finale stimmte die Gruppe eine Persiflage auf das Alter an, wobei die großen und kleinen Beschwerden der älteren Generation pantomimisch untermalt und auf die Schippe genommen wurden.

  • Die weiteren Akteure: Konstanze Siebler spielte die Lieblingstochter, Walter Rüttimann den kränklichen Sohn, Marlies Biema die überforderte Schwiegertochter, Franz Matt den erfolgreichen Unternehmersohn, Eva von Netzer die verrufene Jenny und Lore Hüppi die aufmerksame Wirtin.
  • Weitere Termine: Samstag, 3. November, 18 Uhr, Gemeindesaal Schmitzingen. Freitag, 16. November, 19 Uhr, Pfarrsaal Görwihl. Samstag, 24. November, 18 Uhr, Stoll Vita Stiftung Waldshut.
  • Geschlossene Vorstellung: Dienstag, 20. November, 15 Uhr, Seniorenresidenz am Vitibuck Tiengen.
  • Die Theatergruppe: Das "Fatale Seniorentheater" besteht seit 2010. Die Mitglieder haben sich zum Ziel gesetzt, aktiv zu bleiben, Neues zu entdecken, soziale Kontakte zu pflegen und ihr Rentenalter zu nutzen, die eigenen Talente zum Einsatz zu bringen.

"Leidenschaft
fürs Theater"

Rita Maier aus Schmitzingen leitet als Regisseurin das "Fatale Seniorentheater".

Frau Maier, wie sind Sie zum Theater gekommen?

Zum ersten Mal habe ich 2006 in Schmitzingen, beim Weihnachtstheater des Radsportvereins, Regie geführt. Aber auch in unserer Familie wurde schon immer gerne Theater gespielt, etwa bei Familienfesten. Diese Leidenschaft teile ich auch heute noch mit meinem Mann.

Warum ausgerechnet im Seniorenbereich?

Nach meiner Ausbildung zur Theaterpädagogin BuT (Bundesverband Theaterpädagogik) haben sich mir ganz neue Welten eröffnet. Dabei habe ich in Berlin das Seniorentheater „Die Grauen Stars“ kennengelernt. Ich war total beindruckt von dem lebhaften und ehrlichen Spiel.

Ist die Arbeit mit Senioren schwierig?

Die Senioren haben einen großen Erfahrungsschatz und sind gestandene Persönlichkeiten. Die Arbeit ist anders als mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Man braucht Einfühlungsvermögen und eine andere Denkweise.

Wie finden Sie neue Mitglieder?

Über die Zeitung, Nachfragen oder Workshops. Die Senioren bringen auch selbst gerne Freunde oder Bekannte mit. (tao)

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