Herr Müller, Schach gilt als der Denksport überhaupt, macht Schachspielen – überspitzt formuliert – klug?

Ich fühle mich heute nicht notwendig klüger, als bei meinem Eintritt vor zehn Jahren in die Schachgemeinschaft Waldshut-Tiengen, aber ich habe dort viel gelernt. Außerdem trainiert man beim Schachspielen sein Gehirn. Gedächtnis, Verstand, Konzentrationsfähigkeit – einfach alle kognitiven Fähigkeiten werden geschult.

Vor allem Vorstellungsvermögen und kreatives Denken sind gefragt, also die Fähigkeit, Probleme zu lösen. Um ein guter Spieler zu werden, braucht man den Spaß an der Sache und natürlich Übung, Übung, Übung. Wie komplex Schach ist, zeigen Zahlen: Es gibt 20 Möglichkeiten, ein Spiel zu eröffnen und 20, wie Schwarz darauf reagiert, also bereits 400 Möglichkeiten im ersten Zug. Es wurde einmal die Anzahl aller möglichen Partien im Schach berechnet: Sie übersteigt die Anzahl von Atomen im Universum bei Weitem.

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Wie sind Sie eigentlich zum Schachspielen gekommen?

Ich habe es mit sechs Jahren von meinem Vater gelernt. Er war in keinem Verein, hat aber zuhause viel gegen einen Schachcomputer gespielt. Seitdem habe ich mich immer wieder mit Schach beschäftigt und 2009 bin ich dann in die Schachgemeinschaft Waldshut-Tiengen eingetreten. Seit gut einem Jahr bin ich Vorsitzender in der Nachfolge von Werner Hilpert.

Erzählen Sie uns ein wenig von der Schachgemeinschaft.

Unser Verein wurde 1970 gegründet und ist aus dem Schachclub Waldshut und dem Schachverein Tiengen hervorgegangen. Aktuell haben wir 61 Mitglieder, darunter auch einige Kinder, aber leider keine aktiv spielenden Frauen.

Der jährliche Mitgliedsbeitrag beträgt 65 Euro. Wir haben zwei Mannschaften, die Verbandsrunden spielen. Die erste ist in der Landesliga Süd, das ist schon recht weit oben. Und die zweite in der Bezirksklasse. Neue Mitglieder sind uns jederzeit willkommen. Dies gilt auch für Leute, die einfach zum Spaß in geselliger Runde spielen möchten.

Wir treffen uns seit Neuem nicht mehr in Schmitzingen, sondern jeden Donnerstag ab 19 Uhr im Gasthaus „Deli“ in Tiengen. Wer Lust hat, kann unverbindlich vorbeischauen. Es geht bei den Treffen immer sehr entspannt und lustig zu, die Atmosphäre ist locker und es wird auch viel gelacht.

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So gut wie jeder Verein muss sich heute aktiv um Nachwuchs bemühen, Sie auch?

Ja, aber wir stehen mit unseren 61 Mitgliedern noch gut da. Außer uns gibt es aber kaum noch Schachvereine im Landkreis Waldshut. Unser größtes Problem ist das Internet. Niemand muss mehr in einen Verein, um Mitspieler zu finden. Im Internet kann man sie weltweit in entsprechenden Foren finden.

Aber fehlt da nicht doch Wesentliches?

Ja, das Zwischenmenschliche fehlt, die Spannung, dem Gegner ins Auge zu blicken und ihn vielleicht auch einmal aus der Fassung zu bringen und ihn abzulenken.

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Ist so was denn erlaubt?

Nein, bei Verbandsrunden und Turnieren nicht. Da gibt es strenge Regeln. Es herrscht absolut Ruhe, reden ist verpönt und man darf den Gegner nicht ablenken. Wenn man in einen Raum kommt, in dem alle konzentriert und ruhig Schach spielen, ist das schon eine andere Welt.

Schach ist eine Art Gegenstück zu den actionreichen Sportarten, kann aber mental sehr anstrengend sein. Vor allem aber macht es großen Spaß und es ist auch nie zu spät, es zu lernen.

Sie sagten vorhin, sie hätten keine aktiv spielenden Frauen im Verein, ist Schach eine Männerdomäne?

Ja, Schach wird tatsächlich von Männern dominiert wie auch einige andere Sportarten. Man kann nur mutmaßen, woran es liegt. An den kognitiven Fähigkeiten jedenfalls nicht. Ich denke sogar, dass Frauen bessere Strategen sind als Männer.

Vielleicht ist es ähnlich wie beispielsweise bei der Mathematik. Über Jahrhunderte gab es die Vorstellung, Frauen wären schlechter darin, was die Frauen dann vielleicht abgehalten hat, sich damit zu beschäftigen. Wir würden uns jedenfalls sehr freuen, wenn wir ein paar Frauen als aktive Spielerinnen hätten.

Was tut sich in nächster Zeit bei der Schachgemeinschaft?

Wir machen dieses Jahr wieder beim städtischen Ferienprogramm Fez mit und einer unserer besten Spieler wird einen Volkshochschulkurs leiten. 2020 feiern wird dann unser 50-jähriges Bestehen. Wie, ist noch offen. Vielleicht mit einem großen Turnier für Vereinsmitglieder aus dem südbadischen Raum. Oder mit einer öffentlichen Aktion, zum Beispiel in der Kaiserstaße, wo jeder, der vorbeikommt, mitspielen kann. Als dritte Möglichkeit könnten wir uns auch eine Veranstaltung mit einem Schach-Großmeister vorstellen. Dieser könnte zum Beispiel in einer Simultanpartie gegen mehrere Spieler gleichzeitig antreten.