Zum Chorgesang waren sie am Feiertag Christi Himmelfahrt, es war der 30. Mai 1878, nach Kloten/Schweiz auf die Festwiese geeilt. Und natürlich auch zum Trinken und Essen. Letzteres bekam 657 der Sängerfest-Teilnehmer schlecht. Sie erkrankten an Fleischvergiftung, sechs von ihnen starben. Dieses Ereignis von Kloten gilt als eine der größten Massenvergiftungen durch den Genuss von verdorbenen Fleisch- oder Wurstwaren.

"Eine unheimliche Kunde durchzieht das Land", berichtete der Alb-Bote wenige Tage später aus Zürich. "Am Auffahrtstage war in Kloten Sängerfest, am Montag nachher ist der Festpräsident gestorben, und seither sollen, so viel man bis jetzt weiß, über 200 Personen, die am Sängerfest, respektive an der Festtafel teilgenommen haben, erkrankt sein, einige hoffnungslos. Die Ursache ist noch nicht mit Sicherheit erhoben; die Mutmaßung geht dahin, dass ein Stück Vieh mit Milzbrand sein Fleisch zum Festessen habe liefern müssen, jedenfalls liegt eine Vergiftung vor. Bülach, Bassersdorf, Seebach, Embrach und Winterthur sollen alle eine größere Anzahl seither in gleicher Weise erkrankter Personen zählen."

Diesem ersten Bericht über die sich schnell zum Skandal auswachsenden Ereignisse folgte diese kurze Notiz vom 11. Juni 1878 aus Wetzikon: "Am letzten Auffahrtstage besuchte auch der hiesige ,Sängerbund', zirka 30 Mann stark, das Bezirksgesangfest in Kloten. Seit ungefähr acht Tagen muss die Hälfte der Teilnehmer das Bett hüten, wie man hört in Folge einer Vergiftung, die von erkranktem Fleisch herrühren soll. Wie wir soeben vernehmen, sind die betreffenden Fleischlieferanten in Untersuchung gezogen worden."

Womit Verhaftungen gemeint waren, wie es eine drei Tage später im Alb-Bote veröffentlichte Notiz aus Zürich bestätigte: "Es sind bereits mehrere Todesfälle erfolgt, die direkt auf die Klotener Vergiftungsgeschichte zurückgeführt werden müssen.

Unter der Bevölkerung herrscht eine ungemeine Erbitterung gegen den oder die Übeltäter, die um den schnellen Gewinn weniger Franken willen Gesundheit und Leben so vieler Hunderter aufs Spiel gesetzt haben. Der Festwirt soll dem mit ihm verhafteten Metzger ein erkranktes oder krepiertes Kalb um 10 Franken abgekauft haben."

Was die beiden skrupellosen Geschäftemacher angeht, so gab es wenige Tage später, am 27. Juni 1878, diese ergänzenden Nachrichten aus Zürich: "Die Chronik über das düstere Nachspiel des Klotener Sängerfestes fördert fortwährend neue kompromittierende Tatsachen gegen die beiden inhaftierten Schuldigen zu Tage.

Es hat sich herausgestellt, dass der Festwirt sich überhaupt kein Gewissen daraus machte, ungesunde Schlachtware anzukaufen und in seinem Geschäfte zu verwerten. Und Metzger H. befasste sich, wie neuere Erhebungen konstatiert haben, sozusagen geschäftsmäßig mit dem Verschleiß umgestandener Viehware (=verendeter Tiere, Red.). Es wird noch mitgeteilt, dass die Untersuchungen den Festwirt E. immer mehr als ganz ordinären Geldmacher charakterisieren.

Die Gesamtzahl der Kranken ist bis in den letzten Tagen auf 400 gestiegen. In Embrach allein sei die Zahl der Erkrankungen auf 60 gestiegen, wovon wenige Hoffnung auf Genesung haben."

Die Befürchtungen einer großen Zahl von Toten bestätigten sich allerdings nicht. Am Ende des Skandals stand fest, dass insgesamt 657 Menschen an Fleischvergiftung erkrankt und sechs von ihnen daran gestorben waren. Damit lag die Todesrate in diesem Vergiftungsfall unter einem Prozent.

Aufsehen in wissenschaftlichen Kreisen erregte allerdings die hohe Erkrankungszahl. Aus Deutschland, Österreich, Skandinavien und Holland waren in den Jahren 1876 bis 1892 Berichte über 41 Massen-Fleischvergiftungen mit mehr als 3000 Einzelerkrankungen gesammelt worden.

"Die größte war die Massenvergiftung in Kloten", sagte bei einem Vortrag im Jahr 1899 Professor Max Gruber vom Hygiene-Institut der Uni Wien und wies dabei nach, dass 55 Menschen sich als Gesunde bei den Erkrankten infiziert hatten, Fleischvergiftung also ansteckend ist.