Des Edlen Lippen sind verstummt, nun sind es hundert Jahr, dass seine Stimme nicht mehr summt, weil er lag auf der Bahr. (In Anlehnung an Scheffels Gedicht „Der Hegau-Sänger“ vom Autor frei erfunden.) So oder so ähnlich hätte der unter anderem in Säckingen lebende Dichter Joseph Victor von Scheffel (1826-1886) vielleicht gereimt, wenn er noch leben würde und einen Beitrag zum heutigen Gedenktag hätte beisteuern wollen. Doch schloss er die Augen bereits 32 Jahre vor seinem Freund Richard Stocker (1832-1918) und nutzte wohlweislich dessen letztes Jubiläum innerhalb seines eigenen Lebens, um ihn zu ehren und ihm ein literarisches Denkmal zu setzen.

Grab auf Alten Friedhof in Waldshut

Am 13. Oktober 1918 starb in Waldshut der badische Beamte sowie begnadete Tenor-Sänger und Interpret von Liedern bekannter Künstler wie Schubert oder Scheffel: Richard Stocker. Sein Grab ist auf dem Alten Friedhof in Waldshut erhalten und trägt den Vers „Mein Hegau, schön bist du!“ Mit diesen Worten endet Scheffels zehnstrophiges Gedicht „Der Hegau-Sänger“, dass er Stocker zu seinem 50. Geburtstag im Jahr 1882 gewidmet hat. So wie Großherzog Friedrich I. (1826-1907) Scheffel zu seinem 50. Geburtstag mit dem Adelsprädikat „von Scheffel“ auszeichnete, adelte Scheffel seinen Freund und Multiplikator Richard Stocker zu dessen Halbjahrhundert, indem er ihn in besagtem Gedicht „Hegausänger“ nennt. Dieser Titel steht ebenfalls auf Stockers Grabstein.

Im Schatten von Scheffel

Und doch stand Stocker immer nur im Schatten seines Freundes und Gönners Scheffel und geriet im Laufe der Jahre noch mehr in Vergessenheit als dieser selbst. Dies gilt sowohl in seiner Heimat Wahlwies im Hegau als auch an seinem letzten Heimat- und Beisetzungsort Waldshut. Immerhin findet sich in Wahlwies – heute Ortsteil von Stockach – ein Richard-Stocker-Brunnen, der 1964 errichtet wurde. Die Inschrift, die einst an seinem Geburtshaus angebracht war, wurde schon vor Jahrzehnten überstrichen. Eine Richard-Stocker-Straße gibt es in Engen, welches einer seiner Dienstorte war und der Ort, an dem er erstmals mit Scheffel in Kontakt kam. Das wahrscheinlich älteste Denkmal Stockers aber ist somit sein Grabstein auf dem Alten Friedhof in Waldshut.

Erinnerungen an Stocker

Weitere Orte in Waldshut halten indirekt die Erinnerung an Stocker wach. Das wären zum einen das Rathaus und die alte Waldvogtei auf der Bernhalde als Sitz des Bezirksamtes, wo Stocker arbeitete. Und natürlich der Scheffelhof beim Eingang des Gurtweiler Tals. Errichtet wurde er vom Scheffel-Begeisterten Gastronom Irion, und bei seiner Einweihung war Stocker als Präsident des Scheffelbundes zugegen und gab einige Lieder zum Besten.

Nicht weit entfernt davon, in der heutigen Ziegelfeldstraße 4, war die Wohnung Stockers. Zumindest im Jahr 1906, so das damalige Einwohnerbuch – das einzige aus den 33 Jahren, die Stocker in Waldshut verbrachte. Das Haus lag im weitläufigen Gewann Oberwiesen (zwischen Chilbiplatz und dem Waldeck), genauer gesagt im Ziegelfeld. Die Straße war auf dem Stadtplan von 1913 noch ohne Namen und wurde erst später so benannt. Ob er vor oder nach 1906 in anderen Häusern in Waldshut wohnte, ist nicht bekannt. So lässt sich auch nicht mit Sicherheit sagen, wo 1892 zu Stockers 60. Geburtstag und 50-jährigem Sängerjubiläum die überlieferte feiernde Menge vor Stockers Haus auflief.

Stocker gerät in Vergessenheit

Sicher hingegen ist, dass die Berühmtheit Stockers nach seinem Tod abnahm. Diese Einsicht zieht sich durch die meisten Publikationen über Stocker. Zuletzt fand es Autor Bernhard Reinhard in einem Beitrag für den Waldshuter Erzähler des Alb-Bote vom 5. Oktober 2002 anlässlich des 150. Jubiläums des von Stocker zeitweise geleiteten Dogerner Männergesangvereins Liederkranz wünschenswert, dass Stockers Melodien heute wieder erklingen würden. Vor ihm moniert auch der ehemalige Vorsitzende des Waldshuter Geschichtsvereins, Fritz Schächtelin, in seinem Zeitungsartikel „Eine alemannische Kraftnatur“, dass Stockers Grabmal „nicht nur toter und ungepflegter Stein sein müsste“.

Blick in Chronik des Stadtpfarrers

Ein bisher unveröffentlichtes Urteil über Stocker zu dessen Lebzeiten findet sich im Pfarrarchiv der katholischen Pfarrei Liebfrauen Waldshut in der Chronik von Stadtpfarrer Josef Bieser. Er war es, der am 16. Oktober vor 100 Jahren Stocker beerdigt hat. Anlässlich seines 80. Geburtstags im Jahr 1912 verewigte er den Hegausänger sechs Jahre vor dessen Tod in seinen Memoiren. Er nennt ihn einen begnadeten Sänger und Dichter, der früher umschwärmt und umjubelt wurde. Zwar sei seine Stimme auch im Alter noch schön und sein Humor frisch, aber dennoch tue ihm Stocker oft leid, weil er immer auftreten musste und hinter seinem Rücken verulkt werde, so Bieser. Wie bei manchem zeitgenössischen Schlager- oder sonstigem Star wurden auch Stocker die „Hits“ zum Verhängnis.

Begräbnis bleibt unerwähnt

Trotz dieser Empathie für Stocker hat sich auch Bieser dem Zeitgeist angepasst, der für Stocker nicht mehr viel empfand. Während der Pfarrer in seiner Chronik regelmäßig über die Begräbnisse von Prominenten der Waldstadt berichtet, bleibt Stockers Begräbnis unerwähnt. Ähnlich hielt es der badische Historiker Emil Baader (1891-1967), der in Baden über 200 Heimatstuben einrichtete, darunter seit 1959 die Hansjakob-Stube im Rheinischen Hof in Waldshut. Zu deren Begründung schrieb er 1961 im Jahrbuch des Landkreises nebst der Nennung anderer Künstler, dass Stocker sich in Waldshut glücklich fühlte. Aber ein Bild von ihm brachte er in der Stube im Rheinischen Hof nicht an, dafür eines von Scheffel.

"Gruß an den Hohentwiel"

Nicht sein eigenes Bild, sondern das Bild Waldshuts hat Stocker zu seiner Zeit verbreitet. Unter diesem „Datum“ (was nichts anderes heißt als „gegeben zu… am…“) schrieb er nach Scheffels Tod als Präsident des Scheffelbundes seine Briefe und ebenso das Vorwort seiner Partitur „Erinnerungsklänge aus der Mettnau“ (1892) in Dankbarkeit für die gemeinsame Zeit mit Scheffel auf der gleichnamigen Radolfzeller Halbinsel. Und seinen von ihm gedichteten „Gruß an den Hohentwiel“ ließ Stocker vor 130 Jahren in Waldshut bei Heinrich Zimmermann drucken, ab 1860 Verleger des im Jahr 1850 gegründeten Alb-Bote.

Zimmermann liegt wie Stocker auf dem Alten Friedhof in Waldshut begraben. So schließt sich der Kreis – nicht zuletzt durch den Autor dieses Artikels, der aus Waldshut stammt und nun seit sechs Wochen unweit von Stockers Heimat Wahlwies Pfarrer im Krebsbachtal im Hegau ist und sich bei den Fahrten von einer Pfarrei zur anderen oft denkt: Mein Hegau, schön bist du!