Frau Teufel, wie kam es zu der Gründung der Realschule Tiengen?

Im Vergleich zu heute besuchten in jenen Jahren nur wenige Kinder aus Tien­gen und Umgebung ein Gymnasium. Im Schuljahr 1955/56 gingen 65 Schüler aus Tiengen auf das Hochrhein-Gymnasium nach Waldshut. In den drei obersten Klassen Obersekunda, Unter- und Oberprima waren es noch elf hiesige Schüler, das Abitur machten drei Schüler. Neben der Gewerbeschule, in der zeitweise auch die Berufsschule untergebracht war, war die Johann-Peter-Hebel-Schule die einzige Schule in Tien­gen. Da Tiengen nach dem Zweiten Weltkrieg sehr gewachsen war, platzte diese Volksschule aus allen Nähten. Daher baute die Stadtverwaltung eine zweite Volksschule, die Hans-Thoma-Schule (1. Bauabschnitt 1956, 2. Bauabschnitt 1960).

Mit der Einführung einer „Hilfsschule“, die im Jahre 1958 mit der ersten Hilfsschulklasse begann, und mit der Errichtung eines Mittelschulzuges traten weitere wesentliche Änderungen im Tiengener Schulwesen ein. Der Elternbeirat der Johann-Peter-Hebel-Schule mit seinem Vorsitzenden Stefan Reichmann bat die Stadtverwaltung, sich mit dem Thema „Errichtung eines Mittelschulzuges“ zu befassen. Nach dem Stadtratsbeschluss vom 28. Januar 1957 wurde Rektor Holler von der Hebelschule beauftragt, mit dem Oberschulamt und mit dem Kreisschulamt Vorverhandlungen zu führen.

Lehrerin Margret Teufel gehört zum Leitungsteam der Realschule Tiengen.
Lehrerin Margret Teufel gehört zum Leitungsteam der Realschule Tiengen. | Bild: Realschule Tiengen

Gab der Tiengener Gemeinderat gleich grünes Licht?

Auf wiederholtes Drängen der Eltern, von Rektor Holler und von Stadträten unterstützt, erfolgte die Be­ratung am 16. Dezember 1957 in einer öffentlichen Stadtratssitzung. Der Antrag auf Errichtung eines Mittelschulzuges zum Schuljahrswechsel nach den Osterferien 1958 wurde mehrheitlich abgelehnt. Die Notwendigkeit einer Mittelschule wurde zwar von allen Rednern bejaht, die finanzielle Situation der Stadt veranlasste jedoch die Mehrheit der Stadträte, den Beschluss um ein Jahr zu verschieben. Mitbestimmend für die Zurückstellung war das Argument, die Stadt werde bei Übernahme dieser freiwilligen Aufgabe keine staatlichen Zuschüsse zur Bewältigung anderer Aufgaben erhalten.

Am 27. Oktober 1958 beschloss der Stadtrat dann einstimmig die Einrichtung eines Mittelschulzuges an der Johann-Peter-Hebel-Schule ab Ostern 1959. Damit waren Tiengen und Jestetten im alten Landkreis Waldshut die ersten Gemeinden, die diesen Schritt taten. Bürgermeister Möllmann sprach von „einem Jubiläumsgeschenk an die Jugend“. Im Dezember 1966 wurde Gerhard Bertold zum Rektor der nun eigenständigen Mittelschule ernannt. Ab 1967 führte die Mittelschule die Bezeichnung Realschule.

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Die Tiengener Realschule gehört zu den größten Schulen ihrer Art in Baden-Württemberg. Wie verlief die Entwicklung von Schülerzahlen und Klassen?

Nach Ostern 1959 begann für die erste Klasse des Mittelschulzuges der Unterricht an der Hebelschule. 100 Kinder hatten sich für diese 1. Klasse angemeldet; nach einer Aufnahmeprüfung wurden 42 Schülerinnen und Schüler aufgenommen. Bis in die 80er Jahre stiegen die Schülerzahlen stetig und erreichten im Jahre 1981 ihre Spitze mit knapp 1000 Schülerinnen und Schülern. Es folgten geburtenschwache Jahrgänge und damit ein Rückgang der Schülerzahlen. 1988 besuchten etwa 520 Schülerinnen und Schüler die Realschule Tiengen. Schon bald stiegen die Zahlen wieder stetig. Heute sind 701 Kinder und Jugendliche Schüler der Realschule Tiengen. Sie werden in vier bzw. fünf Klassen pro Jahrgang unterrichtet.

Herr Bratzel, was ist das Besondere an der Schulart Realschule, wie hebt sie sich von anderen Schularten ab? Gerade im Kreis Waldshut gibt es ja vielfältige Möglichkeiten, die mittlere Reife zu erwerben.

Die beste Schulwahlentscheidung ist die, bei welcher das Kind mit seinen Begabungen im Mittelpunkt steht. An der Realschule Tiengen sind die Kinder bestens aufgehoben, die in der Grundschule gute und sehr gute Leistungen zeigen und neben der Schule auch noch andere Interessen verfolgen, wie beispielsweise das Engagement in Vereinen, dem Betreiben aufwendiger Hobbys oder dem spontanen Spielen mit Gleichaltrigen. Dass unsere Schülerinnen und Schüler auf dem Weg zum Abitur ein Jahr länger Zeit haben, wirkt sich positiv auf Schüler aus, die mit weniger Leistungsdruck besser arbeiten können.

Die Realschule Tiengen hat in den vergangenen Jahren Konkurrenz durch andere Realschulen und neue Schularten bekommen. Welche Bedeutung hat eine Realschule in der heutigen Schullandschaft?

Die Realschule ist nach wie vor das Flaggschiff auf dem Weg zur Mittleren Reife und dem Weg zum Abitur in neun Jahren. Dies zeigen nicht nur unsere sehr stabilen Anmeldezahlen auf hohem Niveau, sondern auch die Rückmeldungen ehemaliger Schüler, die sich auf die Anforderungen an den beruflichen Gymnasien gut vorbereitet fühlen.

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Welche „Zusatzleistungen“ zusätzlich zum Unterricht werden heute von den Eltern erwartet?

Das Gros unserer Eltern stellt an unsere Schule dieselben Anforderungen, die seit Jahren an eine Realschule mit ländlichem Einzugsbereich gestellt werden. Die Eltern erwarten eine verlässliche, kooperative und sympathische Schule, die ihre Kinder mit hohem fachlichen Anspruch im Rahmen einer guten Lern­atmosphäre auf das Berufsleben und auf die weiterführenden Schulen bestmöglich vorbereitet. Darüber hinaus haben wir einzelne Eltern, die aufgrund ihrer beruflichen und familiären Situation Unterstützung im Bereich der Erziehung und Begleitung ihrer Kinder benötigen. Hier bieten wir in Zusammenarbeit mit den Klassenleitungen, unserer Beratungslehrerin, unserer Schulsozialarbeiterin und außerschulischen Kooperationspartnern ein Gesamtkonzept, das diesen Bedarfen gerecht wird.

Wenn Sie in die Zukunft blicken – es müssen keine 60 Jahre sein –, welchen Weg muss die Realschule einschlagen, um konkurrenzfähig zu bleiben?

Ich sehe die Vielfalt in der Bildungslandschaft nicht als Konkurrenz, sondern als ein sich wechselseitig ergänzendes Angebot, das den jeweiligen Interessen und Begabungen der Schülerinnen und Schüler gerecht wird. Grundsätzlich bedeutet Stillstand immer Rückschritt. Deshalb ist es wichtig, dass wir unser Bildungsangebot immer wieder an die Lernvoraussetzungen der Schüler anpassen. Hierzu ist eine kontinuierliche Weiterentwicklung der Fach- und Klassenräume, der medialen Ausstattung, die Umsetzung neuer Lernmethoden und eine kontinuierliche Fortbildung der Lehrkräfte unerlässlich.

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Herr Bratzel, wenn Sie an Ihren ersten Schultag in Tiengen zurückblicken: Was ist Ihnen im Gedächtnis geblieben?

Die sprichwörtlich offenen Arme, mit denen mich die Kolleginnen und Kollegen in ihrer Mitte aufgenommen haben. Von diesen sehr positiven Erfahrungen berichten mir auch neue Lehrkräfte, Referendare und Praktikanten. Diese Offenheit und Hilfsbereitschaft ist bezeichnend für das Kollegium der Realschule Tiengen.

Was waren Ihre Lieblingsfächer als Schüler?

Ich konnte mich in meiner Schulzeit fast für alle Fächer begeistern. War dies nicht so, lag dies nicht am jeweiligen Fach sondern an der entsprechenden Lehrkraft, die dieses Fach unterrichtet hat.

Warum sind Sie Lehrer geworden?

Bei der Wahl meines Berufes habe ich darauf geachtet, dass der Beruf meinen Begabungen und Fähigkeiten entspricht und meine Tätigkeit sinnvoll ist. Ich kann mir keine sinnvollere Arbeit vorstellen als die, junge Menschen für ihre Zukunft bestmöglich vorzubereiten.