Bereits während des Spatenstichs für das neue Baugebiet „Am Kaltenbach„ im März zeigte sich Anwohner Josef Briechle aufgebracht über die für ihn und seine Nachbarn entstehenden Kosten. Damals aber lag noch viel im Unklaren. Heute aber weiß er: Er und drei weitere Anlieger müssen nun auf eigene Kosten ein Hebewerk bauen und zusätzlich hohe Erschließungskosten tragen. Für sie werden fünfstellige Summen fällig. Die Verärgerung, auch über die mangelnde Kommunikation durch die Stadt, ist bei Familie Briechle und den Nachbarn groß.

Es besteht Anschlusszwang

Aktuell sind vier Häuser in der Straße „Am Kaltenbach„ an eigene Klärgruben angeschlossen. Dieses Abwassersystem habe schon immer gut funktioniert, sagt Anwohner Josef Briechle. Nun aber müssen er und drei weitere Nachbarn ein eigenes Hebewerk bauen, um sich an die neue Kanalisation des Neubaugebiets anschließen zu können. „Wenn eine Kanalisation vorhanden ist, besteht innerhalb eines Jahres nach Fertigstellung des Baugebiets Anschlusszwang“, erklärt Briechle. Das sei Gesetz, so der 80-jährige Künstler. Baubürgermeister Joachim Baumert macht klar, dass das Gesetz sogar eine Frist von nur einem halben Jahr setzt, die Stadt jedoch den Anwohnern mehr Zeit einräume. Der Anschluss sei Pflicht, denn eine Hauskläranlage könne eben nicht das Gleiche leisten wie die Kanalisation, so Baumert.

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Warum die Anwohner ein Hebewerk bauen müssen

Das Problem: Die neue Kanalisation liegt für lediglich vier Häuser in der Straße zu hoch. Deshalb soll das Abwasser dieser Häuser durch ein jeweiliges Hebewerk mit Hilfe einer Pumpe durch eine Leitung zur neuen Kanalisation befördert werden.Der Anwohner moniert, dass man die Kanalisation nicht tiefer geplant habe. Baubürgermeister Joachim Baumert erklärt: Damit ein Kanal funktioniert, benötigt dieser ein gewisses Gefälle. Auch müsse die Anschlusshöhe vom nachfolgenden Kanalnetz aller restlichen Häuser berücksichtigt werden. Die Kanaltiefe „Am Kaltenbach„ beträgt rund drei Meter. Hätte man den Kanal so tief gebaut, dass alle Häuser am Kaltenbach entwässern können, hätte der Kanal in einer Tiefe von fast sieben Metern gebaut werden müssen, so Baumert.

So soll das neue Wohngebiet „Am Kaltenbach“ in Tiengen aussehen.
So soll das neue Wohngebiet „Am Kaltenbach“ in Tiengen aussehen. | Bild: Oekogeno eG

Mangelnde Kommunikation

„Wir fühlen uns ungerecht behandelt und wir werden vor vollendete Tatsachen gestellt“, ärgert sich die ebenfalls betroffene Anwohnerin Erika Ostertag. Jeder Anwohner habe ein persönliches Gespräch mit Baubürgermeister Joachim Baumert geführt, in dem dieser ungefähr die Kosten für Hebewerk und Erschließung mitgeteilt habe, erzählt sie. Bei Familie Ostertag seien dies rund 25 000 Euro gewesen. Genaue Zahlen wisse aber immer noch keiner, sagt sie. „Erst bei der Abrechnung gibt es die Zahlen bis auf den Cent genau“, sagt Baumert.

Baubürgermeister Joachim Baumert.
Baubürgermeister Joachim Baumert. | Bild: Peter Rosa

Alle Anwohner hätten gemeinsam in einem Brief die Stadt darum gebeten, dass diese die Finanzierung der Straße offenlege. Dies sei aber nicht erfolgt. Von dem Brief weiß Baumert nichts. Die Anwohner wollten wissen, wie hoch der Anteil sei, der auf sie umgelegt wurde. Erika Ostertag wüsste lediglich, dass ein Teil der Kosten die Freiburger Genossenschaft Oekogeno als Bauträger trage und ein weiterer Teil die Stadt Waldshut-Tiengen übernehme. Die Informationen der Stadt seien nicht transparent genug, sagt Ostertag. „Das Bauamt informiert nicht von selbst und auf Anfragen bekommen wir keine Antwort“ so die Anwohnerin. Dem widerspricht Baubürgermeister Joachim Baumert: „Das stimmt nicht, wir haben die Anwohner zu Informationsveranstaltungen eingeladen“.

Die Baustelle vor dem Haus der Familie Briechle in der Straße „Am Kaltenbach“ noch vor einigen Monaten.
Die Baustelle vor dem Haus der Familie Briechle in der Straße „Am Kaltenbach“ noch vor einigen Monaten. | Bild: Beate Briechle

Hohe Erschließungskosten

Doch nicht nur die Kosten für das Hebewerk machen den Anwohnern des neuen Baugebiets zu schaffen. Auch die Erschließungskosten für die neue Straße seien hoch. Grundlagen für die Berechnung sei der Bebauungsplan, Faktoren für die Kosten seien die Größe der Grundstücke und die Geschoss-Anzahl der Häuser, so Baubürgermeister Joachim Baumert. Beate Briechle erzählt von einer betroffenen 75-jährigen Witwe in der Nachbarschaft, die 30 000 Euro nur für die Erschließung zahlen müsse. Das liegt laut Beate Briechle daran, dass das Haus im Bebauungsplan als zweigeschossig eingezeichnet ist, auch wenn es nur eineinhalb Geschosse habe. „Dabei konnte die Dame auch bisher das Haus nur gerade so halten“, sagt Beate Briechle. Es habe keinerlei Angebote oder Hilfen für die Finanzierung dieser hohen Kosten gegeben, so die Briechles. Baubürgermeister Baumert widerspricht dem. Mit der Dame habe man verschiedene Möglichkeiten erarbeitet, diese wären Ratenzahlung oder eine befristete Stundung. „Aber dabei fallen auch Zinsen an“, räumt Baumert ein.

Vor einigen Monaten sah die Baustelle vor dem Haus der Familie Briechle in der Straße „Am Kaltenbach“ so aus.
Vor einigen Monaten sah die Baustelle vor dem Haus der Familie Briechle in der Straße „Am Kaltenbach“ so aus. | Bild: Beate Briechle

Das Baugebiet
„Am Kaltenbach“

Auf dem 1,5 Hektar großen Gelände südlich der Waldshuter Straße baut die Freiburger Genossenschaft Oekogeno derzeit zwölf Einfamilienhäuser sowie vier Mehrfamilienhäuser. Zu diesen Mehrfamilienhäusern zählt ein inklusives genossenschaftliches Mehrgenerationen-Wohnhaus. Gleichzeitig wird auch die bisherige Zufahrt über die Straße „Am Kaltenbach“ saniert. Die Häuser in dieser Straße wurden schon vor über 50 Jahren gebaut. Die Familie Briechle baute im Jahr 1968, Familie Ostertag im Jahr 1965.

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