An der Realschule Tiengen sprach Rainer Höß, Enkel von Rudolf Höß, Kommandant des Konzentrationslagers Auschwitz. Unter dem Titel „Mein Opa – Kommandant in Auschwitz“ schilderte er seine Familiengeschichte und vermittelte seine ganz persönliche Sicht der Nazi-Vergangenheit seines Großvaters.

Wie fühlt es sich an, wenn der eigene Großvater für den Tod von mindestens 1,1 Millionen Menschen verantwortlich war? Diese Frage beleuchtete der in Ludwigsburg geborene Rainer Höß in seinen beiden Vorträgen für Schüler der neun Klassen sowie für Eltern und weitere Interessierte.

Obwohl sein Großvater längst hingerichtet war, als er zur Welt kam, prägten die Gräueltaten das Leben des heute 54-Jährigen nachhaltig. Er hat es sich inzwischen zu seiner Lebensaufgabe gemacht, die dunkle Vergangenheit seines Großvaters aufzuarbeiten und im Rahmen von Vorträgen, Führungen und Reisen an den Völkermord der Nazis zu erinnern.

Zwölfjähriger durchbricht Mantel des Schweigens

Nur durch Zufall fand Rainer Höß im Alter von zwölf Jahren heraus, dass sein Großvater nicht der angeblich tapfere, im Krieg gefallene Soldat, sondern eben jener Rudolf Höß war, der als Kommandant für die Massenvernichtung von Juden mit dem Giftgas Zyklon B im KZ Auschwitz-Birkenau verantwortlich war.

Bis dahin, so berichtete Höß, habe seine Familie den Mantel des Schweigens darüber gebreitet und auch dann noch versucht, alles zu leugnen. Als er mit 15 Jahren begann, Nachforschungen anzustellen, kam es schließlich zum Bruch mit seiner Familie. Bis heute hat er keinen Kontakt mehr zu ihr, lediglich mit seiner Mutter söhnte er sich später aus.

Eine Luxus-Villa neben der Todesfabrik

Bei seinem Vortrag zeigte Rainer Höß am Beispiel seiner eigenen Familiengeschichte auf, wie unglaublich grausam und unmenschlich diese Massenvernichtungsmaschinerie war.

Während im Konzentrationslager Menschen durch härteste körperliche Arbeit, zu wenig Nahrung und Folter systematisch zu Tode gequält wurden, stand direkt nebenan die Kommandanten-Villa mit einem idyllischen Garten und Pool.

Großvater sah sich bis zur Hinrichtung unschuldig

Mehrere Familienfotos seines Vaters verdeutlichten, wie dort mit Blick auf die Schornsteine der Krematorien des Lagers ein Leben in Luxus geführt wurde. Bis zu seiner Hinrichtung am Galgen erkannte Rudolf Höß seine Schuld nie an und sah sich als reiner Befehlsempfänger.

Für Rainer Höß war es vor allem anfangs nicht leicht, dieses schwere Erbe anzunehmen. „Ich denke, es gibt viel zu wenige Nachkommen von Tätern, die die Geschichte aufarbeiten“, sagte er. Er betont, dass er sich nicht schuldig fühle, für das, was sein Großvater getan habe, aber verantwortlich dafür, dass so etwas nie wieder geschehe.

„Ich bin eine Stimme und kein Echo“

Aus diesem Grund setze er sich mit Nachdruck dafür ein, das Geschichtsbewusstsein zu stärken und die Verbrechen der NS-Zeit nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Zusammen mit Schülern entwickelte er in einem Projekt das Motto „Ich bin eine Stimme und kein Echo“, um Hass und Fremdenfeindlichkeit die Stirn zu bieten.

Durch seine Ausdrucksweise verstand Rainer Höß es, das Interesse der Schüler für dieses dunkle Kapitel der deutschen Geschichte zu wecken. Tiefe Betroffenheit über die Unmenschlichkeit in den Konzentrationslagern war ihnen deutlich anzumerken. Aufgrund des sehr großen Interesses der Jugendlichen erklärte sich Rainer Höß bereit, einzelne neunte Klassen am nächsten Tag nochmals im Unterricht zu besuchen und sich ihren Fragen über seinen Großvater zu stellen. Am Ende des Vortrags gab es großen Applaus vonseiten der Schüler.