Herr Lang, Sie wurden offiziell im Gemeinderat in den Ruhestand verabschiedet. Wie geht es Ihnen dabei?

Offiziell bin ich erst ab dem 31. Januar 2020 im Ruhestand, aber aufgrund von Resturlaub und Überstunden, die sich in den vergangenen Jahren angesammelt habe, kann ich den Ruhestand schon jetzt genießen und dabei geht es mir auch gut.

Was haben Sie am ersten Tag gemacht, an dem Sie nicht mehr arbeiten mussten?

Ich habe den Sonntagabend genossen, ohne daran denken zu müssen, was morgen noch alles zu erledigen ist. Sonst hatte ich mir am Abend zuvor schon Gedanken gemacht, was alles anfällt und was alles auf einen zukommt. Trotzdem war es eine schöne Zeit mit einem breiten Arbeitsspektrum, ich habe mich sehr mit meiner Arbeit identifiziert, sonst hätten sich ja auch nicht so viele Überstunden angesammelt.

Sie haben in Ihren letzten Monaten als Kämmerer viele große Projekte beenden können wie das Freibad Tiengen, Hallenbad, Spital und die Stadthalle. Können Sie Ihren Ruhestand mit einem guten Gefühl genießen?

Ja, viele Projekte sind beendet, allerdings steht die Finanzierung des Freibads Waldshut noch an. Dort sind aber auch die Stadtwerke involviert und es ist noch nicht ganz klar ist, wie das Projekt finanziell abgewickelt werden wird, auch hinsichtlich der Millionenspende. Mein Ziel war es aber, bis zu meinem Ruhestand, die Stadt schuldenfrei zu hinterlassen. Der Ausstieg aus den Spitälern Hochrhein hat meinen Vorstellungen dann leider einen Strich durch die Rechnung gemacht.

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Ohne das Spital hätte es funktioniert?

Ja. Es ging ja um rund 30 Millionen Euro. Wenn noch Zuschüsse kommen, dann beläuft sich die Summe auf rund 25 Millionen Euro. Die wirtschaftliche Situation war seit 2009 zwar sehr gut, so dass viel aus dem laufenden Geschäft gestemmt werden konnte. Aber eine gewisse Kreditaufnahmen ist trotzdem notwendig.

War der Spitalaustritt auch für Sie die größte Herausforderung?

Von der Dimension und den Zahlen her ja. Aber auch die Stadthalle war ein großes Projekt, auch wenn ein Teil über die Stadtwerke lief. Das erste große Projekt für mich war das Langensteinstadion in Tiengen. Da ging es um zwölf Millionen DM, das war damals schon eine ordentliche Summe.

Gab es ein Projekt, das Ihnen Bauchschmerzen bereitet hat?

Stadthalle und Hallenbad. Das waren Projekte, die zu einem Zeitpunkt begonnen wurde, wo es unklar war, ob das Geld reicht.

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Wie einfach ist es für eine Stadt, einen Kredit aufzunehmen?

Das ist nicht schwer, aber man benötigt zunächst eine Genehmigung vom Regierungspräsidium (RP), das den Haushalt und die Finanzplanung prüft. Das Regierungspräsidium schaut natürlich ganz genau, dass eine Stadt nur für bestimmte Projekte Darlehen aufnimmt. Ich kann mich noch gut an 2009 erinnern, als die Weltwirtschaftskrise war, und OB Martin Albers in den Gemeinderat ging mit einem Haushalt, bei dem ich gesagt habe, das funktioniert so nicht. Die Gemeinderäte haben den dann trotzdem bewilligt, und wir sind mit dem Haushaltsplan nach Freiburg zum RP gegangen. Dort haben sie uns dann gleich wieder nach Hause geschickt. Wenn es da keine Rechtsaufsichtsbehörde gegeben hätte, dann hätten wir in massive Probleme geraten können. Im Zusammenhang mit dem Spital standen wir deshalb auch regelmäßig in Kontakt mit dem RP, damit sie es mittragen, und wir solche hohen Darlehen aufnehmen könnte. Ich hatte da das Gefühl, das könnte uns den Boden unter den Füßen wegziehen.

Wie steht die Stadt jetzt finanziell da?

Alle Großprojekte sind finanziert. Aber wir haben natürlich noch erhebliche Baustellen, die angegangen werden müssen. Diese Baustellen könnten zu finanziellen Problemen führen.

Welche meinen Sie?

Zum Beispiel bauliche Sachen am und im Kornhaus wie die Barrierefreiheit oder Räumlichkeiten für die Bücherei. Ein weiteres Projekt sind die Räume für Kindergarten und Feuerwehr auf dem Bahngelände und die Forderung nach einem weiteren Parkhaus. Das sind Bereiche, die zwischen zwei, drei, fünf oder acht Millionen Euro kosten. Das ist nicht etwas, was man schnell aus der Portokasse finanzieren kann. Wenn man dazu die mittelfristige Finanzplanung anschaut, sieht man, dass die Wirtschaft zurückgeht. Wenn es in der Wirtschaft runter geht, spüren wir das mit einer Zeitverzögerung von ein bis zwei Jahren. Die Steuereinnahmen wie Grund- und Gewerbesteuer gehen dann zurück, und dann sind diese Mittel eben nicht mehr da. Und wenn die Ausgaben die Einnahmen überholen, wird es problematisch.

Was kann einer Stadt passieren, wenn sie zahlungsunfähig ist?

Im Extremfall setzt uns dann RP jemanden auf, dann dürfen wir nur die Sachen finanzieren, zu denen wir gesetzlich verpflichtet sind. Es könnte auch sein, dass man Bäder zumachen muss oder Fördergelder für Vereine streicht. Es kann theoretisch alles gestrichen werden, was nicht notwendig ist.

Gab es dann schon mal?

Ja, aber bei uns noch nicht. Aulendorf war beispielsweise schon einmal in so einer Situation. Aber wir haben versucht, die letzten Jahre gut zu wirtschaften. Ich war halt auch oft die Bremse.

Gab es deshalb mit Albers oder OB Philipp Frank Diskussionen?

Ja, die gab es. Gerad als es zum Beispiel um die Kunstrasenplätze, das war noch unter Albers, ging.

Gab es ein Projekt, für das Sie immer gerne Geld ausgegeben haben?

Ich habe immer die Notwendigkeit gesehen, wenn es um Neubauten wie Kindergärten, Schulen oder Feuerwehrhäuser ging. Wo ich eher ein Problem gehabt habe, war oft der Umfang der Neubauten. Ich habe immer das Gefühl gehabt, dass manchmal 150 Prozent gebaut wurden von dem, was notwendig gewesen wäre und dieses Geld uns dann woanders fehlt. Die Stadthalle war zum Beispiel in meinen Augen überdimensioniert. Die Notwendigkeit für einen Neubau habe ich aber immer gesehen.

Wer kümmert sich denn bei Ihnen zu Hause um die Finanzen.

Ich (lacht).

Das heißt, sie arbeiten wirklich gerne mit Zahlen und Planungen?

Ja, ich mache auch zu Hause die Buchhaltung und habe ein Programm, über das ich Einnahmen und Ausgaben überprüfe. Ich bin schon ein Zahlenmensch. Als meine Eltern beispielsweise gebaut hatten, habe ich als Jugendlicher schon die Mitverhandlungen mit den Banken geführt.

Was haben Sie sich für Ihren Ruhestand vorgenommen?

Meine Frau und ich wollen verreisen und dann freue ich mich darauf, mehr Zeit für meine Enkelkinder zu haben.

Fragen: Susann Duygu-D‘Souza

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