Nur selten klettert das Thermometer in diesen Tagen in den Plusbereich. Was für manche Menschen nur unangenehm ist, ist für Obdachlose, die die Nächte draußen verbringen, eine tödliche Gefahr. Dieter (die Betroffenen wollten nur ihren Vornamen nennen) war bis vor Kurzem einer von ihnen. 16 Jahre und drei Monate hat er auf der Straße gelebt, berichtet er. „Platte gemacht“, wie das Leben auf der Straße in der Szene genannt wird. Er berichtet, dass er zeitgleich den Job und, wegen Eigenbedarf der Vermieters, die Wohnung verloren hatte. „Das hat mir das Genick gebrochen“, blickt er zurück. Bis vor Kurzem lebte er noch draußen, mittlerweile ist er im Haus Benedikt in Schmitzingen untergekommen.

Die Einrichtung der Wohnungslosenhilfe Waldshut bietet etwa 20 Plätze und einen Notbereich. Auch falls beispielsweise die Polizei eine Person in hilfloser Situation bei diesen Wetterbedingungen draußen antrifft. „Die Zusammenarbeit funktioniert gut“, erklärt Sotiris-Aki Kiokpasoglou, Leiter des Hauses. Doch er betont auch: „Der Platzbedarf ist ausgeschöpft, schon ziemlich lange.“ Auch betreutes Wohnen, eine Fachberatungsstelle, die aufsuchende Arbeit bei den Betroffenen und eine Tagesstätte mit Wärmestube gehören zum Aufgabenbereich der Einrichtung.

Geschlafen wird im Wald, in einer Holzhütte oder auf dem Friedhof

Wärme gehört in diesen Tagen zu den wichtigsten Dingen für Obdachlose. Wie das abläuft, davon kann Dieter aus jahrelanger Erfahrung erzählen: „Man besorgt sich einen Schlafsack, der bis minus 20 Grad wärmt und eine Matte und Pappkartons als Unterlagen. Zusätzlich legt man noch einen Schlafsack drunter, um die Kälte fernzuhalten. Und dann packt man sich gut ein.“ Nur die Augen und ein Spalt um die Nase bleibe frei. „Und dann versucht man irgendwie zu schlafen.“

Wo er früher sein Nachtlager aufgeschlagen hat, verrät er nicht. Das gehe niemanden etwas an und er sei auch immer schon ein Einzelgänger gewesen. Nur so viel: „Nie in öffentlichen Häusern, auch nicht in Eingangsbereichen.“ Er habe sich meist ein geschütztes Plätzchen im Wald, in einer alten Holzhütte oder auf dem Friedhof gesucht.
 

"Das Haus Benedikt bietet etwa 20 Plätze und einen Notbereich. Der Platzbedarf ist ausgeschöpft, schon ziemlich lange."</br></br><b>Sotiris-Aki Kiokpasoglou,</b> Leiter des Hauses Benedikt
"Das Haus Benedikt bietet etwa 20 Plätze und einen Notbereich. Der Platzbedarf ist ausgeschöpft, schon ziemlich lange."

Sotiris-Aki Kiokpasoglou, Leiter des Hauses Benedikt | Bild: Dana Cordes

Knapp 23 000 Wohnungslose gibt es laut Statistik des Arbeits- und Sozialministeriums in Baden-Württemberg. Auch Frank war einer von ihnen. Fünf Jahre war er auf Platte, manchmal gemeinsam mit Dieter. „Ich bin überall rumgereist, war auch immer wieder hier, auch oft am Kiosk am Busbahnhof“, berichtet er. Mittlerweile hat er eine Wohnung in Grafenhausen, die er über das Jobcenter bekommen hat. Nur durch die Tagesstätte der Wohnungslosenhilfe habe er das geschafft. „Das war großes Glück, sonst wäre ich jetzt wieder draußen“, sagt der 53-Jährige.

Frauen lassen sich seltener helfen als Männer

„Zu 99 Prozent hat da draußen keiner eine Perspektive“, sagt Frank. Das sei eines der großen Probleme. Und bei dieser Kälte auch der Alkohol. „Der betäubt das Lebensgefühl und die Kälte. Dadurch sind schon viele erfroren“, berichtet er. Nicht jeder auf der Straße trinke Alkohol, betont Kiokpasoglou: „Aber es ist schon so, dass die Wahrscheinlichkeit höher ist.“

Durch die derzeitige Kälte wird die Wärmestube der Tagesstätte besonders häufig aufgesucht. Etwa zehn bis 15 Besucher kommen täglich vorbei. Sylwia Sobeczek arbeitet in der Wohnungslosenhilfe im Bereich der sogenannten aufsuchenden Arbeit, dazu gehört beispielsweise die Straßensozialarbeit und die Unterstützung von Menschen, die bereits wieder eine Wohnung gefunden haben. Auch die Kleiderkammer, die durch Klamotten-Spenden ermöglicht wird, ist besonders gefragt.
 

"Es wäre eine Zumutung, wenn einer draußen schlafen muss, ohne zu wissen, dass es hier Hilfe für ihn gibt."</br></br><b>Sylwia Sobeczek,</b> Mitarbeiterin der Wohnungslosenhilfe
"Es wäre eine Zumutung, wenn einer draußen schlafen muss, ohne zu wissen, dass es hier Hilfe für ihn gibt."

Sylwia Sobeczek, Mitarbeiterin der Wohnungslosenhilfe | Bild: Dana Cordes

Sylwia Sobeczek kennt die Obdachlosen auf der Straße, und die Obdachlosen kennen sie. Von ihr bekommen sie auch den Tagessatz an staatlicher Förderung, also das Arbeitslosengeld 2 auf der Straße. „Der Kiosk und der Viehmarktplatz sind beliebte Treffpunkte. Da leben sie ihre Freiheit aus.“ Besonders im Winter sei es wichtig draußen zu sein und mit den Leuten zu reden: „Es wäre eine Zumutung, wenn einer draußen schlafen muss, ohne zu wissen, dass es hier Hilfe für ihn gibt.“ Doch nicht jeder will diese Hilfe annehmen. „Eine ehemalige Bewohnerin musste ich förmlich überzeugen, dass sie hier herkommt. Ich konnte mir das nicht länger mit ansehen, wie es ihr ging“, erzählt Sobeczek. Nach ihrer Erfahrung lassen sich obdachlose Frauen ohnehin seltener helfen als Männer. „Frauen suchen öfter Schutz in der Gruppe. Das kann aber auch in eine Abhängigkeit führen“, weiß Heimleiter Sotiris-Aki Kiokpasoglou.

Auch Julia sitzt an diesem Tag in der Cafeteria des Hauses Benedikt. Sie hat früher schon einmal für drei Jahre auf der Straße gelebt. Kürzlich kam sie durch ihren Freund zurück auf die Straße – freiwillig wie sie betont. Sie hatte ihren damaligen Lebensgefährten und die gemeinsame Wohnung verlassen: „Ich wusste worauf ich mich einlasse. Als Frau allein auf der Straße ist es nicht leicht. Ich habe abends immer geschaut, dass ich in einer Gruppe war, die ich kannte.“ Auch sie hat mittlerweile eine Wohnung für sich und ihren Freund gefunden. Auch weiterhin bekommt sie Unterstützung von den Mitarbeitern der Wohnungslosenhilfe. Damit sie die Kälte der Straße wie Dieter und Frank auch künftig hinter sich hat.

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