Herr Flierl, Ihre erste eigene CD ist vor kurzem erschienen. Hat Orgelmusik Chancen auf einen Platz in einer Hitparade?

Je nachdem, wie man es sieht. In die allgemeine Hitparade wird sie wohl nicht kommen (lacht). Dort spielt auch eine Rolle, was im Radio oder bei Veranstaltungen gespielt wird. Eine CD mit Orgelmusik ist eher etwas, was man zu Hause genießt. Ich würde mir natürlich wünschen, dass möglichst viele Menschen diese Musik hören und entdecken.

Sie haben als Stücke für „Bel fiore dança“ Tänze aus sieben Jahrhunderten ausgewählt. Die Marc-Garnier-Orgel in der Versöhnungskirche in Waldshut ist offenbar ein unglaublich vielseitiges Instrument. Wie würden Sie ihren Charakter beschreiben?

Die Orgel ist eine sehr runde Persönlichkeit mit starkem Charakter und sehr vielen, auch gefühlvollen Seiten. Das Programm ist so etwas wie eine Liebeserklärung an diese Orgel, auf der ich seit zwei Jahren spiele und auf der ich noch viele Jahre spielen möchte. Bei einer Orgel merkt man deutlich auch den Charakter des Organisten, denn der kann frei entscheiden, welche Klänge er auswählt. Das ist durch die Komponisten der Stücke nicht vorgegeben, so kann man sich frei entfalten. Dieselbe Orgel klingt bei verschiedenen Organisten ganz anders. Alle Stücke für die CD wurden auf der Marc-Garnier-Orgel eingespielt. Wir wollten ausdrücklich unserer Orgel zum 20. Geburtstag ein Denkmal setzen.

Sie hatten ja eine große Auswahl, warum haben Sie sich gerade für diese Stücke entschieden?

Schwerpunkt war, Stücke auszuwählen, die alle einen tänzerischen Charakter haben, auch deswegen, weil viele Menschen in Deutschland das Vorurteil haben, Orgelmusik sei etwas immer nur Langsames und vielleicht auch Langweiliges. Ich wollte zeigen, dass Orgelmusik durch alle Zeiten auch sehr tänzerisch und sehr leicht sein kann und dazu sehr rhythmisch geprägt ist. Es sind Stücke aus dem 17. Jahrhundert dabei, weltliche Tänze, die durchaus auch auf einem Volksfest der damaligen Zeit hätten gespielt werden können. Bei zwei zeitgenössischen Stücken, einem Fandango und einem Saltarello, kann man sich ganz bildlich vorstellen, wie sich die Tänzer drehen.

Sie sagten, dass Sie das Kircheninstrument Orgel auch von einer tänzerisch-leichten Seite zeigen wollten. Was für Stücke finden sich in dieser Kategorie?

Der Fandango zum Beispiel ist ein sehr schneller Tanz, der in Spanien als Volkstanz üblich ist. Wenn man das Stück hört, denkt man sofort an Spanien und an Urlaub. Es gibt auch einen französischen Tanz aus dem 17. Jahrhundert, der sofort in die Beine fährt. Damals waren solche Stücke zum Tanzen gedacht, sie haben über die Orgel den Weg in die Kirche gefunden. Man muss ja sehen, dass viele unserer Kirchenlieder ursprünglich weltliche Lieder waren und dann über die Orgel in die Kirche kamen. Auch manche unserer modernen Kirchenlieder haben ihren Ursprung außerhalb und kommen mit neuen Texten in die Kirche. Manche Tänze auf der CD erzählen eine richtige Geschichte. Im Booklet zur CD finden sich zu allen Stücken ausführliche Erklärungen, geschrieben von Markus T. Funck. Er ist Lehrer am Hochrhein-Gymnasium und Organist und hat alles sehr gut erklärt.

Es ist auch ein Totentanz und zartes Vogelgezwitscher zu hören. Würden Sie sagen, dass Sie das Maximum an Vielfalt aus der Garnier-Orgel herausgeholt haben?

Für eine gute Orgel spricht, dass man immer noch etwas herausholen kann. Aber ich denke, dass wir für einen Rahmen von 80 Minuten doch eine große Vielfalt bieten. Mir ging es auch darum, möglichst viele unterschiedliche Stücke aufzunehmen, mit ganz unterschiedlichen Charakteren und Klangwelten.

Gibt es Stücke, die für die Garnier-Orgel weniger geeignet sind?

Es gibt tatsächlich Stücke aus dem 19. Jahrhundert, aus der Zeit der Romantik, für die man eine andere Orgel bevorzugen würde. Aber die Garnier-Orgel ist ein sehr gutes Instrument, man kann darauf fast alles machen. Es zeigt Charakter: Welches Stück liegt der Orgel, welches nicht? Das spürt man als Organist und weiß, was man zu tun hat. Bei der Anschaffung war das Instrument nicht als Allround-Orgel gedacht, sondern für eine bestimmte Musikrichtung, für Musik aus der Barockzeit. Mir ging es jetzt auch darum zu zeigen, dass die Orgel in vielen Stilen gut klingt. Ich bin meiner Vorgängerin Trude Klein sehr dankbar, dass unter ihrer Leitung so eine schöne Orgel gebaut wurde, das ist ja nicht selbstverständlich. Auch in der internationalen Orgelwelt hat der Name Waldshut einen guten Klang, die Gastorganisten kommen immer gerne wieder.

Es sind auch biblische Tänze dabei. Was bekommt man da zu hören?

„Davids Tanz vor der Bundeslade“ erzählt nur mit Musik eine Geschichte aus dem Alten Testament. David, König des Volkes Israel, beginnt vor dem Volk, vor allen Leuten, zu tanzen, was einige damals wohl auch peinlich berührt hat. Das Stück von Petr Eben stammt aus dem 20. Jahrhundert und holt aus der Orgel ganz skurrile Farben heraus, um die Verrücktheit der Geschichte zu zeigen, eben, dass ein König seinem Volk etwas vortanzt. Es ist ein modernes Stück mit Anleihen an die hebräische Gesangstradition und mit Bezug zum Judentum.

Wo finden Sie die Literatur von 700 Jahre alten Werken?

Ich habe viele Notenbücher gewälzt, mich in Bibliotheken umgesehen und im Internet recherchiert. Schon im Lauf meines Studiums habe ich mir eine relativ große Notenbibliothek zugelegt. Aus dem Dreifachen an ausgesuchtem Material habe ich am Ende das ausgewählt, was dann wirklich eingespielt wurde. Die Planung begann schon Anfang 2015. Letztendlich habe ich meinen Sommerurlaub 2015 darauf verwendet, die CD einzuspielen. Der Aufnahmeleiter des Plattenlabels hat in der Versöhnungskirche zwölf Mikrofone platziert, um die Orgel optimal aufzunehmen. Wir haben zwei volle Tage in der Kirche verbracht. Man spielt das Programm sehr oft, um am Ende das optimale Ergebnis zu haben. Letztendlich ist es Sache des Aufnahmeleiters, die endgültige Version zusammenzuschneiden.

Welches ist Ihr Lieblingsstück?

Schwer zu sagen, vielleicht das erste Stück auf der CD, Präludium und Fuge D-Dur BWV 532 von Johann Sebastian Bach. Aber eigentlich enthält die CD eine Auswahl meiner Lieblingsstücke. Ich habe das ausgewählt, was mir am Herzen liegt und was mich besonders mit der Orgel verbindet.

Sie sind jetzt fast zwei Jahre in Waldshut. Von Ihnen als Kantor werden auch Impulse für die Kirchenmusik vor Ort erwartet. Wer oder was inspiriert Sie?

Im Moment am meisten die Begeisterung der Leute, die bei uns mitmachen. Bei der Aufführung des Paulus-Oratoriums zum Beispiel spürte ich im Chor eine Welle der Begeisterung für die Musik, und das kommt auf mich zurück. Die Arbeit mit den Kindern gibt mir neue Ideen, was man weiter machen könnte. Ich stehe auch mit vielen Kollegen in Verbindung, mit denen ich mich austausche. Wenn ich irgendwo im Urlaub bin, führt mich mein erster Weg ganz bestimmt in die Kirchen.

Die Adventszeit steht bevor. Was haben Sie vorbereitet?

Gerade haben wir am Sonntag zum Abschluss des alten Kirchenjahres eine Bachkantate aufgeführt, dann geht es weiter. Das größte Projekt ist „Singen zur Weihnacht“. Da treten alle Chöre auf, und das Publikum ist zum Mitsingen eingeladen. Das ist ein großes Singefest mit adventlichen und auch schon weihnachtlichen Stücken. Der Kinderchor bereitet sein Krippenspiel vor. In meinem Orgelkonzert zum neuen Jahr am 6. Januar kann man Stücke von der CD live hören und sehen. Ich stelle dafür sozusagen ein Best-of-Programm zusammen.

Fragen: Uthe Martin

Zur Person

Matthias Flierl (29), ist seit 1. Januar 2015 Bezirkskantor und Organist an der Marc-Garnier-Orgel der Versöhnungskirche in Waldshut. Seine CD „Bel fiore dança“ enthält Tänze aus sieben Jahrhunderten. Die Begleittexte hat Markus T. Funck geschrieben. Die CD ist bei dem Label „organumclassics“ erschienen und kostet 15 Euro. Sie ist in der Tourist-Information in Waldshut, beim evangelischen Kantorat in Waldshut, Waldtorstraße, und nach allen Konzerten in der Versöhnungskirche in Waldshut erhältlich.