Waldshut/Weilheim – Mit strahlenden blauen Augen rennt der vierjährige Ghassan durch die Wohnung in Brunnadern und lässt sich mit einem Spielzeugauto in der Hand neben seinem Vater Wisam auf das Sofa fallen. Auch Mutter Duaa und das Baby Yara gesellen sich dazu. Seit Mitte November wohnt die Familie hier. Vor wenigen Wochen sah die Wohnung und auch das Leben der jungen Familie noch ganz anders aus.

Im September 2015 ist Familie Hawasli in Deutschland angekommen. Über die Türkei flohen sie vor dem Krieg in ihrer Heimat Syrien. Über Nürnberg, Erlangen, Mannheim und Stühlingen kamen sie im März 2016 in die Flüchtlingsunterkunft nach Hochsal. "Und hier beginnt unsere persönliche Weihnachtsgeschichte. Sie ist für mich etwas ganz besonderes", schwärmt Angelika Kuhn, die als Anästhesieschwester im Waldshuter Spital bei der Geburt von Töchterchen Yara dabei war.

Angelika Kuhn hat an dem Tag vor knapp fünf Monaten Dienst, als die 22-jährige Duaa per Kaiserschnittgeburt ihr zweites Kind zur Welt bringen soll. Eine schwere Geburt, wie sich schnell zeigt, es kommt zu Komplikationen. Ihr Mann Wisam muss übersetzen, was Ärzte und Pfleger ihr sagen wollen. Mit YouTube-Videos hat der 28-Jährige Deutsch gelernt und sich die wichtigsten medizinischen Begriffe beigebracht. "Es war beeindruckend, wie gut Wisam unsere Sprache nach so kurzer Zeit in Deutschland schon beherrschte", sagt Angelika Kuhn. Es sei alles sehr dramatisch gewesen, doch Wisam habe sich toll um seine Frau gekümmert. "So toll erlebt man das selten", blickt die Anästhesieschwester zurück.

Zu viert in kleinem Zimmer

Zwei Tage später bekommt die Waldshuterin über die Pforte des Spitals einen großen Wiesenblumenstrauß vom stolzen Vater gebracht. Sie ging zu ihnen, bedankte sich, man unterhielt sich, lernte einander kennen. Für die Familie ging es wenig später zurück in die Unterkunft nach Hochsal. "In dem Heim war es sehr schlecht. Wir haben zu viert in einem kleinen Zimmer gelebt", berichtet Wisam. Als sie eine Aufenthaltsbewilligung für drei Jahre erhielten, hatte Angelika Kuhn die Idee, sich mit ihrem Mann Wolfgang einmal umzuhören, ob es nicht irgendwo eine Wohnung für die "nette und offene Familie" gibt. Auf ihr eigenes Inserat, dass sie eine Wohnung für eine Flüchtlingsfamilie suche, gab es keine Reaktionen, also schrieb sie selbst Vermieter an. "Ein Weihnachtsstern führte uns dann nach langem Suchen auf die Immobilienseite von Ebay-Kleinanzeigen, zu einem Vermieter, der kein Problem damit hatte, seine Dreizimmerwohnung an Wisam und seine Familie zu vermieten", erzählt Angelika Kuhn. Nachbarin Anita Niemann zeigte der syrischen Familie die Wohnung und setzte sich beim Vermieter für sie ein – es klappte.

Doch damit ging die Arbeit erst los. Bernd Borger, der mit Wolfgang Kuhn die Renovierung übernahm, erinnert sich: "Die Wohnung sah aus wie ein Saustall. Es musste alles grundrenoviert werden." Schätzungsweise 200 Stunden haben sie mit Boden verlegen, streichen oder Kücheneinbau verbracht. "An manchen Tagen waren wir 13 Stunden hier", erinnert sich Borger. "Auch Wisam hat viel mit angepackt. Er hat geschaut, wie wir das machen, hat den Pinsel genommen und geholfen", ist Wolfgang Kuhn zufrieden.

Die Bereitschaft zu helfen, war bei allen Beteiligten sofort da. "Wir haben Freunden erzählt, dass wir eine nette Familie kennengelernt und eine Wohnung für sie gefunden haben – und dann hat sich das verselbstständigt", erzählt Initiatorin Angelika Kuhn. Die einen standen mit Rat zur Seite, andere stellten Möbel bereit, manche halfen beim Umbau, stellten die Materialien zur Verfügung oder übernahmen Kosten. "Das alles war für die Familie ein absoluter Glücksfall, und das wissen sie auch. Es war mehr als nur ein Sechser im Lotto für sie", fasst Wolfgang Kuhn die letzten Wochen zusammen. "Es ist sehr schön hier und gefällt uns. Alle Menschen in Brunnadern sind sehr nett zu uns. Wir möchten Danke sagen an Deutschland, Baden-Württemberg und alle Helfer", sagt Wisam glücklich.

Ehering für Flucht verkauft

Vor allem über WhatsApp haben Familie Kuhn und Familie Hawasli immer wieder Kontakt. "Aber sie müssen jetzt selber laufen lernen", betont Angelika Kuhn. Und das scheint gut zu funktionieren. Duaa besucht mittlerweile einen Deutschkurs. Auch diese Tür hat sich durch einen persönlichen Kontakt geöffnet, in diesem Fall mit Flüchtlingshelfer Ulrich Hoffmann, der auch in Brunnadern wohnt. Sohn Ghassan besucht den Kindergarten in Remetschwiel. Angelika Kuhn ist glücklich: "Sie kümmern sich rührend um ihn und er lernt sehr schnell Deutsch." Vater Wisam besucht seit dieser Woche den Integrationskurs – und hat noch viel mehr vor. "Ich suche für nachmittags einen Mini-Job ab Januar. Mein Plan ist, nächstes Jahr eine Ausbildung als Verkäufer im Lebensmittelbereich zu machen", erzählt der 28-Jährige, der in Damaskus Verkäufer für Damenbekleidung war. Einen großen Wunsch hat Wisam für die Zeit, wenn er dieses Ziel erreicht hat: "Wenn ich einen Job gefunden habe, kaufe ich einen Ring für meine Frau. Wir hatten nicht genug Geld für die Bootsfahrt nach Europa. Damit wir sie zahlen können, hat meine Frau ihren Ehering in der Türkei verkauft."

Flüchtlinge in der Region

Derzeit sind im Landkreis Waldshut rund 1400 Asylbewerber (Stand: 7. Dezember) untergebracht. In der Betrachtung seit Anfang 2015 lebten im Mai 2016 am meisten Flüchtlinge (1997) in den Gemeinschaftsunterkunften der Region, seither sinkt die Zahl wieder. Je nach Unterstützung tauchen anerkannte Asylbewerber in der Statistik des Landkreises nicht mehr auf. Es ist davon auszugehen, dass etwa 400 bis 600 Flüchtlinge in einer Anschlussunterbringung leben oder privaten Wohnraum bezogen haben, heißt es von Seiten der Pressestelle des Landkreises. In diesem Jahr wurden bis zum Stichtag November 2016 im Landkreis 26 Personen und im Stadtgebiet Waldshut (Zuständigkeit der Ausländerbehörde der Stadt) elf Personen abgeschoben. Von den 1400 Flüchtlingen in den Gemeinschaftsunterkünften stammt etwa die Hälfte aus Syrien, gefolgt von Afghanistan (151), Irak (133), Gambia (92), Pakistan (73) und Eritrea (56).

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