Waldshut Hochrhein (7): Der Arztbesuch kann am Hochrhein zur Geduldsprobe werden

Heimatcheck, Teil sieben: Wartezeiten von mehreren Monaten sind bei Fachärzten keine Seltenheit mehr. Vor allem bei Frauenärzten ist die Situation bedenklich. Für die einen steht ein Versorgungsengpass bevor, für andere ist er schon erreicht

Wenn sich Nachwuchs ankündigt, ist die Vorfreude bei den werdenden Eltern groß. Die ersten Kleidungsstücke werden ausgesucht, der passende Kinderwagen bestellt, alles nötige vorbereitet. Und natürlich regelmäßig das Wohl des Sprösslings untersucht. Für einige Frauen im Landkreis Waldshut sinkt an diesem Punkt die Vorfreude und der Stresslevel steigt rapide. Nicht unbedingt aus Sorge um das Kind, sondern aus Sorge, keinen Termin beim Frauenarzt zu bekommen. Denn was viele Betroffene immer wieder schildern, hat kürzlich die Redaktion dieser Zeitung bei einem Testanruf ebenfalls erlebt. Ausgegeben als Schwangere und auf der Suche nach einem Vorsorgetermin wurden wir vertröstet – der nächste Termin: im Januar 2018. Das vorgegebene Kind wäre zu dieser Zeit bereits auf der Welt gewesen.

Auch Sara Wallmann kann von einer solchen Erfahrung berichten. Die 25-Jährige aus Laufenburg war zwar nicht schwanger, aber meldete sich mit Schmerzen bei ihrem Frauenarzt. „Beide Male hieß es, dass ich vorzeitig keinen Termin bekomme und lange Wartezeiten zu erwarten habe. Stattdessen wurde ich gebeten ins Krankenhaus zu gehen oder einen anderen Arzt aufzusuchen“, sagt sie. Häufig höre man dort aber nur, dass es einen Aufnahmestopp gebe und keine neuen Patienten aufgenommen werden könnten. Mittlerweile geht sie zu einem Frauenarzt in Biberach, da sie dort zur Gewerbeschule geht und leichter an einen Termin kam.

Sara Wallmann, Köpfchen, Blickpunkt Heimatcheck Medizin
Sara Wallmann: "Beide Male hieß es, dass ich vorzeitig keinen Termin bekomme und lange Wartezeiten zu erwarten habe." | Bild: Sara Wallmann

Der 28-jährigen Bettina Wiehl-Wutzler geht es ähnlich. Sie hat am 1. März ihr Kind auf die Welt gebracht – der Weg dorthin war schwierig. „Ich bin zum Frauenarzt nach Müllheim gefahren, aber hochschwanger im Winter ging das irgendwann nicht mehr“, sagt die junge Frau aus Bonndorf. Nach längerer Suche wurde sie in Villingen fündig, doch auch dorthin war eine längere Autofahrt nötig. „Egal ob Frauenarzt oder andere Fachärzte, es gibt kaum einen Arzt zu dem man bei Beschwerden einfach mal hin kann“, meint Wiehl-Wutzler, fast überall müsse man lange auf Termine warten. Hinzu kommt, dass sie wegen schlechter Erfahrungen das Vertrauen in die hiesigen Ärzte verloren hat. „Ich war mit Schmerzen bei zwei Ärzten im Kreis Waldshut und beide meinten, ich hätte nichts und solle stattdessen zum Psychiater gehen, da ich mir alles nur einbilden würde“, berichtet sie. Erst der Arzt in Müllheim fand eine Diagnose und eine Operation war nötig.

Vor etwas mehr als zehn Jahren hat die heute 28-Jährige selbst in einer Frauenarztpraxis ihre Ausbildung gemacht. An die Zustände von heute mit Wartezeiten von rund einem Jahr und abgewiesenen Schwangeren kann sie sich nicht erinnern. Auch nicht an so viele Schweizer in den Facharzt-Praxen auf dieser Seite des Rheins.

Verschärfen Gesundheits-Grenzgänger die Situation?

Ob Gesundheits-Grenzgänger die Situation am Hochrhein wirklich verschärfen, darüber kann Kai Sonntag, Pressesprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) keine Auskünfte machen. Es gebe keinen Überblick, wie viele Privatpatienten die Fachärzte behandeln. In die Bedarfsplanung, die auch die Niederlassung neuer Ärzte regelt, hat die Grenzregion keinen Einfluss. Laut dieser dürfen sich im Landkreis Waldshut noch 15 Hausärzte, ein Frauenarzt, zwei HNO-Ärzte, zwei Hautärzte, aber kein Kinderarzt und kein Augenarzt niederlassen. Ab einer Versorgung von 110 Prozent, die sich aus einem Verhältnis von Einwohnerzahl zu Arztstellen berechnet, ist die jeweilige Fachgruppe für neue Ärzte gesperrt. Ein Arzt könne hier 20 Prozent Versorgung ausmachen.

Kai Sonntag, Leiter Stabsstelle Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg
Kai Sonntag, Leiter Stabsstelle Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg | Bild: Kassenärztliche Vereinigung

Doch Kai Sonntag stellt auch klar: Diese Zahlen können nur teilweise die tatsächliche Versorgung widerspiegeln. „Die gefühlte Versorgung durch die Patienten kann ganz anders sein“, sagt er. Barbara Bohl, Hausärztin in Grafenhausen und Mitglied im Bezirksbeirat der KV, verdeutlicht: „Das eine ist Statistik, das andere Realität. In den letzten Jahren ist so viel zusammengespart worden, dass von vielen gesagt wurde, irgendwann haben wir ein Problem – und jetzt haben wir es.“ Speziell zur Situation im Bereich der Gynäkologie sagt sie: „Wir steuern auf einen eklatanten Versorgungsengpass zu.“ Von den 21 im Kreis Waldshut gemeldeten Frauenärzten würden viele nur Teilzeit arbeiten, zudem seien vier bereits über 70 Jahre alt.

Barbara Bohl
Barbara Bohl, Hausärztin in Grafenhausen und Mitglied im Bezirksbeirat der KV. | Bild: privat

„Es war nie das Ziel, dass Patienten schnell einen Termin finden, sondern, dass Kosten im Gesundheitssystem gesenkt werden“, sagt Kai Sonntag über die Gesetzgebung. Laut Statistik gibt es im Landkreis Waldshut 73 Prozent zu viele Kinderärzte, „viele Eltern werden das bestimmt völlig anders sehen“.

„Es sind viele Einzelpunkte, die zu der jetzigen Situation geführt haben“, sagt Barbara Bohl. Viele Ärzte würden lieber in einer Anstellung statt in einer eigenen Praxis arbeiten, die Pauschalen pro Patient seien längst nicht so lukrativ wie man meinen könnte und „erst durfte sich Jahre lang niemand niederlassen, jetzt will es keiner mehr.“ Auch Kai Sonntag sagt: „Ein zusätzlicher Arztsitz heißt noch lange nicht ein zusätzlicher Arzt.“ Ob Studienplätze, Aufnahmebeschränkungen oder Teilzeitstellen – es gebe viele Stellschrauben, an denen gedreht werden müsse, um die Versorgung auch im ländlichen Raum sicher zu stellen. Das Allheilmittel ist hier noch nicht gefunden.

 

So funktioniert die Arzt-Niederlassung

Die 17 Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) in Deutschland haben unter anderem den gesetzlichen Auftrag, die Versorgung in den jeweiligen Regionen sicherzustellen. Ihr gehören die rund 20 000 Ärzte und Psychotherapeuten an, die in Deutschland zur ambulanten Behandlung von Kassenpatienten zugelassen sind.

Um eine Über- und Unterversorgung zu vermeiden, gehört auch die Regulierung von neuen Niederlassungen zur Aufgabe der KV. Ab einem Versorgungsgrad von 110 Prozent wird der Facharzt-Bereich für den jeweiligen Landkreis gesperrt. Der Versorgungsgrad berechnet sich anhand der Einwohner- und der Ärztezahl. Bei Zahnärzten gibt es diese Zulassungsbeschränkung seit 2007 nicht mehr.

Durch Niederlassungsberatungen unterstützt die KV Ärzte auf dem Weg zur eigenen Praxis. Die letztendliche Entscheidung, ob eine Niederlassung genehmigt wird, trifft der Zulassungsausschuss, dem Vertreter der Kassenärztlichen Vereinigung und der Krankenkassen angehören. Auch wenn die KV die Versorgung sicherzustellen hat, hat sie keine Möglichkeit zu beeinflussen, wo ein Arzt sich letztlich niederlässt.

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