Nach 82 Jahren besuchte Henry Levi, alias Heinz Levi, seine Geburtsstadt Tiengen. Die hatte er im Alter von sechs Jahren verlassen, weil damals, zu Beginn der Nazi-Zeit, die Restriktionen gegen die jüdische Gemeinde Tiengen immer stärker wurden. Sein Elternhaus war in der Schwarzenbergstraße 2, genau an der Stelle, wo heute der evangelische Pfarrgemeindesaal steht. Hier fand auch das Podiumsgespräch statt, zu dem das Kulturamt der Stadt eingeladen hatte, in Kooperation mit dem Freundeskreis „Jüdisches Leben in Waldshut-Tiengen„ und dem Partnerschaftskomitee der Partnerstädte Lewes und Blois.

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Der 88-Jährige, der heute in London lebt, kam in Begleitung seines Sohnes Bruce und seiner Enkeltochter Anna. Kulturamtsleiterin Kerstin Simon freute sich, rund 150 Besucher begrüßen zu können. Bürgermeister Joachim Baumert erklärte: „Für unsere Stadt ist es eine große Ehre, Sie heute hier begrüßen zu können.“ In Zeiten, in denen der Antisemitismus wieder erstarke, sei es besonders wichtig, gegen das Vergessen anzukämpfen. Für dieses Ziel hätte sich der Freundeskreis „Jüdisches Leben“ verdient gemacht und auch die Aktion „Stolpersteine“ sei ein wichtiger Beitrag gewesen.

Eigentlich habe er nie den Wunsch gehabt, einmal seine Heimatstadt zu besuchen, erzählte Henry Levi. Dass es dann anders gekommen sei, habe er einem Zufall zu verdanken: Eine Autofahrt führte ihn zufällig nach Lewes, wobei er auf dem Ortsschild den Hinweis auf die Städtepartnerschaft zu Waldshut-Tiengen entdeckte. Kurzerhand suchte er das Rathaus auf, um mehr über diese Städtepartnerschaft in Erfahrung zu bringen. Die Stadtverwaltung informierte sofort den Vorsitzenden ihres Partnerschaftskomitees, Paul Mockfort, der Henry Levi spontan zur Jahrestagung der drei Partnerstädte Lewes, Blois und Waldshut-Tiengen einlud. Hier erfolgte dann die Einladung, seine Heimatstadt zu besuchen.

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Beim Podiumsgespräch erzählte Levi viele Episoden aus dem Leben seiner Familie. So erinnerte er sich, dass seine Schwester täglich mit dem Zug nach Waldshut ins Gymnasium fuhr. Dabei wurde sie zunehmend von den Mitschülern und den Lehrern wegen ihrer jüdischen Abstammung schikaniert. Einmal warfen die Mitschüler ihre Schulsachen aus dem Zugfenster. Sie musste später den ganzen Bahndamm ablaufen, um ihre Sachen wieder einzusammeln. Danach fuhr sie nur noch mit Fahrrad nach Waldshut, bis ihre Eltern sie ganz von der Schule nahmen.

„Jetzt fängt der Mist von vorne an“

Er selbst habe keine Freunde gehabt, da die Anwohner den Umgang mit jüdischen Kindern scheuten. Ab und zu machte er einen Abstecher in die Nachbarschaft, wo die Firma Villiger ihren Sitz hatte. Sein Fazit aus jener Zeit: „Ich kann die Vergangenheit nicht vergessen, aber ich habe neue Freunde gefunden, das Leben muss ja weitergehen“. Große Sorge bereite ihm das Wiedererstarken des Antisemitismus, vor allem im Zusammenhang mit der AfD. Das habe in ihm die Angst geweckt: „Jetzt fängt der Mist von vorne an.“ 

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