Die Zeit vor und um Weihnachten ist die Zeit der schönen Geschichten – wir wollen Berichte über Passanten lesen, die den Obdachlosen warmen Tee und Kekse bringen, oder über Menschen, die den Streuner adoptieren, der jeden Tag halb verhungert im Kompost nach Essen sucht. Alles, was das Herz erwärmt eben, weil Weihnachten das Fest der Liebe und Besinnung ist. Schlechte Nachrichten haben hier nichts verloren.

Mein Weg in die Waldshuter Redaktion beginnt jeden Morgen in Singen am Bahnhof. Im Winter ist es dort kalt und neblig. Die Reisenden sind müde und entsprechend schweigsam, viel Kontakt zu den anderen Wartenden gibt es nicht – jeder ist damit beschäftigt, die frierende Nase tief in den Schal zu vergraben und die Schienen entlang zu starren, als würde das die Ankunft des Zuges beschleunigen. Die Menschen, die aus dem Interregio-Express aussteigen, der seine Reise schon zwei Stunden zuvor in Laupheim begonnen hat und mich an den Hochrhein bringen soll, sind oft noch weniger gut aufgelegt. Viele von ihnen sind mit großen Koffern unterwegs, haben schon einen langen Weg hinter sich und sind noch nicht am Ziel angekommen. Mit entsprechend mürrischen Blicken steigen daher einige von ihnen die Stufen des Zugs zum Bahngleis hinab. Bis ein Mann es schafft, ihnen plötzlich ein Lächeln auf die Lippen zu zaubern.

Oft wartet er bereits an der Tür, bis er selbst einsteigen kann und hilft den Reisenden, ihr schweres Gepäck aus dem Zug zu bugsieren. Älteren Menschen, Kindern, Jugendlichen – allen geht er zur Hand, grüßt freundlich und stellt die Koffer am Bahnsteig ab, damit die Besitzer problemlos aussteigen können. Nicht ohne Eigennutz zwar, schließlich gelangt er dadurch auch selbst schneller in den warmen Zug. Den Reisenden verschafft er damit jedoch einen angenehmen Morgen und vertreibt so zumindest kurzzeitig die düsteren Gedanken über Zugverspätungen und lange Fahrzeiten – auch in Tiengen, wo der hilfsbereite Mann schließlich seine eigene Reise beendet und aussteigt. Jedoch nicht, ohne erneut dem ein oder anderen Mitfahrer zur Hand zu gehen.