Tiengen – Es wurde eine lange, ereignisreiche Nacht im Landgasthof Hirschen in Breitenfeld, als einige Lehrer-Familien den letzten Abend der Fasnacht gemeinsam ausklingen ließen. Mittlerweile ist das 40 Jahre her, aber geblieben aus der Nacht auf den Aschermittwoch 1977 sind bis heute ein abgerissener Zettel mit 13 Unterschriften, der Wille, die Fasnacht mitzugestalten, und Tiengens zweitälteste Guggenmusik – die „Guggeheimer Betzitlüter“.

Kurz vor den Fasnachtstagen gibt es ein Treffen mit den drei langjährigen Mitgliedern Heidi Lüber, Susanne Siebler und Michael Steffen, um auf die 40-jährige Geschichte der Guggen-Familie zu blicken. Die Familie war auch schon zu Gründungszeiten ein Thema. Die „Fidelen Stammtischler“ waren damals die einzige Guggenmusik in Tiengen, eine reine Männer-Gugge. Die „Knöpfle-Dengler“, wie sich die „Betzis“ anfangs noch in Anlehnung an die Wirtsfamilie der Gründungsstätte nannten, hätten hingegen von Beginn an bewusst Frauen mitaufgenommen, so Michael Steffen. Aus ihrem ersten Kostüm, einem einfachen Frack mit Zylinder, ergab sich im ersten Jahr ein neuer Name: „Guggeheimer Betzitlüter“ – „Guggeheimer“ als Anspielung auf den in Tiegen früher weitverbreiteten Nachnamen Guggenheim. In den Anfangstagen verdeutlichte ein eingeklammertes „t“ den Doppelsinn von "Bet(t)zitlüter". Lange blieben die Musiker dieser einfachen Verkleidung treu.

1985 konnte der befreundeten Kappi-Clique aus Baden/Schweiz ihr Alte Damen-Kostüm mit den übergroßen Köpfen abgekauft werden. Es wurde zum Erkennungszeichen der Tiengener und ist bis heute zusammen mit Frack und Zylinder Teil ihres Emblems. Seit 1992 werden die Kostüme nunmehr von den Musikern selbst entwickelt, früher sogar selbst genäht. „Heute stellen wir unsere Ideen einer Schneiderin vor, die dann schaut, was machbar ist“, erklärt Heidi Lüber.

Wie die Kostüme hat sich auch die Musik verändert. „Früher wurde eher Stimmungsmusik gespielt, heute haben wir uns zum Rock entwickelt“, sagt Steffen, der über einige Jahre die musikalische Verantwortung trug. Auch hier wird selbst Hand angelegt: „Wir arrangieren schon immer alles selbst und kaufen keine fertigen Noten. Das ist gar nicht so schwer.“

Ungelernte Musiker sollen auch mitspielen können, für sie gibt es kleine Griffhilfen über den Noten. Beim Auftritt bringen diese aber keine Sicherheit mehr, denn „natürlich spielen wir auswendig. Das gehört, finde ich, zu einer Guggenmusik dazu und wir können so das Publikum stärker einbinden“, betont Steffen. Ums Üben kommt man also auch bei einer Guggenmusik nicht herum: „Ein paar falsche Töne machen vielleicht gerade den besonderen Charme der Musik aus, aber wer zu viel falsch spielt, hat eindeutig zu wenig geübt.“

Mit dieser Einstellung haben es die "Betzis" in den vergangenen 40 Jahren zu einigen großen Veranstaltungen geschafft. Höhepunkte waren, – da sind sich die drei Ehrenmitglieder einig -, die Reisen nach Frankreich und die Einladung eines Skat-Clubs nach Berlin. Besonders seien auch der große Umzug in Weil, der Stadt mit etwa 70 000 Zuschauern und der Auftritt im Dahner Zirkuszelt vor über 2000 Menschen gewesen. Im Gespräch mit dieser Zeitung kommen aber auch Probleme zur Sprache: Wie bei vielen Vereinen fehle es auch ihnen an Nachwuchs. "Dä junge Lüt keiet nimme vo de Bäum", sagt Heidi Lüber. Die Betzitlüter freuen sich jedenfalls, neue Mitglieder in ihrer „Familien-Gugge“, wie Susanne Siebler sie nennt, begrüßen zu können. „Wer Spaß an der Fasnacht, der Musik und dem Umgang mit Leuten hat, wird sich bei uns wohlfühlen“, findet Michael Steffen.

Betzitlüter

Die Guggeheimer Betzitlüter gründeten sich am Aschermittwoch 1977 als zweite Guggenmusik in Tiengen. Mitspielen darf jeder ab 18 Jahren, Kenntnisse eines Instruments sind zwar hilfreich, aber nicht zwingend. Geprobt wird während der Vorbereitungsphase wöchentlich in der Langenstein-Schule in Tiengen. Derzeit spielen für die „Betzis“ 36 aktive Mitglieder und sieben Aspiranten. Das nächste Mal zu hören sind sie am Samstag, 11. Februar, um 19.11 Uhr bei der Freinacht zum Kleggau-Narrentreffen in Ühlingen-Birkendorf. Termine und Informationen im Internet (www.betzitlueter.de) und auf der Facebook-Seite (www.facebook.com/betzitlueter).