Auf einen Kaffee mit…

Monika Herrmann-Schiel, die Gründungsmitglied der Bürgerinitiative Zukunft ohne Atom ist.

Frau Herrmann-Schiel, was war der Ausschlag für Sie, die Bürgerinitiative zu gründen?

Am 11. März 2011 überflutete der Tsunami das AKW in Fukushima. Als die Meldung kam, dass die Generatoren am Atomkraftwerk ausgefallen sind, habe ich zu meinem Mann gesagt, das ist das zweite Tschernobyl. Einen Tag später fuhren wir mit dem Bus zu einer lange geplanten großen Anti-Atom-Demonstration in Stuttgart, da kam die Meldung, dass Fukushima hochgegangen ist. Für alle im Bus stand fest, wir müssen etwas tun. Also kam die Idee auf, eine Initiative zu gründen. Das, was es in Waldshut früher gab, müssen wir neu aufleben lassen. Dann haben wir gesagt, wir gründen ZoA – Zukunft ohne Atom. Wir wissen aber auch, dass wir im Kampf gegen Atomenergie einen langen Atem brauchen.

Können Sie bereits auf erste Erfolge zurückblicken?

Ein Erfolg war sicherlich unsere Teilnahme an der Demonstartion ‚Menschenstrom gegen Atom' im Mai 2011, an der wir mit einer für Waldshut ziemlich großen Gruppe teilnahmen. An der von unseren Schweizer Freunden organisierten Demonstration bei Döttingen nahmen fast 20 000 Menschen teil. Das war für die Schweizer Anti-Atom-Bewegung gigantisch. Ansonsten sind wir hier in der Region eine Stimme, die immer mal wieder Laut gibt, die immer wieder sagt: ‚So nicht!', aber ich kann niemandem versprechen, dass wir hier kämpfen und dort einen Erfolg erzielen. Ich würde mich freuen, wenn wir mehr junge Leute dazu bekämen, sich uns anzuschließen, weil es ja auch ihre Zukunft ist. Stellen Sie sich vor, wir haben heute immer noch in St. Blasien Wildschweine, die radioaktiver Sondermüll sind. Die haben wegen Tschernobyl heute noch so viel Becquerel, dass das Fleisch nicht in den Verkauf darf.

Wie viel Mitglieder hat ZoA?

Ich habe einen Verteiler von etwa 40 Leuten, die von uns angeschrieben werden. Dreiviertel davon sind verlässlich mobilisierbar. Wir treffen uns jetzt regelmäßig alle zwei Monate immer am ersten Mittwoch eines Monat. Das nächste ZoA-Treffen ist am 4. Mai im Bund-Raum im Kornhaus um 19.30 Uhr.

Welches ist ihr nächstes Projekt?

Wir arbeiten daran, unsere Teilnahme an der Aktion ‚Menschenstrom gegen Atom' am 19. Juni 2016 vorzubereiten, die in der Nähe von Beznau stattfinden soll. Wir werden die Schweizer Freunde unterstützen, indem wir auf die Demonstration aufmerksam machen und gemeinsam die Hinfahrt organisieren.

Wie kam es dazu, dass Sie sich in der Anti-Atom-Bewegung engagieren?

Ich besuchte das Hochrhein-Gymnasium in Waldshut, und wir hatten damals über die AKWs in der Schweiz diskutiert und auch über den Bau von Leibstadt. Der mittlerweile verstorbene Grafiker Paul Klahn machte damals ein Siebdruckplakat mit vier Kühltürmen im Tal, darunter stand: ‚Wenn die Sonne stirbt'. Ich war erschrocken und mein Vater, der Physiklehrer war, erklärte mir die Gefahren der Radioaktivität. Damals wurde mir klar, das ist eine Technologie, die das menschliche Maß überschreitet.

Heute wohnen Sie in direkter Nähe zum AKW Leibstadt, das Sie aus Ihrem Wohnzimmerfenster täglich sehen.

Man muss dem Schrecken ins Auge blicken. Die Gefahr ist ja nicht weg, bloß wenn man sie nicht sieht. Wenn man so nah am Atomic-Valley lebt, wie eine Schweizer Tageszeitung die Region rund um die Atomkraftwerke nennt, wäre man – egal wo man im Landkreis Waldshut lebt – betroffen von einer atomaren Katastrophe. Wichtig ist zu akzeptieren, dass es eine Bedrohung gibt.

 

Haben Sie selbst Angst in direkter Nähe von Atomkraftwerken zu leben?

Nein. Das ist wohl die fortgeschrittene Form der Verdrängung (lacht). Angst hatte ich am 30. April 1986, als ich noch in München lebte. Am Nachmittag war die schwärzeste Wolke über die Stadt gezogen, die ich in meinem Leben je gesehen habe. Nachmittags um 15 Uhr musste ich im Kinderzimmer, wo gerade Geburtstag gefeiert wurde, das Licht anmachen. Ich hatte mir nichts weiter dabei gedacht, die Kinder waren mittlerweile weggegangen, und ich begann aufzuräumen. Ich schaltete das Radio ein, der österreichische Rundfunk lief, und plötzlich kam eine Stimme: ‚Eine Mitteilung des Bundesministeriums des Inneren: Wegen der radioaktiven Wolke aus Tschernobyl bitten wir Schwangere und kleine Kinder, zu Hause zu bleiben.' Ich war in der sechsten Woche schwanger. Ich dachte damals, dass die eigenen Albträume doch nicht wahr werden können. Aber das Leben ist das Leben. Ich bin damals durch diese Angst gegangen, aber glücklicherweise ist alles gut gegangen.

Glauben Sie, dass die Menschen vor Ort zusammen etwas bewegen könnten?

Ja. Ich denke, den Schweizer Freunden würde es helfen. 2011 sind ja Ausstiegsbeschlüsse in der Schweiz gefallen, leider versucht man das jetzt wieder zu verwässern, was mit wirtschaftlichen Bedingungen zu tun hat. Allerdings lohnt sich Atomkraft heute nicht mehr. Wenn man die Kosten realistisch und gerecht aufgerechnet hätte, hätte man immer wissen können, dass es kein praktikabler Weg ist, kostengünstig Energie zu erzeugen.

Würden erzeugte Energien aus regenerativen Quellen für die Stromversorgung in der Region ausreichen?

Ja. Es gibt in Deutschland Gemeinden, die autark sind. Wir haben auf unserem Dach beispielsweise eine Solarthermie und eine Photovoltaikanlage, die 2,5 Mal so viel Energie erzeugt, wie wir benötigen. Wenn mehr Leute das machen würden, wäre viel getan.

Sehen Sie den Kreis Waldshut auf einem guten Weg in Richtung Nutzung von regenerativen Energien?

Ich denke, der richtige Weg wird in ganz Deutschland eingeschlagen. Viele registrieren jetzt auch, dass man damit Geld verdienen kann.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Die weltweite Abschaltung aller Atomkraftwerke. Erst dann können wir über ein Endlager sprechen, denn dass der Müll sicher entsorgt werden muss, steht fest. Und dann muss man Lösungen und Möglichkeiten finden, wie man das Wissen über den tödlichen Müll, der dort über 1000 Jahre lagern muss, tradiert.

 

Zur Person


Monika Herrmann-Schiel wurde bei Lahr geboren und ist in Waldshut aufgewachsen, wo sie am Hochrhein-Gymnasium ihr Abitur absolvierte. In München studierte sie Germanistik und Zeitungswissenschaften. Anschließend volontierte sie bei einer Medienfachagentur und arbeitete später bei den Zeitschriften Bild und Funk sowie Gong. Seit 2003 lebt sie mit ihrem Mann, mit dem sie zwei Töchter hat, wieder in Waldshut. Zu ihren Hobbys zählt sie Fotografieren und Schreiben.