Die Schweiz arbeitet beharrlich an einem neuen Betriebskonzept für den Flughafen Zürich. Das Ziel ist klar definiert: Offiziell geht es um mehr Sicherheit, nachdem sich auf dem Airport am 15. März 2011 ein Beinahe-Zusammenstoß auf den sich kreuzenden Pisten ereignet hatte. Es geht aber auch um eine Steigerung der Kapazitäten und die Verbesserung der Pünktlichkeit.

Seit einigen Monaten warten die Eidgenossen auf die Anpassung des SIL (Sachplan Infrastruktur Luftfahrt), vergleichbar mit einem Planfeststellungsverfahren in Deutschland. Der SIL soll die rechtlichen Grundlagen für die Weiterentwicklung des Flughafens vorgeben; er soll aufzeigen, wo Zürich wachsen wird und zugleich die Voraussetzungen für ein künftiges Betriebsreglement schaffen. Darin wird definiert, aus welchen Himmelsrichtungen angeflogen und wie gestartet wird. Und damit auch, welche Lasten die Bevölkerung auf der deutschen Seite künftig tragen wird.

Bei der Vorstellung des SIL am Dienstag wurde deutlich, dass die Planungen auf bauliche Veränderungen am Pistensystem hinauslaufen. So sieht der SIL die Verlängerung der Pisten 14 und 28, den Bau von Schnellabrollwegen und eine Umrollung der Piste 28 vor. Die millionenschweren Baumaßnahmen werden notwendig, damit künftig auch Langstreckenflugzeuge dort landen und starten können und damit die Kapazitäten am Flughafen erhöht werden. Das Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) rechnet auf dem Flughafen Zürich bis 2030 mit 346 000 Flugbewegungen (39 Millionen Passagiere). Im Vergleich: 2015 waren es 265 000 Flugbewegungen (26,3 Millionen).

Geplant sind nach Angaben des federführenden Bazl auch Starts nach Süden, die bei ungünstiger Witterung (Nebel, Böen), möglich sein sollen. Die Schweizer Luftfahrtbehörde rechnet hier mit bis zu 13 000 solcher Südstarts, die über die Anrainer im Süden des Flughafens führen sollen. Gegen solche Starts besonders während der Mittagszeiten haben sich Bürgerinitiativen im Süden immer wieder sehr aktiv gewandt.

Auswirkungen auf Südbaden

Ausgangspunkt für den SIL war der Streit mit Deutschland um die Zürichflüge, die vor allem seit dem Ausbau des Flughafens Mitte der 90er Jahre erheblich zugenommen haben. Nachdem 2003 kein Staatsvertrag zustande kam, beschränkte Deutschland die An- und Abflüge spät Abends und in den Morgenstunden. Der Flughafen sah sich gezwungen, sich in dieser Zeit verstärkt über Osten und Süden zu öffnen, was bis heute auf den erbitterten Widerstand von Teilen der Bevölkerung stieß. Als 2012 ein Staatsvertrag unter dem deutschen Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) ausgehandelt, aber in Deutschland nicht ratifiziert wurde, entschloss sich die Schweiz, die Planungen im SIL voranzutreiben.

Doch für den Flughafen ist der gegenwärtige Zustand unbefriedigend, wie es in einer Medienmitteilung heißt. Das vorliegende SIL-Objektblatt zeige "keine Lösungen auf, wie die prognostizierte Nachfrage nach Luftverkehr langfristig abgewickelt werden soll". Das führe zu Unsicherheiten bei der Bevölkerung und stehe dem Ziel entgegen, "langfristig einen qualitativ hochstehenden Flugbetrieb sicherstellen zu können."

Das größte Problem aus Schweizer Sicht: In Deutschland ist eine Ratifizierung des Staatsvertrages in weiter Ferne. So erklärt der Konstanzer Bundestagsabgeordnete Andreas Jung (CDU) auf Nachfrage dem SÜDKURIER, der Vertrag sei erledigt. "Der Staatsvertrag ist im Reißwolf, ist Konfetti", so Jung. Das habe Verkehrsminister Dobrindt (CSU) den Abgeordneten der Region und auch den Landräten gegenüber deutlich gemacht. Hinsichtlich einer möglichen Kapazitätserweiterung, die der Flughafen im SIL anstrebt, sagte Jung, bei solchen Vokabeln werde seine Partei aber hellhörig. Nach wie vor ist die Genehmigung eines von der Schweiz beantragten neuen Betriebskonzepts in der Schwebe. "Es darf bei uns nicht zu zusätzlichem Fluglärm führen," stellte er klar. Kritischer sieht das hingegen der Sprecher der Bürgerinitiative Bürgerbrief am Hochrhein, Rolf Weckesser. Mit den Baumaßnahmen am Flughafen würden weitgehend Fakten geschaffen, die bereits in dem von Deutschland nicht ratifizierten Staatsvertrag von 2012 enthalten seien. Daher fordert die BI schon länger das Regierungspräsidium Freiburg auf, von der Schweiz eine grenzüberschreitende Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) nach der Espoo-Konvention zu verlangen. Auf Nachfrage erklärte Pressesprecher Markus Adler vom Regierungspräsidium Freiburg: "In diesem konkreten Fall ist noch zu prüfen, ob und zu welchem Zeitpunkt eine grenzüberschreitende UVP tatsächlich in Betracht kommt."

 

Pistenverlängerungen

Die Pläne für den Zürcher Flughafen sehen eine Verlängerung der Piste 28 von 2500 Meter auf 2900 Meter vor. Darauf sollen dann alle Flugzeugtypen auch bei Nässe und Rückenwind landen können. Bisher müssen Langstreckenflugzeuge oft über Süden anfliegen. Die Verlängerung der Piste 32 von 3300 Meter auf 3700 Meter soll auch schweren Langstreckenflugzeugen einen Start ermöglichen.