Herr Boese, gehen Sie am 24. September zur Bundestagswahl?

Natürlich! Weil es mein Recht und wichtig ist. Es gehört einfach dazu, dass man zu einer Wahl geht, wenn man in einem demokratischen Land lebt. Deswegen war ich auch bei der Landtagswahl und der Bürgermeisterwahl in Waldshut-Tiengen.

Wissen Sie schon, wen Sie wählen?

Nicht wirklich, ich schwanke noch hin und her. Eine Richtung steht fest, aber die Tendenz ändert sich gefühlt täglich. Ich bin mir noch nicht sicher, was letztlich Sinn macht, damit meine Meinung und Interessen stark vertreten sind.

Wie haben Sie sich im Vorfeld über die Inhalte der Parteien informiert?

Ich bin vor allem ein Fernseh-Kind. Ich habe viele TV-Formate, wie das Kanzlerduell, aber auch kleinere Formate wie „Volksvertreter“, gesehen. Da gibt es ja ein großes Angebot. Ansonsten habe ich viel im Internet recherchiert, die Online-Angebote von Zeitungen genutzt, soziale Netzwerke. Und auf YouTube habe ich mich informiert und zum Beispiel die Live-Interviews von YouTubern mit Angela Merkel und Martin Schulz geschaut, wie auch viele andere Formate. Auch den Wahlomat habe ich gemacht, der hat aber nicht nennenswert weitergeholfen.

Und über die Kandidaten hier im Wahlkreis?

Da habe ich beispielsweise geschaut, wie die Kandidaten die schon in einer Regierung sind, also Felix Schreiner und Rita Schwarzelühr-Sutter, bisher bei Entscheidungen abgestimmt haben. Das waren zum Teil interessante Anhaltspunkte, um zu sehen, wie die beiden im Ernstfall entscheiden.

Es waren etliche hochrangige Politiker zu Wahlkampfauftritten in der Region. Haben Sie diese Auftritte beeinflusst?

Das ist schwierig zu sagen. In der direkten Entscheidung, wen ich wähle, hat es mich eher weniger beeinflusst. Das sind halt auch alles Profis und inhaltlich erfährt man dort auch nichts neues. Es war eher der Fall, dass man den einen oder anderen mehr oder weniger sympathisch findet, auch ob der Auftritt authentisch war. Vielleicht beeinflusst so etwas einen also eher unbewusst.

Wie finden Sie überhaupt den Wahlkampf der Kandidaten im Wahlkreis Waldshut?

Ich würde sagen, für Leute in meinem Alter nicht wirklich ansprechend. Aber das ist vielleicht auch nicht das Ziel, weil es von uns nicht so viele gibt wie Ältere. Wenn man überall in die Kamera lächelt und Hände schüttelt, macht es den Kandidaten für mich nicht authentisch. Mir geht es bei der Bundestagswahl vor allem um eine Idee, wie es in Deutschland weitergehen soll. Ich habe mir die SÜDKURIER-Podiumsdiskussion angeschaut, da haben die Politiker drei Stunden diskutiert, ohne Visionen anzusprechen. Am Schluss hat es die Frage eines 24-Jährigen gebraucht, dass jeder etwas dazu sagt. Es gab auch keine öffentliche Veranstaltung, die gezielt junge Leute angesprochen hat und wo es mal nicht um die A 98 ging, sondern um eine Fernbus-Anbindung.

Jungen Menschen wird oft ein politisches Desinteresse nachgesagt. Stellen Sie das auch fest?

Das mit dem Desinteresse kann ich nicht unterschreiben. Den meisten ist die Bedeutung der Wahl bewusst. Aber man hört oft: 'Ich kann es ja eh nicht beeinflussen'. Da denken viele, dass sie es auch gleich sein lassen können. Und hinzu kommt dann, dass es eben oft nicht die Themen sind, die unsere Generation bewegen, interessieren oder für die man kämpfen will. Und ich glaube, es ist schwer, wenn man sich vier Jahre nicht wirklich für Politik interessiert und dann versucht sich innerhalb von ein oder zwei Monaten ein Bild davon zu machen. Daher kommt dann vielleicht auch der Eindruck der Politikverdrossenheit.

Ist Politik denn ein Thema über das Sie sich mit Ihren Freunden unterhalten?

Auf jeden Fall. Jetzt vor der Bundestagswahl ist das immer wieder ein Thema in meinem Freundeskreis, sonst aber eher weniger. Vielleicht liegt das auch an meinem Freundeskreis, aber die Wahl ist bei uns allen ein Thema und wir sind uns auch alle einig, dass wir wählen gehen. Wir diskutieren nicht unfassbar ausführlich, aber wir kommen immer wieder über politische Themen ins Gespräch. Es geht dabei weniger um Inhalte, sondern eher das allgemeine Geschehen.

Und mit Ihrer Familie?

Schon auch, aber nicht so häufig. Das sind dann eher Diskussionen wenn wir zusammen das Kanzlerduell schauen oder so. Das ist eigentlich erstaunlich, aber liegt vielleicht auch daran, dass sich die Haltungen an manchen Stellen unterscheiden.

Es ist Ihre erste Bundestagswahl, vergangenes Jahr haben Sie schon bei der Landtagswahl Ihr Kreuz gesetzt. Hat sich Ihre Entscheidungsfindung in dieser Zeit verändert?

Ja, meine Ansichten und Meinungen haben sich gefestigt. Letztes Jahr wusste ich, wo meine Eltern und die einzelnen Parteien politisch stehen und habe probiert, mich selbst zu positionieren. Diese Position hat sich verstärkt. Hinzu kommen bei der Bundestagswahl so Sachen wie Außenpolitik, die dem Ganzen noch ein bisschen eine andere Richtung geben.

Könnten Sie sich vorstellen, selbst politisch aktiv zu werden?

Ich habe schon häufiger überlegt, etwas in einer Partei zu machen. Was mich aber abhält ist, dass ich erstens auf Anhieb nicht wüsste in welcher Partei. Es stört mich, dass man die eigene Meinung in einem politischen Amt schnell mal dem Parteiprogramm unterordnen muss und ich will mit meiner eigenen Meinung frei sein. Zum anderen könnte eine Parteizugehörigkeit irgendwann in einen Konflikt geraten mit meinem Wunsch, im Journalismus zu arbeiten.

Zur Person

Jonathan Boeseist 19 Jahre alt und kommt aus Waldshut. Er hat im vergangenen Jahr sein Abitur am Hochrhein-Gymnasium abgeschlossen. Im Oktober beginnt er sein Studium der Kultur und Technik mit Kernfach Philosophie in Berlin. Jonathan Boese ist Oberministrant in der katholischen Pfarrgemeinde Liebfrauen in Waldshut. Zu seinen Hobbies gehört die Musik (E-Bass, Klavier und Orgel).

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