Wer ist der "Mann von der Kuh, der die kleinen Kälber macht"? Samenrind, Faselochse, Hage, Muni oder Farren könnte er heißen. Das sind fünf Bezeichnungen für das geschlechtsreife männliche Hausrind, besser bekannt als Stier oder Bulle. Seit dem 19. Jahrhundert waren die Städte und Gemeinden gesetzlich zur sogenannten Vatertierhaltung verpflichtet. Davon profitierte jeder Bauer, der Rinder hielt, sich jedoch keinen eigenen Zuchtbullen leisten konnte.

Auch die Große Kreisstadt Waldshut-Tiengen betrieb vor 25 Jahren noch eine Farrenhaltung für ihre in den dörflichen Ortsteilen tätigen Landwirte. Im Januar 1992 standen im Stall des dafür engagierten Farrenhalters Georg Geng in Breitenfeld der zweijährige rotbunte „Central“ und der anderthalbjährige schwarz gefleckte „Kosko“. Die Aufgabe dieser beiden Stadtarbeiter für den Rindernachwuchs bestand in der althergebrachten Art der Rindviehfortpflanzung. Bis zu 60 Mal im Jahr wurden Kühe von den beiden Bullen "Central" und "Kosko" gedeckt.

Für jedes Aufreiten auf eine Kuh kassierte die Stadt bescheidene 15 DM und musste dem Halter der gedeckten Kuh so etwas wie eine Erfolgsgarantie geben: War der erste Versuch erfolglos, musste der Bulle noch zwei weitere unternehmen. Unter diesen Bedingungen waren die beiden Zuchtbullen alles andere als Goldesel für die Stadtkasse, die bei diesem Service für die Landwirte erheblich draufzahlte. Außerdem mussten die Zuchtbullen nach etwa zwei Dienstjahren durch neue Tiere ersetzt werden, um Inzucht zu vermeiden. Konnten die Tiere an eine andere Farrenhaltung verkauft werden, war das etwas einträglicher als die Alternative Schlachthof.

Nicht traurig war deshalb die Stadt, als zum 1. Januar 2000 die Pflicht zur Vatertierhaltung durch die Kommunen entfiel und privatisiert wurde. Seither werden Milchkühe meist künstlich besamt, nur wenige größere Betriebe halten sich noch Bullen. Bei der Muttertierhaltung hingegen, bei der es um die Fleischerzeugung geht, weiden die Bullen meist zusammen mit den Kühen. Und da geht es noch nach ihrem Kopf, wann sie sich zur natürlichen Fortpflanzung entscheiden.