Über 90 Jahre prägte die Familie Albrecht die Kinogeschichte am Hochrhein. Jetzt ist diese Familiengeschichte zumindest eine zeit lang zu Ende: Ursula Albrecht (62) und ihre Schwester Monica Albrecht-Maier (66) haben zum 1. Mai dieses Jahres die Albrecht-Kinos auf der Bernhalde bis 2028 an Bernd Gschöpf verpachtet. Ihr Kino in Rheinfelden haben sie bereits 2014 an Gschöpf verpachtet.

Erst mit den Eltern, dann alleine

"Emotionen wie Erschrecken oder Trauer übertragen sich im Kino, man spürt die Gefühle der anderen – das Kino hat eine spezielle Faszination und ist ein Erlebnis." Ursula Albrecht
"Emotionen wie Erschrecken oder Trauer übertragen sich im Kino, man spürt die Gefühle der anderen – das Kino hat eine spezielle Faszination und ist ein Erlebnis." Ursula Albrecht

Jahrzehntelang haben Ursula Albrecht und Monica Albrecht-Maier die Albrecht-Lichtspiele zuerst mit ihren Eltern, dann alleine in dritter Generation geführt. Ursula Albrecht war insgesamt 43 Jahre im Kinogeschäft tätig, ihre Schwester Monica 38 Jahre.

Die Schwester halfen schon als Kinder in Kino mit

Bereits als Kinder waren sie im Kino ihrer Eltern in Rheinfelden involviert. Sie erinnern sich an lange Schlangen vor den Kassen, an Abrisskarten und zu wenige Plätze, so dass sie halfen, Küchenstühle in den Kinosaal zu tragen.

"Wir sind mit den Kinos aufgewachsen, jetzt sind wir beide in einem Alter, in dem man sich zurückzieht", begründet Ursula Albrecht die Verpachtung des Kinos. Sie ist für die Schwestern aus Sicht des Kinos, ein Schritt nach vorne, weil ein neuer Betreiber auch neue Wege gehen würde. Kinos müssen sich ständig an Veränderungen in der Medienlandschaft anpassen.

Einzug des Fernsehens als größter Einschnitt

"Die Leute werden sauer, wenn es kein Popcorn gibt, wir haben es immer frisch gemacht." Monica Albrecht-Maier.
"Die Leute werden sauer, wenn es kein Popcorn gibt, wir haben es immer frisch gemacht." Monica Albrecht-Maier.

In diesem Sinne haben Ursula Albrecht und Monica Maier-Albrecht nach eigenen Worten, spannende Jahrzehnte erlebt. Der wohl größte Einschnitt war der Einzug des Fernsehens in die Haushalte, was die Kinobesuche gravierend zurückgehen ließen.

Die 70er Jahre waren die schwierigsten

Der Charme der 70er Jahre: Der Eingangsbereich des Kinos in Rheinfelden, das seit Oktober 2014 von Pächter Bernd Gschöpf betrieben wird. Bild: Privat
Der Charme der 70er Jahre: Der Eingangsbereich des Kinos in Rheinfelden, das seit Oktober 2014 von Pächter Bernd Gschöpf betrieben wird. Bild: Privat

Die 70er Jahre nennt Ursula Albrecht die schwierigsten. "Wir mussten Säle verkleinern und die Kinopreise anpassen, wirtschaftlicher zu arbeiten wurde zur puren Notwendigkeit." Eine weitere gemeisterte Herausforderung war in Waldshut die Umstellung auf digitale Projektion. Sie war unumgänglich, denn ab 2014 gab es keine analogen Filme mehr.

Die Ansprüche der Kinobesucher steigen

Verbunden mit den technischen Neuerungen waren steigende Ansprüche der Kinobesucher. Ursula Albrecht und Monica Albrecht-Maier haben fortlaufend die Einrichtung ihrer Kinos in Waldshut und Rheinfelden modernisiert und mit immer schnelllebigeren Zeiten Schritt gehalten.

"Früher war alles langsamer, die Menschen hatten Zeit, heute sind sie ungeduldiger, es wird erwartet, dass ein Film, der neu herausgekommen ist, sofort gesehen werden kann", erklärt Ursula Albrecht. Abzuwarten, ob der Film auch beim Publikum ankommt, sei nicht möglich. Deshalb müsse jeder Kinobetreiber auch mit Flops umgehen können.

Filmverleiher machen strenge Vorgaben

Früher konnten die Schwestern Verträge für Filme auf Staffeln abschließen, das heißt mehrere Filme konnten als Paket beim Filmverleiher ausgesucht werden, so dass schwächere Filme von stärkeren aufgefangen wurden. "Heute leiht man jeden Film einzeln und wenn man ihn zum Start spielt, muss man ihn drei Wochen lang spielen", so Ursula Albrecht.

Ebenso vorgegeben sind vom Filmverleiher in der Regel die Spielzeiten. Deshalb kann auch der naheliegende Wunsch vieler Kinobesucher, am Sonntagnachmittag einen Familienfilm sehen, nicht unbedingt erfüllt werden. Mit "Friss oder stirb" umschreibt Ursula Albrecht die Zwänge, mit denen Filmverleiher besonders kleineren Kinos das Leben schwer machen würden.

Das richtige Gespür bei der Filmauswahl

Meistens hatten die Schwestern das richtige Gespür bei der Filmauswahl und die großen Publikumsmagneten im Programm: Titanic etwa, der fast ein Jahr lang lief. Ein Renner waren nach ihrer Aussage auch Pretty Woman oder neuen Datums, die Westernkomödie der Schuh des Manitu und alle drei Teile von Fack ju Göhte.

Filme, bei denen gelacht werden kann und Filme, die gute Geschichten erzählen und emotional berühren, aber auch Action- und Fantasyfilme sind nach Erfahrung der Schwestern, in den vergangenen Jahren am besten angekommen.

Schwestern sehen die Zukunft des Kinos positiv

Auch wenn die Medienlandschaft nie zur Ruhe kommt, die Macht der Filmverleiher groß ist und kein Kinobetreiber sich auf Erreichtem ausruhen kann, grundsätzlich sehen die Schwestern die Zukunft des Kinos positiv. Es würde etwas bieten, was kein anderes Medium könnte. "Emotionen wie Erschrecken oder Trauer übertragen sich im Kino, man spürt die Gefühle der anderen – das Kino hat eine spezielle Faszination und ist ein Erlebnis", sagt Ursula Albrecht.

Das Kino hat sich nach Aussage der Schwestern, vom Massenmarkt zum besonderen Erlebnis entwickelt. Heute sei ein Kinobesuch eher etwas Besonderes, vergleichbar einem Konzert- oder Theaterbesuch. Deshalb müsse Kino auch nicht mehr billig sein, würde es ein Erlebnis bieten, zahlten die Leute auch gern etwas mehr.

Popcorn gehört einfach dazu

Bei allen Herausforderungen und Neuerungen, etwas dürfte im Waldshuter wie wahrscheinlich in jedem Kino, eine sichere Konstante sein: Popcorn. Es kam in den 70er Jahren aus Amerika und avancierte zu einer Art von Grundnahrungsmittel für Kinobesucher. "Die Leute werden sauer, wenn es keines gibt, wir haben es immer frisch gemacht", erzählt Monica Albrecht-Maier.

Statistisches zum Kino

Eckdaten der Kinogeschichte der Familie Albrecht

1927: Paula und Adolf Albrecht und Marie Maier eröffnen die Albrecht-Lichtspiele in der Alten Post in der Waldshuter Kaiserstraße.

1939: Neubau des Ali-Kinos in Tiengen.

1951: Neubau des Kinos auf der Bernhalde in Waldshut.

1952: Bau eines Geschäftshauses mit integriertem Kino in Rheinfelden, zusätzlich wurden bis in die 70er Jahre hinein Kinos in Bad Säckingen, Oberlauchringen und Blumberg betrieben.

1981: Schließung des Kinos in der Alten Post, Umzug in einen neu geschaffenen zweiten Saal im Kino auf der Bernhalde.

2004: Schließung und Verpachtung des Ali in Tiengen, das seitdem ein Theater ist.

2013: Digitalisierung der Filmtechnik in Waldshut und Klimatisierung der Räume.

2014: Schließung der Kinos in Rheinfelden und im selben Jahr Wiedereröffnung durch Pächter Bernd Gschöpf nach der von ihm durchgeführten Digitalisierung.

1. Mai 2018: Bernd Gschöpf wird auch Pächter des Waldshuter Kinos auf der Bernhalde.

 

Der Kinobesucher in der Statistik

37 Prozent aller Deutschen über zehn Jahren waren mindestens ein Mal im Kino.

11 Prozent aller Kinobesucher gingen mehr als sieben Mal ins Kino.

Jedes dritte Ticket wurde für einen Top-10-Film gekauft.

Fast vier von zehn Kinobesuchern waren unter 30 Jahre alt, mehr als jeder Vierte über 50.

Die stärkste Kinobesuchergruppe war zwischen zehn und 19 Jahren alt, da-runter mehr Frauen als Männer.

59 Prozent aller Kinogänger verzehrten im Kino Speisen und Getränke, im Schnitt gab jeder von ihnen 7,45 Euro aus (Quelle: Studie der Filmförderungsanstalt FFA, Daten für 2017)

 

"Immer wieder was Neues ausprobieren"

Bernd Gschöpf, neuer Pächter des Kinos: "Es wird eine neue Bestuhlung geben, der Thekenbereich im Foyer wird verändert und wir werden in die Tonanlagen der Kinos investieren."  Bild: Privat
Bernd Gschöpf, neuer Pächter des Kinos: "Es wird eine neue Bestuhlung geben, der Thekenbereich im Foyer wird verändert und wir werden in die Tonanlagen der Kinos investieren." Bild: Privat

Bernd Gschöpf, der neue Pächter des Waldshuter Kinos, blickt im Interview in die Zukunft und verrät, welche Pläne er und sein Team für die Bernhalde haben.

Herr Gschöpf, Sie sind der neue Betreiber des Waldshuter Kinos auf der Bernhalde, welche Veränderungen planen Sie?

Wir bemühen uns, alles schnellstmöglich zu machen und hoffen, die neue Bestuhlung noch dieses Jahr umsetzen zu können.

Erwartet die Besucher sonst irgendetwas Neues?

Das Angebot an Süßwaren und Getränken wird größer, dazu sind aber zunächst kleine Änderungen an der Theke notwendig. Das Popcorn wird natürlich bleiben und nach wie vor frisch an der Theke zubereitet werden. Die Spielzeiten werden sich auch erweitern. Geplant ist, ab November täglich ab 15 Uhr zu spielen inklusive Spätvorstellungen. Beim Filmprogramm werden wir noch testen, was alles in Waldshut funktioniert. Es ist allerdings nicht unbedingt so, dass wir alle Filme zu Start bekommen werden.

Finden dieses Jahr wieder die Waldshuter Filmnächte des W+F in Zu-sammenarbeit mit dem Waldshuter Kino statt?

Darüber kann ich im Moment nichts sagen, weil der W+F der Veranstalter ist und noch Gespräche ausstehen. Ich stehe den Filmnächten aber grundsätzlich positiv gegenüber.

Was macht ein Kino erfolgreich?

Ich bin überzeugt, dass nicht nur der Film eine Rolle beim Erfolg spielt, sondern auch das "Drumherum" und dass wir als Betreiber immer wieder was Neues ausprobieren müssen.

Sie tragen auf dem Bild eine 3D-Brille – glauben Sie, dass man bald in Ihren Kinos dreidimensional Filme sehen kann, ohne die 3D-Brille aufsetzen zu müssen? Bei Avatar 2 soll dies 2020 möglich sein.

Regisseur Cameron arbeitet daran, aber ich glaube nicht, dass er es bis 2020 schafft. Sollte es wirklich einmal eine entsprechende Technik geben, wäre das eine gute Sache. Ob und wann sie dann in den Kinos umgesetzt werden könnte, ist aber auch immer eine Frage der Kosten, denn die Mehrkosten hierfür müssten auch auf die Eintrittskarten umgelegt werden.