Die Belagerung durch die Eidgenossen haben die Waldshuter vor 550 Jahren arg gebeutelt überstanden. Heute suchen Schweizer die Waldstadt nicht mehr mit Kanonen, sondern prall gefüllten Geldbeuteln heim. Die Nachbarn von jenseits des Rheins tummeln sich bei ihren Einkaufstouren auf Waldshuter Territorium vielfach mit einem offensiven Selbstbewusstsein, das dem der Vorfahren anno 1468 nur wenig nachsteht.

Zu erleben war das beispielsweise dieser Tage vor einem Drogeriemarkt. Dort blockierte ein luxuriöses Daimler CLK Coupé aus dem Kanton Zug den Behinderten-Parkplatz. Wahr ist, dass Zug die zweithöchste Dichte an Multi-Millionären in der Schweiz aufweist. Unwahr ist, dass jener Kanton auch mit seiner Behinderten-Quote einen Schweizer Spitzenplatz belegt. Das rauchende Pärchen an der offenen Fahrertüre machte jedenfalls nicht den Eindruck, als warte es auf seine Rollstuhl-Schieber. Den freundlichen Hinweis auf das Behindertenparkplatz-Schild quittierte der Fahrer lächelnd mit den Worten "Keine Angst, wir stehen nicht mehr lange da". Oh mein Gott – hatte ich hier etwa zwei Todgeweihte mit der Diagnose "Raucherbein, Endstadium" vor mir, die ihre letzte Zigarette auf deutschem Boden genießen? Da setzt man seine Einkaufstour doch gleich viel milder gestimmt fort.

An der Drogeriemarkt-Kasse keimte dann allerdings gleich neuer Unmut auf: Die Schweizer Kundin vor mir hatte schon ihr Wechselgeld eingesteckt und wollte ohne Ausfuhrschein abziehen. Vier Landsleute vor ihr hatten da mit ihrem Rückvergütungs-Prozedere die Geduld der deutschen Kundschaft schon ziemlich strapaziert. Doch leider konnte die Kassiererin ihre Zunge nicht im Zaum halten und rief der im Weggehen begriffenen Schweizerin nach: "Möchten Sie denn keinen Ausfuhrschein?" Man atmet gaaanz tief durch. Und wünscht sich eine einzige Extra-Kasse zur Ausfuhrschein-Abwicklung, an der dann auch nur Schweizer warten müssten. Aber diese Neuerung in der Waldshuter Geschäftswelt hätte womöglich kämpferische Reaktionen zur Folge, gegen die die Belagerung von 1468 ein Zuckerschlecken war...

Rafael.Herrmann@albbbote.de