Frau Minor, wie haben Sie von der Initiative „Offene Gesellschaft“ erfahren und worum geht es dabei?

Ich habe in einer Zeitschrift darüber gelesen und habe mich bei der angegebenen Berliner Kontaktadresse gemeldet und Infomaterial bekommen. Besonders in Norddeutschland ist die Initiative sehr bekannt. Sie hat 2017 den ersten „Tag der offenen Gesellschaft“ ausgerufen. Meines Wissens hatte sie im Vorjahr an diesem Tag bundesweit 250 000 Teilnehmer bei 500 Veranstaltungen. Es ist eine parteineutrale Initiative, das ist mir ganz wichtig. Ihr Ziel ist es, Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen, damit die bislang eher schweigende Mehrheit stark gemacht wird gegen ungute Strömungen von rechts. Es geht aber nicht darum, Leute auszuschließen. Gerade die, die verdrossen und unzufrieden mit der Demokratie sind, sollen erreicht werden.

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Miteinander reden ist Grundlage einer offenen Gesellschaft?

Damit fängt sie zumindest an. Ziel der Initiative sind unvoreingenommene Begegnungen. Je mehr man jemanden kennen lernt und seine Standpunkte hört, desto mehr versteht man ihn. Das heißt aber nicht, dass alles toleriert wird. Es geht darum, den Mund aufzumachen, klar Stellung zu beziehen, auch auf die Gefahr hin, anzuecken. Offene Gesellschaft heißt gegen alles zu sein, was die Demokratie in Frage stellt, offen heißt, die Demokratie zu stärken und das geht nur über das Gespräch.

Ihr Café ermöglicht solche unvoreingenommenen Begegnungen?

Ja, manche nennen es Begegnungscafé, ich sage einfach Café. Ich dachte zuerst, die Leute kämen von alleine, aber das ist nicht so. Man muss Ge-duld haben und Angebote machen. Vergangenes Jahr habe ich am „Tag der offenen Gesellschaft“ im Blättle inseriert, dass man sich bei mir treffen kann, aber es kamen nur zehn Leute. Dieses Jahr sind über 50 gekommen. Junge und alte und aus allen Schichten. Und nicht nur Hohentengener, sondern auch Leute aus der Umgebung. Im Café stand ein extra Tisch für Essen und Getränke, die jeder mitbringen konnte. Außerdem haben die Herderner Dorfmusikanten mir einen Auftritt spendiert und umsonst gespielt.

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Wer trifft sich denn jetzt eigentlich regelmäßig in Ihrem Café?

Neben dem normalen Cafébetrieb sind es mehrere Gruppen. Wir haben eine Frauengruppe, die sich alle 14 Tage trifft und über Gott und die Welt redet. Die jüngste ist noch keine 70 Jahre alt, die älteste ist 92. Rund zehn Frauen, eine Seniorengruppe und eine Gruppe junger Mütter kommt regelmäßig zum Frühstück und ein Mal im Monat haben wir ein Frauenfrühstück. Täglich um neun Uhr kommen Handwerker und machen hier Brotzeit. Weitere Gruppen sind natürlich willkommen.

Warum engagieren Sie sich überhaupt für eine offene Gesellschaft?

Ich liebe die Menschen in ihrer ganzen Vielfalt und Unzulänglichkeit, sie sind das Beste an der Schöpfung. Ich habe Probleme damit, wenn jemand andere nicht akzeptiert, beispielweise gegen Flüchtlinge wettert und Halbwissen verbreitet. Außerdem habe ich mich schon immer, vor allem in der Schule zusammen mit den Schülern, für gesellschaftliche Verbesserungen eingesetzt.

Kennen Sie andere in der Gegend, die sich auch für eine offene Gesellschaft engagieren?

Nein, ich denke, die Initiative ist hier aber auch noch nicht so bekannt. Dabei ist es ganz einfach. Man kann am „Tag der Offenen Gesellschaft“ machen was man will, wenn dabei nur Leute zusammen kommen. Man kann einfach im Garten einen Tisch und ein paar Stühle aufstellen und Leute ansprechen oder ein Plakat aufstellen mit dem Schriftzug „Setz dich einfach dazu“. Jeder bekommt von der Berliner Hauptstelle der Initiative Infomaterial zugeschickt. Ich habe zum Beispiel Pappuntersetzer für Gläser mit Sprüchen wie „Hast Du Rücken oder Haltung?“ oder „Mein Navy sucht deinen Standpunkt.“

Es gibt heute auf höchster politischer Ebene antidemokratische Tendenzen, macht Ihnen das Angst?

Eher wütend. Es ist nicht zu verstehen, dass wir von Ländern mit anti-demokratischen Tendenzen umzingelt sind und es in allen Kreisen, auch den gehobenen, antidemokratische Tendenzen gibt. Ich bin aber über-zeugt, dass es genügend Leute gibt, die die Gefahr erkennen, aber wir müssen auch was tun, uns wehren und Stellung beziehen. Man sollte nie sagen, man kann nichts tun.

Steht schon die nächste Veranstaltung in Ihrem Café?

Ja, am Samstag, 14. September, ab 10 Uhr, machen wir einen Büchermarkt unter den Kastanien, wenn schlechtes Wetter ist, drinnen. Jeder kann ungenutzte oder gebrauchte Bücher bringen, die dann verkauft werden. Mit dem Erlös werden wir ein bestimmtes Projekt unterstützen.