Herr Würtenberger, woher kommt Ihre Liebe zu Streuobst? Haben Sie schon als Kind lieber die Äpfel von der Wiese gegessen?

Als Kind in Eschbach wuchs man mit Streuobst auf, es war normal, dass im Herbst die großem alten Eichenfässer geputzt und für die neue Ernte hergerichtet wurden. Ein Nachbar hatte so große Fässer, dass wir Kinder beim Türchen, so nennt man den Verschluss des Fasses, hineinkriechen konnten und die Fässer von innen mit einer Wurzelbürste geschrubbt haben. Dann war da die Mosterei, wo die Traktoren mit ihren Besitzern in Schlange warteten und wo immer etwas los war. Man konnte sich dort auch betätigen und an der Handpumpe überschüssige Kräfte loswerden. Es sind vor allem die vielen unterschiedlichen Gerüche, vom Essigduft über den Geruch der Fassdichte, dem alten Eichenholz, alten Dieselmotoren, dem Geruch von frischem Saft oder dem Mischgeruch aus so vielem in der Mosterei, die einem auch heute noch begegnen und die unwiderruflich abgespeichert sind. Auch heute schmeckt ein frischer Apfel vom Streuobstbaum um so vieles besser, als jeder gekaufte.

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Heute engagieren Sie sich für Streuobstwiesen in Ihrem Dorf. Wie viele Hektar, wie viele Bäume gibt es hier noch und wie sieht die Pflege durch die Vereinsmitglieder aus?

Zusammen mit dem Landschaftspflegeverein engagieren wir Mostfreunde uns ganz stark für den Erhalt und die Pflege der Streuobstbäume. Wir haben die Bäume nie genau gezählt, aber hier im Liederbachtal dürften es, auch auf Grund von zahlreichen Neu- und Ersatzpflanzungen, weit über 1000 Apfelbäume sein. Hinzu kommen zahlreiche Kirsch-, Zwetschgen- und Birnbäume. Wir schauen, dass auch Bäume von Nichtmitgliedern regelmäßig geschnitten und damit gepflegt werden, sodass die Bäume möglichst noch lange erhalten werden können.

Was für Sorten gibt es?

Es gibt sehr viele alte Sorten, die heute nicht mehr in Spektrum der Supermärkte passen, weil sie nicht dem Idealbild eines Werbeapfels entsprechen, weil sie zu klein, zu blass, zu rot, zu eierförmig, zu platt, zu schorfig, zu ledrig etc. sind. Aber jede Sorte für sich ist eine einzigartige Züchtung unserer Vorfahren, die jede seine Berechtigung für einen ganz bestimmten Standort und einen ganz bestimmten Nutzen hatte. Wenn wir diese Arten nicht erhalten, begehen wir einen Verrat an unseren Ahnen und verlieren einen enorm großen Genpool und einen Geschmacksreigen für unsere Gaumen.

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Warum ist diese traditionelle Form des Obstbaus heute so wichtig?

Der Lebensraum Streuobstwiese ist immens wichtig für viele Arten, die sich hier angepasst haben, seien es Vögel, Fledermäuse, Wiesel, Insekten aller Art, aber auch Flechten, Moose und Pilze vielfältigster Art.

Vergangenes Jahr war ein gutes Apfeljahr, im Gegensatz zum Jahr davor. Sind Streuobstbäume widerstandsfähiger als die neuen Züchtungen?

Die alten Arten kommen ganz ohne Schutzspritzungen aus, das bedeutet, dass sie resistenter sind gegen Schädlinge und auch besser angepasst an ihren jeweiligen Standort. Deshalb gibt es auch so unterschiedliche Erntemengen, letztes Jahr war ein Rekordjahr in Menge und Qualität, vorletztes Jahr sind nach einem Spätfrost viele Fruchtansätze erfroren, teilweise führte das zum Totalausfall. Da es aber große Unterschiede im Bezug auf Topographie, West- oder Osthang, Früh- oder Spätsorte gibt, kommt es aber äußerst selten dazu, dass nirgends im Tal Obst heranreift.

Wie sind die Aussichten auf die Ernte?

Die Aussichten für 2019 sind verhalten positiv, Blütenknospen sind ausreichend vorhanden, entscheidend ist immer die Zeit der Blüte: Können die Insekten, Bienen, Wildbienen, Hummeln und Schwebfliegen unterwegs sein und die Blüten befruchten? Und wenn ja, fällt das Jahr über genügend Regen, sodass die Bäume keinen Trockenstress haben und die Früchte vorzeitig abwerfen? Hagelt es im Sommer? Es sind so viele Faktoren, die die Ernte beeinflussen können, es gehört einfach immer auch viel Glück und Gottvertrauen dazu!

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Sie wissen ja noch anderes mit den Äpfeln anzufangen als Kuchen zu backen oder Mus zu kochen.

Seit einiger Zeit produzieren wir einen eigenen Apfelsecco und einen Apfelwein in Zusammenarbeit mit einem regional bekannten Winzer. Wir sind überzeugt von unseren Produkten, und diese runden das Konzept Streuobst, Kelterei, Regionalität und Nachhaltigkeit ab. Nun haben wir unsere Schätze zu einer sensorischen Produktprüfung im Zuge des Landesstreuobsttages eingesendet und eine sehr positive Nachricht über unser Abschneiden erhalten. Mehr dazu darf ich leider noch nicht preisgeben. Nur so viel: Wir holen unsere Prämierung am 4. Mai in Ludwigsburg ab und werden am selben Abend ab 17 Uhr in Eschbach vor der Mosterei einen Stehempfang veranstalten, um das Ergebnis mit unseren Mitgliedern, dem Dorf und weiteren Gästen gebührend zu feiern.

Sagen Sie uns etwas über die Produktion des Weines und des Seccos. Welche Obstsorten wurden verwendet und wo wurde er hergestellt?

Beide Getränke werden ausschließlich aus späten, sehr reifen und einwandfreien Äpfeln gekeltert. Möglichst viele verschiedene Sorten geben dem Saft die notwendigen Eigenschaften und ausgewogene Geschmacksrichtungen in puncto Süße, Säure, Frucht und Herbe. Der Alkoholgehalt liegt bei 6,5 Prozent, sodass man auch gut mal ein Glas mehr verträgt. Die Farbe lässt sich am ehesten mit der eines Grauburgunders vergleichen, der Geschmack ist – natürlich – unbeschreiblich. Beide Produkte sind über den Verein zu beziehen, man kann sie aber bereits auch in einigen Gasthäusern wie dem „Ochsen“ in Eschbach, dem „Hirschen“ in Birndorf, der Gretstube in Nöggenschwiel oder dem Eichrüttehof in Hartschwand genießen.

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Bei Apfelsecco denkt man an Cidre. Ist Ihr Secco auch so ein Apfelschaumwein?

Der Apfelsecco ist kein Cidre im eigentlichen Sinne, er ist ein Schaumwein, der mit Kohlensäure versetzt wurde und ist kalt serviert ein Hochgenuss!

Wie viele Liter, Flaschen oder Fässer haben Sie auf Lager?

Wir haben ausreichende Mengen abgefüllt, die auf jeden Fall ausreichen sollten, bis der neue Jahrgang ausgebaut ist.