Waldshut/Leibstadt Der Reaktor des Kernkraftwerks Leibstadt darf nach mehrmonatigem Stillstand wieder ans Netz gehen

Die Schweizer Atomaufsichtsbehörde Ensi hat grünes Licht für das Wiederanfahren des Atomkraftwerks Leibstadt bei reduzierter Leistung gegeben. Noch in dieser Woche will die Betreiberin den Reaktor wieder hochfahren. Die Grünen-Abgeordnete Sylvia Kotting-Uhl kritisiert die Entscheidung der Behörde.

Das Schweizer Atomkraftwerk Leibstadt gegenüber Waldshut darf nach monatelanger Unterbrechung wieder ans Netz. Das eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) erteilte am Donnerstag die Freigabe unter Auflagen. Der Reaktor muss mit reduzierter Leistung betrieben werden. Laut einer Mitteilung der Kernkraftwerk Leibstadt AG soll das Werk „nach erfolgreicher Durchführung aller Sicherheitstests“ in den nächsten Tagen wieder angefahren werden.

Die Ursachen der sogenannten Dryouts sind laut Ensi identifiziert. Ein solches Phänomen wurde bei einer Routineuntersuchung, die am 2. August 2016 anstand, bei Brennstäben des Kernkraftwerks festgestellt. Beim Dryout handelt es ich um eine Reaktion der Brennstäbe mit Sauerstoff. Das Ensi erklärt den Sachverhalt auf seiner Internetseite folgendermaßen: Im Atomreaktor wird durch die Kernspaltung im Brennstoff in den Brennstäben Wärme erzeugt. Diese wird über das Kühlmittel (Wasser) abgeführt. Um eine optimale Kühlung der Brennstäbe zu gewährleisten, müssen die Hüllrohre immer mit einem Wasserfilm bedeckt sein. Sollten sie dennoch an einzelnen Stellen nicht vollständig mit Wasser bedeckt sein, sprechen Experten von „Dryout“ – also Austrocknung.

Laut Ensi muss die Reaktorleistung reduziert werden, um künftige Dryouts zu vermeiden. Die Rede ist von einer Leistungsabsenkung an den frischen Brennelementen um rund 20 Prozent. Dies habe zur Folge, dass die thermische Leistung des Reaktors in Leibstadt zu Beginn eines Betriebszyklus bei maximal 95 Prozent liegt und bis zum Zyklusende auf rund 88 Prozent sinkt.

Das Ensi: „Es gibt in jedem KKW betriebliche Grenzwerte für die Kontamination des Kühlmittels, die bei Brennstabschäden eingehalten werden müssen. Im KKL wurden diese in den vergangenen Betriebszyklen bei weitem nicht erreicht.“ Ralph Schulz, beim Ensi Leiter des Fachbereichs Sicherheitsanalysen, erklärt: „Der sichere Betrieb des Kernkraftwerks Leibstadt ist gewährleistet, und die Anlage erfüllt die Sicherheitsanforderungen des Gesetzgebers.“ Es gebe aus Sicht der Aufsichtsbehörde deshalb keinen Grund, warum das Kernkraftwerk Leibstadt seinen Betrieb nicht wieder aufnehmen könne. Die Betreiber des Kernkraftwerks hatten Ende 2016 beim Ensi einen Freigabeantrag eingereicht. Diesem hat das Ensi nun entsprochen.

Atomkraftgegner forderten im Gegensatz dazu am Donnerstagnachmittag vor dem Ensi in Brugg die Abschaltung der Reaktoren in Beznau und Leibstadt. Sie übergaben dazu eine Petition mit 16 244 Unterschriften. In Waldshut hat ein Aktionsbündnis laut eigener Auskunft mehr als 1000 Unterschriften gegen eine Wiederinbetriebnahme in Leibstadt vor sicherer Abklärung der Reaktor-Probleme gefordert. Ausgangspunkt der Probleme war die Feststellung oxidierter Brennelemente. Es folgten Berichte über die sogenannten Dryouts und mutmaßliche Kühlungsprobleme.

Auf deutscher Seite wurden die Wiederanfahrpläne kritisch gesehen. Die Bundestagsabgeordnete Sylvia Kotting-Uhl, Sprecherin der Grünen für Atompolitik, kommentierte gestern gegenüber dieser Zeitung die Freigabe durch das Ensi so: „Die Entscheidung der Atomaufsicht ist unfassbar. Bevor der Betreiber nicht lückenlos nachweisen kann, warum es erneut zu den Dryouts gekommen ist und wie er das Problem ein für alle Mal in den Griff bekommen will, muss das AKW abgeschaltet bleiben. Am besten wäre, Leibstadt würde für immer vom Netz genommen.“

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